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Claudine Vita : Die beste deutsche Diskuswerferin

  • -Aktualisiert am

Diskuswerferin Claudine Vita beim Diamond-League-Meeting in Paris. Bild: Imago

Sport als Motor – Claudine Vita ist die Nummer eins unter den deutschen Diskuswerferinnen. Sie hat die Arrivierten an der Spitze verdrängt. Ihre Geschichte ist ungewöhnlich.

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          Claudine Vita fällt im Diskusring immer mehr auf. Die 21 Jahre alte Deutschangolanerin ist in den vergangenen Wochen zur besten deutschen Diskuswerferin avanciert. Mit 65,15 Metern liegt sie vor den Arrivierten Anna Rüh, Shanice Craft, Nadine Müller und Julia Harting an der nationale Spitze. „Das war nach den Würfen im Training keine Überraschung“, sagt Vita. Die Studentin ist dennoch sehr bescheiden, fast demütig redet sie über ihre Lebensgeschichte, ihre Ziele und ihre Träume. Ihre Integration verlief ungewöhnlich.

          Claudine Vitas Eltern sind Mitte der neunziger Jahre aus dem Bürgerkrieg in Angola über Frankreich nach Deutschland geflohen, ihre Tochter wurde 1996 in Frankfurt/Oder als Angolanerin geboren, weil die Eltern keine Ausweispapiere mehr besaßen. Erst mit 17 erhielt sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Ihre Situation war geprägt vom Leben im Asylbewerberheim mit einer siebenköpfigen Großfamilie in einem Zimmer: Bescheidenheit und Zurückhaltung waren angesagt. Der Vater, ein Mathematiklehrer, hat dafür gesorgt, dass alle seine fünf Kinder perfekt die deutsche Sprache sprechen und hier das Abitur gemacht haben, vier von ihnen studieren inzwischen. Bildungsniveau als Voraussetzung zur Integration – und der Sport wurde für Claudine zur Chance und zum Motor.

          13 internationale Goldmedaillen

          Mit 15 Jahren kam Vita zu Wurftrainer Dieter Kollark nach Neubrandenburg, der schon zahlreiche Athletinnen zu Weltklassewerferinnen geformt hat: Astrid Kumbernuss, Franka Dietzsch, Stephanie Storp, Petra Lammert oder Liao Gong, die aktuelle Kugelstoß-Weltmeisterin aus China. Zusammen haben sie insgesamt 13 internationale Goldmedaillen gewonnen. Der Weg über das Sportgymnasium in Neubrandenburg führte Claudine Vita rasch in die internationale Juniorenklasse mit U-20- und U-23-Europameister-Titel mit Kugel und Diskus.

          Bei der Hallen-EM 2017 stieß sie als Fünfte mit der Kugel 18,09 Meter, ein erster Achtungserfolg bei den Aktiven. Nach einer Adduktoren- und Schambeinverletzung im Winter will sie sich aber vorerst nur noch ums Diskuswerfen kümmern. „Die genetischen Voraussetzungen mit einer schnellkräftigen Muskulatur sind die große Stärke von Claudine“, sagt Dieter Kollark. Er betreut die große Wurfhoffnung zusammen mit Astrid Kumbernuss, seiner ehemaligen Athletin und früheren Lebensgefährtin. Dreimal im Jahr fährt Kollark zu Trainingseinsätzen nach China, da übernimmt Kumbernuss komplett die Betreuung. Auch die Kugelstoß-Olympiasiegerin und dreimalige Weltmeisterin war zweigleisig mit Kugel und Diskus unterwegs und warf die Ein-Kilo-Scheibe immerhin auf 66,60 Meter. Möglicherweise werden Vitas Erfolge mit dem Diskus dieselbe Entscheidung hervorrufen.

          Diskus, das heißt schnelle Drehung, explosiver Umsprung, Schwungbein- und Wurfarmeinsatz in einem Käfig. All das hat Claudine Vita schon. Kollark und Kumbernuss wollen sie weiter formen. Bei ihrem ersten Einsatz in der Diamond League in Rom schied Vita im Vorkampf enttäuscht aus. „Nervosität eines Neulings“, diagnostiziert der Trainer. Beim Team-Weltcup im Londoner Olympiastadion holte sich Vita am Wochenende mit 62,92 ihren ersten internationalen Erfolg. „Das hat mich sehr gefreut, zumal ich damit eine Bestleistung für das (geschlossene) Stadion erzielt habe“, gab sie sich danach zurückhaltend.

          Weil sie für die EM in Berlin (6. bis 12. August) als einzige Diskuswerferin bereits nominiert ist, kann sie ohne Druck die nationalen Titelkämpfe an diesem Sonntag in Nürnberg (15.30 Uhr) angehen. „Erstmals deutsche Meisterin werden, das wär doch was“, sagt die junge Athletin vorsichtig. Sie muss sich dafür gegen die Etablierten und die ehemalige Weltmeisterschaftszweite Nadine Müller durchsetzen.

          Vitas Vorbild ist Jürgen Schult (Schwerin), immer noch der Weltrekordhalter und Bundestrainer. „Er ist ein sehr angenehmer Mensch, der mich beeindruckt“, erzählt Vita. Sie will ihrer Trainerin Kumbernuss deren persönliche Bestmarke abnehmen. Wöchentlich absolviert sie zehn Trainingseinheiten, studiert in Neubrandenburg frühkindliche Erziehung. Das ganz große Ziel aber ist die EM in Berlin. Vita liegt mit ihren 65,15 Metern in Europa auf Rang zwei hinter der kroatischen Überfliegerin Sandra Perković (71,38 Meter). Für die Neubrandenburgerin gibt es Anlass zum Träumen. Im Olympiastadion darf sie der lautstarken Unterstützung sicher sein. Ihre Familie wohnt inzwischen im Berliner Stadtteil Reinickendorf. „Über 20 Leute, die hinter mir stehen, haben bereits Karten gekauft“, freut sich Claudine Vita. „Eine Medaille bei der Heim-EM ist mein Ziel“, sagt sie. Im Sport habe sie bislang nur Toleranz, Offenheit und Akzeptanz erfahren, sagt sie. Auf der Straße nimmt sie aufgrund ihrer Hautfarbe schiefe Blicke und abfällige Kommentare wahr. Ihr Weg im Diskusring ist längst vorgezeichnet – im deutschen Trikot.

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