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Chris Kaman : „Ich bin der Bäng-Bäng-Typ“

Aufräumer aus Amerika: Chris Kaman fühlt sich unter den Basketball-Körben wohl Bild: dapd

Chris Kaman steht im Schatten von Dirk Nowitzki - dabei ist er für das deutsche Basketball-Team bei der EM fast genauso wichtig. An diesem Sonntag (20.00 Uhr) will er gegen Serbien seinen Wert wieder einmal unter Beweis stellen.

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          Chris Kaman tickt anders. Selbst Dirk Nowitzki, sein Kollege aus der besten Basketball-Liga der Welt, nennt ihn freundschaftlich „verrückt“. Seine Leidenschaft für Autos und für Waffen ist - mindestens - überdurchschnittlich zu nennen. Im Internet ist zu sehen, wie Kaman mit einer Kanone ein Auto zerschießt und mit einem Panzer eine Probefahrt unternimmt. Vor drei Jahren hat er, dank seiner aus Deutschland stammenden Urgroßeltern, die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten und spielt, wie bei den Olympischen Spielen vor drei Jahren, wieder für die Nationalmannschaft. Bei der Europameisterschaft in Litauen will sie sich für die Olympischen Spiele in London 2012 qualifizieren.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Neben seinen Spleens und seiner Exzentrik hat der 2,13 Meter große und 120 Kilogramm schwere Kaman ein Problem: Menschenmengen machen ihm Angst. Bis vor fünf Jahren glaubte er, er leide am Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom (ADS). Dann erst stellte eine Initiative namens Hope 139 in Grandville, Michigan, fest, dass Kaman als Zweieinhalbjähriger Opfer einer falschen Diagnose und, schlimmer noch, in der Folge Gegenstand einer Fehlbehandlung war. Von klein auf hatte er Ritalin nehmen müssen, ein Psychomedikament, eigentlich ein Aufputschmittel, das allerdings Kamans Aktivität und seine Wahrnehmung dämpfte und ihn klapperdürr machte. Es steht auf der Doping-Liste.

          Aufgewachsen auf einer Farm in Michigan, fiel der kleine Chris ständig unangenehm auf. Er wurde viel bestraft. Nicht einmal gemeinsam ins Kino habe die Familie wegen seiner Hyperaktivität gehen können, erzählt seine Mutter Pamela. Da kamen die Diagnose und vor allem die Wirkung des Ritalin gerade recht. Tim Royer, Vorsitzender von Hope 139, erklärt, was passierte. In Wirklichkeit habe Kaman an einer Angstpsychose gelitten. Ständig habe sein Gehirn die Situation analysiert, ständig sei es in einer Art Alarmzustand gewesen.

          „Ich hatte Spielzüge und Aufgaben vergessen“

          Als Kaman auch noch das Aufputschmittel Ritalin einnahm, brach das System zusammen, Kamans Energie war verschwunden - scheinbar trat der gewünschte Effekt ein. Erst auf dem College befreite sich Kaman von der Droge, die einen starken Suchtfaktor hat - gegen den Widerstand seines Trainers, der die Mutter sogar um Arzneirezepte bat. Nach einer umfassenden Untersuchung bei Hope 139 ging der Basketballprofi, der schon seit Jahren bei den Los Angeles Clippers Millionen verdiente, vor fünf Jahren an die Öffentlichkeit: „Ich fühlte mich, als ob ich aus meiner eigenen Haut krieche“, erzählte er. „Ich hatte Spielzüge und Aufgaben vergessen.“

          Er hatte bemerkt, dass eine Spannung von ihm abfiel, als er das Medikament abgesetzt hatte; endlich nahm er auch zu. Kaman hatte Erfolg als College-Sportler; wegen seines angeblichen ADS verzichteten allerdings manche NBA-Klubs darauf, ihn zu verpflichten. Um Kindern und Jugendlichen ein Leben auf Ritalin zu ersparen, habe er seinen Fall bekanntgemacht, sagt Kaman. Laut Hope 139 sind in Amerika 15 Prozent der Befunde von ADS bei Kindern Fehldiagnosen.

          In Siauliai, wo die deutsche Nationalmannschaft ihre Gruppenspiele bestreitet, steht an diesem Sonntagabend die Partie gegen Serbien auf dem Programm. Der freie Samstag zuvor hatte für Kaman schon am Freitagabend begonnen. Als die Niederlage der deutschen Nationalmannschaft beim 65:76 gegen Frankreich nicht mehr aufzuhalten schien, holte Bundestrainer Dirk Bauermann erst Nowitzki und dann Kaman vom Feld. Seine beiden Riesen aus der NBA fünf Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit auf die Bank zu setzen, war, als schwenkte er die weiße Fahne.

          „Mein erstes Ziel ist Rebounding“

          Kaman brütete bei einer Bilanz von acht Punkten und fünf Rebounds auf der Bank. Ohne ein Wort stapfte er aus der Halle. Was er gemeinhin sagt, ist dies: „Mein erstes Ziel ist Rebounding. Ich kann punkten. Aber wenn wir Körbe brauchen, geben wir Dirk den Ball.“ In der Hitze des Gefechts scheint er das gelegentlich zu vergessen. „Ich habe Chris auf der Bank gelassen, weil er müde war“, behauptete Bauermann zwar.

          Doch womöglich war ihm das Spiel seines Aufräumers aus Amerika zu riskant. Kaman dribbelte, und fünf seiner neun Würfe gingen daneben. Fünf Rebounds trug er zu den dreißig der deutschen Mannschaft bei. Dank der siebzehn Abpraller, die er beim Sieg über Italien schnappte, ist Kaman mit im Schnitt 13,5 als Rebounder immer noch unübertroffen bei der Europameisterschaft.

          „Ich mag's nicht immer so ernst“

          Was seine Treffsicherheit angeht, befindet sich Kaman bei der EM immerhin in Reichweite der anderen Größen des Basketballs. Der Franzose Tony Parker führt die Liste an (28 Punkte), Nowitzki ist Dritter (22), Kaman kommt auf durchschnittlich 14,3 Punkte - und er will weiter zeigen, was er kann. „Ich bin eher der Bäng-Bäng-Typ“ - so charakterisiert Kaman selbst seine Spielweise. „Mit Hooks und Turn-around Jumps“, mit Hakenwürfen und Sprungwürfen aus der Drehung, will er punkten - und geht dabei schon mal weg von der Zone. Kaman schießt einfach gern - nicht nur mit dem Ball.

          Auf seiner Website exploringkaman.com prangt ein Emblem, das an das Logo der NBA mit dem dribbelnden Basketballspieler erinnert. Nur dass die Silhouette jene von Chris Kaman ist. Breitbeinig steht er da, in der linken Hand zwei Angelruten, in der rechten ein Gewehr. „Ich mag's nicht immer so ernst“, sagt Kaman. „Ich will meinen Spaß.“ Ausgerechnet auf Schloss Neuschwanstein hatte Kaman vor wenigen Wochen eine Angstattacke. Der Strom der Touristen löste sie aus. Kaman brauchte eine Auszeit. Am Sonntag soll er wieder ins Getümmel unter dem Korb.

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