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Christina Obergföll : Endlich gut sein, wenn’s drauf ankommt

Christina Obergföll will noch einmal den ganz großen Wurf landen Bild: dpa

Am Samstag gewinnt sie in Paris, am Sonntag will sie deutsche Meisterin in Ulm werden. Speerwerferin Christina Obergföll profitiert von ihrer neugewonnenen Sicherheit. Daran haben auch zwei Männer Anteil.

          3 Min.

          Christina Obergföll ist glücklich. Der Mann ihres Lebens hat im Winter seine Wohnung in Saarbrücken aufgegeben und ist zu ihr nach Offenburg gezogen. Im September wird geheiratet. Das Haus, in das sie ziehen werden, ist schon gekauft. „Das einzige Manko“, sagt sie. „Es hat nur ein einziges Kinderzimmer.“

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch sportlich läuft es hervorragend für die 31 Jahre alte Speerwerferin, die bei den Olympischen Spielen von London im vergangenen Jahr die Silbermedaille gewann. Ihr Zukünftiger ist im neuen Jahr auch ihr Trainer geworden: Boris Henry, der Speerwurf-Bundestrainer der Männer. In der Diamond League führt sie mit drei Siegen in den drei Wettbewerben von New York, Eugene und Rom, und auch bei der Team-Europameisterschaft in Gateshead gewann sie ihren Wettbewerb.

          Die 67,70 Meter von Eugene, ihr bester Wurf in diesem Jahr, hat allein die Russin Maria Abakumowa mit 69,34 Meter übertroffen. Christina Obergföll ist zuversichtlich, in diesem Jahr endlich ihre Bestleistung von 70,20 Meter zu übertreffen. Am Samstagabend gewann sie mit 64,74 Metern im Stade de France in der Diamond League, am Sonntagmorgen flog sie im Privatjet ihres Sponsors nach Memmingen. Nach einem Mittagsschläfchen will sie am Nachmittag in Ulm zum fünften Mal deutsche Meisterin werden.

          „Ich bin in Super-Form. Ich habe keinerlei Sorge, dass ich etwas falsch mache“, sagt sie. Und doch hat sie manchmal ein ungutes Gefühl von Déjà-vu. Vor zwei Jahren gewann sie mit vier Triumphen überlegen in der Diamond League. Sie wurde deutsche Meisterin. Dann kamen die Weltmeisterschaften von Daegu. Die Favoritin Obergföll gewann nicht einmal eine Medaille.

          Gedanken an einen Rücktritt vom Sport

          „Ein Desaster“, sagt sie im Rückblick. „Ich habe damals ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich mit dem Sport aufhöre. Ich habe Monate gebraucht, um das zu verarbeiten.“ Anders als bei der Enttäuschung 2009, als sie bei der Weltmeisterschaft in Berlin Fünfte wurde, entschuldigte sie diesmal kein im Nachhinein diagnostizierter Bandscheibenvorfall. Lustlos und unzufrieden begann sie das Training für die Olympiasaison.

          Dass sie heute zwar von der Ahnung sprechen kann, dass ihre vielen Erfolge nicht unbedingt zu einem glücklichen Abschluss der Saison führen müssen, sie dabei aber gelassen bleibt, hat mit dem Sportpsychologen Hans Eberspächer zu tun. Dieser hat sein Wirken in dem Buchtitel zusammengefasst: „Gut sein, wenn’s drauf ankommt“.

          Die Auswahl ist so groß: Die Speerwerferin musste erst wieder zu sich finden
          Die Auswahl ist so groß: Die Speerwerferin musste erst wieder zu sich finden : Bild: dpa

          Seit dem Tief 2011 konsultiert Christina Obergföll diesen Guru der erfolgsorientierten Geisteshaltung. Er hat ihr geholfen, auf das zu vertrauen, was sie sich erarbeitet hat, und es nicht aufzugeben, wenn die ersten Würfe misslingen. Sie etabliert dafür eine Routine, an der sie arbeiten und die sie eintrainieren muss. „Das ist das entscheidende Element im Wettkampf“, sagt sie. „Das ist wichtiger als das, was Boris mir in dem Moment sagt.“ Auch im Studium, bei Präsentationen profitiert sie von ihrer neugewonnenen Sicherheit.

          Endlich will Christina Obergföll in dieser Saison den Titel gewinnen, den ein überlegener Saisonverlauf ihr so oft schon versprochen hat. „Wenn das nie mehr klappen würde mit der Goldmedaille, wäre das kein Weltuntergang“, sagt sie. „Ich hätte nicht das Gefühl: Ich bin die Unvollendete.“

          „Da gebe ich mir völlige Freiheit“

          Diese Souveränität, die ihr nichts von ihrem Ehrgeiz nimmt, hat mit der neuen Perspektive zu tun, die ihr die Partnerschaft mit Boris Henry eröffnet und die ihr die einstige Konkurrentin Barbora Spotakova vorlebt. Die tschechische Olympiasiegerin hat eine Pause eingelegt, einen Jungen zur Welt gebracht und lässt Christina Obergföll per Mail wissen: „Das ist das Beste, was mir passieren konnte.“

          Die eigene Babypause will Christina Obergföll nicht von ihrem Abschneiden bei den Weltmeisterschaften in Moskau im August abhängig machen. „Da gebe ich mir völlige Freiheit“, sagt sie. Es brauche nicht den Titel, um für eine Saison Wettkampf Wettkampf sein zu lassen. Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016 sollen das große Finale ihrer Karriere werden. Wenn sie dort siege, werde sie allein deshalb ein Jahr weitermachen, um sich von Wettkampf zu Wettkampf feiern zu lassen.

          Die Partnerschaft mit Boris Henry eröffnet ihr ganz neue Perspektiven
          Die Partnerschaft mit Boris Henry eröffnet ihr ganz neue Perspektiven : Bild: Pilar, Daniel

          Was sie derzeit hat, ist das Gegenteil davon: Deutschland ist eines der wenigen Länder auf der Welt, in denen die nationale Konkurrenz im Speerwerfen internationales Niveau hat. Erst in Konkurrenz mit Steffi Nerius, der Weltmeisterin von Berlin 2009, nun im Wettbewerb mit Linda Stahl, der Europameisterin von Barcelona 2010, lässt sich Christina Obergföll zu ihren Leistungen herausfordern.

          Bei den Olympischen Spielen von London haben sie und Linda Stahl sich mit der Silber- und der Bronzemedaille belohnt. „Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Leistungen gewürdigt werden“, klagt die Athletin. Wie eine Bestätigung wirken die elf Porträts, mit denen der Deutsche Leichtathletik-Verband unter dem Rubrum „Top-Athleten“ auf seiner Internetseite für die deutsche Meisterschaft in Ulm wirbt: Die Speerwerferinnen fehlen. Christina Obergfölls Kommentar: „Das ist ein Witz.“ Aber sie lacht nicht.

          „So ist es leicht und angenehm“

          Seit die Speerwerferin mit dem Speerwurf-Trainer zusammenlebt, so paradox kann es gehen, dreht sich im Leben der beiden nicht mehr alles um ihren Sport. Das, was sie früher zu Hause besprachen, wenn sie vom Training kam, diskutieren sie nun auf der Wurfanlage. „Vielleicht hätten wir früher zusammenziehen sollen“, sagt sie. „So ist es leicht und angenehm.“ Klingt wie ihr Leben.

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