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Leichtathletik-DM : Der Bruderkampf der Hartings mit Zwischentönen

Der Altmeister: Robert Harting holt sich in Erfurt seinen zehnten deutschen Meistertitel. Bild: dpa

Die Hartings reden nicht miteinander, bei den deutschen Meisterschaften aber übereinander. Robert genießt seine Rolle als Herausforderer, Christoph scheitert fröhlich an der WM-Norm.

          Muss man nach Zwischentönen lauschen, wenn es im Superschwergewicht um Titel und Perspektiven geht? Muss man zwischen den Zeilen lesen, wenn verfeindete Brüder übereinander sprechen? „Geil!“, rief Christoph Harting, der Olympiasieger von Rio 2016, als Robert, sein großer Bruder und Olympiasieger von London 2012, in Erfurt zum zehnten Mal deutscher Meister im Diskuswerfen geworden war.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Eine geile Comeback-Story. Ich habe immer gesagt, dass dem Mann 65, 66 oder 67 Meter zuzutrauen sind, egal in welchem Zustand.“ Da hatte er selbst gerade den Wettbewerb und seine Qualifikation zur Weltmeisterschaft vermasselt. Vier Fehlversuche hatte er bei sechs Würfen, schaffte es mit 60,06 Meter gerade so in die Runde der Besten, schleuderte im vorletzten Durchgang den Diskus gar gegen den Pfosten des Wurfkäfigs. Mit dem letzten Wurf von 62,51 Meter wurde er Vierter – zweieinhalb Meter von der Qualifikationsweite entfernt.

          Doch Christoph Harting, 2,07 Meter lang, 120 Kilo schwer und mit seinen 27 Jahren ein halbes Jahrzehnt jünger als Robert, nahm seinen Abschied von der Saison, den diese Niederlage wohl bedeutet, mit Stil. Zum letzten Wurf seines Bruders stieg er auf eine Holzbank und applaudierte. Dann stellte er sich mannhaft den Fragen der Reporter, die er nach seinem Olympiasieg von Rio noch mit Schweigen und Bockigkeit brüskiert hatte. Sehe er eine Chance für die Nachnominierung für London?

          Nein, erwiderte er, eine Extrawurst wolle er nicht, für ihn führe der Weg zur WM durch kein Hintertürchen. Zwanzig bis dreißig Prozent habe er in diesem Jahr weniger trainiert als im Vorjahr und damit sehenden Auges die Teilnahme am Saisonhöhepunkt riskiert: „Wir haben gesagt: Wir lassen’s drauf ankommen.“ Die Sache habe auch ihr Gutes, behauptete der rothaarige Riese und schien gut gelaunt dabei. Der Urlaub, der nun für ihn beginne, werde länger als geplant. „Das Leben besteht nicht nur aus Sport“, sagte er. „Ich weiß, das können viele nicht verstehen, ist aber wirklich so.“

          Die WM in London im August findet ohne Christoph Harting statt.

          Das ist nur die halbe Geschichte, höchstens. Wenn es allein um Sport ginge, würde das Publikum davon sprechen, dass auch David Jasinski, der Dritte von Rio, sich nicht für London qualifiziert hat, als Fünfter von Erfurt mit einer Weite von 62,20 Meter. Da aber die Brüder Harting um die WM-Teilnahme kämpften, der eine der überragende Diskuswerfer seiner Zeit, der andere mit dem luckiest punch der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro, Brüder, die jahrelang gemeinsam trainierten und sich unversöhnlich überworfen haben, lauscht man ein wenig dem Lob Christoph Hartings nach. „Er erlebt einen Rückschlag und kommt zurück, erlebt einen Rückschlag, kommt zurück“, beschrieb dieser die Leidensjahre seines Bruders. „Das ist eine Gänsehaut-Story. Dies ist sein, hm, 32. Comeback.“

          Da sich die beiden, wenn sie sich beim täglichen Training am Olympiastützpunkt Berlin sehen, anschweigen, ist Interpretationen Tür und Tor geöffnet. Spielt Christoph auf das Alter von Robert Harting an, 32 Jahre, auf dessen Verletzungen und den Umstand, dass dessen sportliche Karriere gerade noch ein Jahr dauern wird? Robert Harting, der Altmeister des Gewerbes, hat nach Olympiasieg und drei Weltmeisterschaften mit Kreuzbandriss, Brustmuskelriss, diversen Knieoperationen und dem im Bett erlittenen Hexenschuss von Rio de Janeiro eine veritable Via Dolorosa beschritten. „Hätte man vor drei, vier Jahren Robert-Harting-Aktien gekauft, wäre man jetzt vermutlich bankrott“, spekulierte er in Erfurt – auch er gut gelaunt. „Aber hätte man sie Anfang des Jahres gekauft, hätte man fünf-, sechshundert Prozent Plus gemacht.“ Will sagen: Der Athlet ist vom Leidensweg auf die Siegerstraße eingebogen. „Wenn die Kids nicht wollen“, resümierte er mit Blick auf die durchweg jüngere Konkurrenz, „dann mache ich das jetzt.“

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          Längst hat der alte Kämpfer nicht mehr die Dynamik, die er für große internationale Erfolge braucht. Ja, der neue Trainer Marko Baruda sei ein hervorragender Sportwissenschaftler und Trainer, sagte er, auch ihm selbst falle immer noch etwas ein. „Aber wir brauchen einen Körper, der liefern kann.“ Weil das eben nicht mehr uneingeschränkt möglich sei, sehe seine neue Taktik so aus: „Ich werfe 65 bis 66 Meter und warte, bis der Wettkampf vorbei ist. Das ist ein bisschen langweilig.“

          Steckt in der Selbstbeschreibung als gestresster Herausforderer, der es mit einer, wie er sagt: „B-Technik“ zum Titel in Deutschland und zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft in London bringt, nicht auch ein Stachel gegenüber den anderen und vor allem deren erfolgreichsten Werfer? „Im Wettkampf habe ich mich auf mich konzentriert. Da lasse ich die Familie außen vor“, antwortet Robert Harting. „Das Problem ist, dass man beschlossen hat, sich getrennt zu konzentrieren. Und gut ist.“

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