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College-Football : Befleckte Legende

  • -Aktualisiert am

Im Fokus: College-Football-Trainer Joe Paterno Bild: dapd

Joe Paterno war eine Institution des College-Footballs. Nun wird er nach Missbrauchs-Verdächtigungen gegen einen Assistenten an der Penn State entlassen. Es bleibt nur die Bronzestatue vor dem Stadion.

          3 Min.

          Man kommt als Trainer einer amerikanischen Football-Mannschaft nicht so einfach auf eine Bilanz von 409 Siegen. Schon gar nicht im Collegesport, wo eine Saison klassischerweise aus fünfzehn Spielen besteht. Joe Paterno hat für diese Leistung stolze 46 Jahre gebraucht. Den letzten Erfolg errang der Coach der Pennsylvania State University Ende Oktober - an jenem Samstag, als die Region von einem frühen Schneesturm heimgesucht wurde. Es war ein zähes Ringen, bei dem seine Mannschaft erst im vierten Viertel mit einem Touchdown und einem Field Goal die Universität Illinois in die Knie zwang.

          Keine Wahl mehr: Paterno wurde zum Rückzug gezwungen Bilderstrecke
          Keine Wahl mehr: Paterno wurde zum Rückzug gezwungen :

          So wie bei jedem Heimspiel waren mehr als 100.000 Zuschauer Zeuge. Denn die Nittany Lions, wie man sie nach dem Namen ihres Maskottchens nennt, spielen in einer der größten Arenen der Welt, die bei jeder Partie ausverkauft ist. Beaver Stadium ist so etwas wie das architektonische Monument der Paterno-Ära, in der seine Teams zweimal Landesmeister wurden und jedes Jahr zu den Favoriten auf den Titel gehörten. Während er Tausende von jungen Footballspielern rekrutierte und trainierte, baute die Universitätsverwaltung das Stadion Schritt für Schritt weiter aus. Football in State College, wie die Studentenstadt in der Mitte von Pennsylvania offiziell genannt wird, ist ein Fünfzig-Millionen-Dollar-Geschäft.

          Mit dem Spiel wird sich die letzte Erinnerung an die außerordentliche sportliche Laufbahn des alten Herrn mit den dicken Brillengläsern und dem verknautschten Gesicht verbinden. Und vielleicht auch mit der kleinen Zeremonie nach dem Schlusspfiff, bei der der Universitätspräsident und der Chef des Sportabteilung dem 84-Jährigen eine Gedenktafel überreichten, mit deren Aufschrift auf typisch amerikanische Weise seine Lebensleistung aufs Wesentliche reduziert wurde: „Joe Paterno. Erzieher von Männern. Siegreichster Trainer im Division One Football.”

          Nicht mehr zu halten

          Mehr als diese Reminiszenz wird nicht bleiben. Denn im Verlauf von zwei turbulenten Wochen verlor der altväterliche Paterno - Spitzname JoePa - am Mittwochabend seinen Posten. Als Legende des amerikanischen Collegesports schien er eigentlich unkündbar. Doch angesichts schwerer Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Defensivtrainer Jerry Sandusky, der zahlreiche Jungen im Alter von sieben bis zwölf Jahren sexuell missbraucht haben soll, ließ er sich nicht mehr auf einem Posten halten, der als das Aushängeschild der Bildungseinrichtung mit ihren 44.000 Studenten gilt. Sie gehört nicht nur sportlich zu den angesehensten in den Vereinigten Staaten.

          „Joe Paternos Erbe wird auf alle Zeiten befleckt sein”, schrieb die Zeitung „USA Today“ am Donnerstag in ihrem Bericht über den Rauswurf eines Mannes, der wie kaum ein anderer das Urgestein einer uramerikanischen Institution repräsentiert - die Figur des patriarchalischen und gleichzeitig gütigen Collegecoaches. Ein Mann, der jahrelang die Geschichte einer Sportart symbolisierte, die einst an den Eliteuniversitäten des Nordostens in Abwandlung des Rugby-Spiels entwickelt worden war und deren Titelkämpfe bis heute von der mächtigen Geldmaschine der National Football League nicht an den Rand gedrängt werden konnte.

          Bronzestatue in Lebensgröße

          Paterno hatte ganz offensichtlich den Verdacht gegen Sandusky nicht ernst genug genommen. Es dauerte Jahre, bis staatsanwaltliche Ermittlungen Licht ins Dunkel brachten und das ganze Ausmaß der Vergehen in einer Anklage auf den Punkt brachten. Verwickelt sind auch die beiden Männer, die Paterno die Gedenktafel überreicht hatten. Auch sie wurden entlassen.

          Im Unterschied zu anderen Universitäten mit starken Football-Teams wie Miami oder Ohio State, in denen oft genug Sportstipendien an Studenten vergeben werden, deren geistiges Leistungsvermögen nicht reicht, am Seminarbetrieb teilzunehmen und die Examina zu bestehen, war Paterno, ein persönlicher Freund von Präsidenten wie Gerald Ford und George W. Bush, für das hohe akademische Niveau seiner Schützlinge bekannt. Der Coach und seine Frau spendeten darüberhinaus im Laufe der Jahre der Universität Millionen von Dollar.

          Vor dem Stadion steht eine Paterno-Bronzestatue in Lebensgröße, die den Coach mit flatternder Jacke und hochgestrecktem Daumen zeigt. Die Entlassung der Vaterfigur stieß bei einem Großteil der Studenten auf Unverständnis. Tausende strömten am Mittwochabend in die Campusstraßen, um teilweise erbost zu protestieren. Zu jenem Zeitpunkt hatte das Geschehen in State College längst den Stellenwert eines nationalen Fernsehspektakels erreicht, das live übertragen wurde.

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