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Claudia Pechstein : Kampf bis aufs Blut

Die Sache ist immer noch nicht gelaufen: Claudia Pechstein will sich für die WM qualifizieren Bild: dapd

Claudia Pechstein gibt keine Ruhe. Seit sie um ihren Ruf kämpft, teilt sie die Welt in Freund und Feind. An diesem Samstag geht Pechstein in Erfurt wieder aufs Eis - mit dem Ziel WM im März. Zudem will sie eine Ausnahmegenehmigung.

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          Nehmen wir einmal an, Claudia Pechstein ist wirklich eine Doperin. Dann erreicht die Eisschnellläuferin nun den Gipfel der Dreistigkeit. Sie verlangt eine Ausnahmegenehmigung ausgerechnet für die Blutwerte, die Grundlage ihrer Sperre wegen Blutmanipulation sind. Zwei Jahre ist es her, dass die erfolgreichste deutsche Wintersportlerin, die fünfmalige Olympiasiegerin aus Berlin, die Frau, die bei Olympischen Spielen zweimal die deutsche Fahne trug, beim Weltcup in Hamar in Norwegen still und leise aus dem Wettkampf ausstieg. Der Weltverband ISU hatte sie darüber informiert, dass die Zahl der Retikulozyten in ihrem Blut über der Norm lägen - und sie gesperrt.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seit diesem Rückzug, der wie ein Geständnis wirkte, das sie dann aber schnell widerrufen hat, kämpft Claudia Pechstein umso lauter, entschlossener, ja: verzweifelter um die Freiheit, wieder Schlittschuh laufen zu dürfen - vor Gericht, bei Fernsehauftritten, mit einem Buch. Warum sie keine Ruhe gebe, seufzte Claudia Pechstein, als sie ihre Biografie vorstellt, das habe ihre Mutter sie früher auch immer gefragt. Mit drei Jahren stellte die Mutter sie aufs Eis, und seitdem unterschied Claudia Pechstein die Menschen als Gegner und als Unterstützer. Seit sie um ihren Ruf kämpft, teilt sie die Welt in Freund und Feind.

          Am vergangenen Dienstag waren die zwei Jahre Sperre um. Claudia Pechstein wird an diesem Samstag in Erfurt wieder ins Rennen gehen. Es soll das erste auf ihrem Weg zurück in den Weltcup und zur Weltmeisterschaft in Inzell im März sein. „Das wäre der größte Sieg meiner Karriere und ist mein größtes Ziel“, sagt sie, „zurückzukommen und wieder internationale Wettkämpfe zu bestreiten.“ 4:15 Minuten muss sie dafür über 3000 Meter erreichen. Vor zehn Jahren war sie die erste Frau, die für diese siebeneinhalb Runden weniger als vier Minuten brauchte; ihre Bestzeit steht bei 3:57,35. Zehn Tage nach Erfurt wird Claudia Pechstein 39 Jahre alt.

          Nehmen wir einmal an, Claudia Pechstein ist keine Doperin. Dann tut sie gut daran, sich um eine Ausnahmegenehmigung zu bemühen. Denn dann wird die Zahl ihrer Retikulozyten weiter stark schwanken. Gerhard Ehninger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie, hat ihr, nicht als Einziger, eine angeborene leichte Form der Kugelzellenanämie attestiert. Die muss man sich als temporäre Blutarmut vorstellen, die das Knochenmark immer wieder mal zwingt, neue rote Blutkörperchen zu produzieren. Bevor diese reif sind, heißen sie Retikulozyten. Aus dem Auf und Ab des Retikulozytenwertes hatten die Doping-Fahnder andere Schlüsse gezogen als Ehninger.

          Einen Fall Pechstein wie in Hamar wird es nie mehr geben

          Schließlich lief die Berlinerin nach dem Wechsel von Trainer Joachim Franke zu dem in Norwegen arbeitenden Amerikaner Peter Mueller immer schneller. Ende 2008 siegte sie in Moskau zum ersten Mal nach zwei Jahren wieder im Weltcup. Über 5000 Meter lief sie, mit 36 Jahren, in 6:49,92 Minuten das zweitschnellste Rennen ihres Lebens. Zum ersten Mal nach sechs Jahren gewann sie auch die 1500 Meter, in 1:55,96 Minuten, Bahnrekord. Da hielt es die ISU für angezeigt, das zu wagen, was Rad-, Ski- und Leichtathletikverband sich nicht trauten: eine verdächtige Athletin ohne direkten Nachweis von Doping und allein aufgrund eines einzigen Blutwertes über der Norm zu sperren. In Hamar schlug der Verband zu.

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