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Radsport-Star Chris Froome : „Darüber kann ich nur lachen“

  • -Aktualisiert am

Harter Weg zurück: Froome beim Etappenrennen Critérium du Dauphiné Bild: AFP

Chris Froome wollte Radsportgeschichte schreiben, dann stürzte er schwer. Nun fährt er deutlich hinterher, mitunter auf fast demütigende Art und Weise. Schafft er es überhaupt noch zur Tour de France?

          3 Min.

          Jetzt, um diese Zeit herum, hätte Chris Froome eine dieser inspirierenden Sportlergeschichten verkörpern sollen. Hätte seiner Vita als einer der besten Radfahrer der Welt noch eine neue Erzählung anfügen sollen: den Weg vom strahlenden Superstar über den am Boden liegenden Schmerzensmann zurück zum strahlenden Superstar. Das Drehbuch war geschrieben, doch der Zeitplan ist durcheinandergeraten – und wird vielleicht gar nicht mehr verwirklicht. Denn Froome, der einstige Dominator seiner Zunft, viermaliger Tour-de-France-Sieger zwischen 2013 und 2017, fährt dem Peloton deutlich hinterher. Mitunter auf fast demütigende Art und Weise. Auch noch knapp 16 Monate nach seinem Comeback.

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          Die einwöchige französische Rundfahrt Critérium du Dauphiné in der vergangenen Woche hatte Froome selbst als Leistungstest deklariert, an dem er sich messen lassen möchte. Gerade an den steilsten Anstiegen und im Zeitfahren, wo er einst seine Stärken hatte. Heraus sprang Rang 47 mit knapp 42 Minuten Rückstand auf den Sieger. Froome wusste sich zu keiner Minute des Rennens in Szene zu setzen – so wie bei fast all seinen 4800 Rennkilometern bei fünf Etappenrennen in diesem Jahr. „Von diesem Level aus“, sagte Froome, „werde ich in wenigen Wochen nicht die Tour de France gewinnen.“

          Das Ziel, für das er vom aufstrebenden Team Israel Start-Up Nation (ISN) zu Jahresbeginn verpflichtet und langfristig gebunden worden ist, wird also vertagt. Was längst keine Überraschung mehr ist. Für den Briten geht es mittlerweile nur noch darum, von seiner Equipe überhaupt für die am 26. Juni beginnende Frankreich-Rundfahrt nominiert zu werden. Für das größte und wichtigste Rennen, das seine Karriere definiert hat.

          Unzufriedene Sportverantwortliche

          Der Sportliche Leiter von ISN, der Belgier Rik Verbrugghe, äußerte neulich, dass Froome sich zwar konstant verbessere, aber das Team es gerne gesehen hätte, dass die Leistungskurve exponentieller steige. Kurzum: Die sportlich Verantwortlichen sind unzufrieden damit, dass der wohl bestbezahlte Rennfahrer der Welt in ihren Reihen den Erwartungen, die an den Namen Froome geknüpft sind, nicht gerecht wird. Die Frage ist nur, ob Froome nach seinem Horrorunfall überhaupt so „schnell“ wieder auf altes Niveau kommen konnte.

          Ziemlich genau zwei Jahre ist es her: Bei einer Streckenbesichtigung bei der Dauphiné-Rundfahrt war er mit über 50 Kilometern pro Stunde in eine Hauswand gekracht und erlitt diverse Knochenbrüche. Der Radsport, den er zuvor mit schier übermenschlichen Kräften und der klinischen Präzision des einstigen Teams Sky dominierte, hatte ihn auf die Intensivstation gebracht.

          Weiter Weg zurück

          „Ich weiß, wo ich hergekommen bin. Vor einem Jahr saß ich auf dem Rad und fuhr Rennen, bevor ich überhaupt wieder richtig laufen konnte. Bei der Dauphiné zu sein, richtig zu laufen, keine Probleme zu haben, im Rennen zu sein ist schon ein großer Fortschritt“, sagte Froome. Der in Kenia geborene Athlet tut in Sachen Öffentlichkeitsarbeit seit Monaten quasi nichts anderes, als sein körperliches Vorankommen zu beschwören, aber auch darzustellen, wie weit der Weg zurück an die Spitze sei. „Ich konzentriere mich nur darauf, auf mein altes Niveau zu kommen. Schritt für Schritt“, sagte Froome.

          Das klang bei seiner Verpflichtung durch das vom schillernden Milliardär Sylvan Adams subventionierte Team ISN noch anders. Beim israelischen Team wollte Froome eindringen in den exklusiven Zirkel jener Fahrer, die fünfmal die Tour de France gewonnen haben. Die aktuellen Mitglieder sind: Miguel Indurain, Bernard Hinault, Eddy Merckx und Jacques Anquetil. „Mit Chris werden wir zu neuen Höhen aufbrechen und die Spitze dieses Sports erreichen“, so ISN-Miteigentümer Adams. Die Radsportunternehmung, die 2019 noch zweitklassig fuhr, war mit der Froome-Verpflichtung neu profiliert und Knall auf Fall im WorldTour-Ranking aufgestiegen.

          Eine Fehlinvestition?

          Zumindest was die Publicity angeht. Nur werden, wenn Froome weiter nicht sportlich in Erscheinung tritt, die Schlagzeilen wohl weniger werden. Ist der Deal eine große Fehlinvestition? Scheitert die Wette auf Froome, der im Jahr über fünf Millionen Euro kassieren soll? Zumal es ein schmaler Grat ist für ein Radteam, wenn die Bezüge eines Superstars die der anderen bei Weitem übertrifft, dieser aber bei den großen Rennen nicht als Anführer auftritt, hinter dem sich alle versammeln können.

          Er habe in der Regeneration nach dem Unfall Fehler gemacht, sagte Froome, weil er zu schnell wieder aufs Rad gestiegen sei. In seinem letzten von elf glanzvollen Jahren beim Team Ineos – inklusive des Dopingschattens, den 2018 ein Nachweis eines erhöhten Wertes des Asthmamittels Salbutamol auf seine Karriere legte – wollte er schon bei der Tour de France 2020 seine große Comebackgeschichte schreiben. Das britische Team nominiert ihn aber nicht für die Frankreich- sondern für die Spanien-Rundfahrt.

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          Doch bei der Vuelta später im Jahr verlor Froome schon auf der ersten Etappe happige elf Minuten. Und auch für ISN tummelt er sich seitdem im Hinterfeld des Pelotons, regelmäßig abgehängt von Fahrern, die früher bei Weitem nicht seine Kragenweite waren. Froome hat sich bei seinen Bemühungen, wieder den einstigen Druck auf die Pedale zu bekommen, jedenfalls ein dickes Fell zugelegt. All den unzähligen in den etablierten und sozialen Medien geäußerten Meinungen, dass es Zeit wäre, dass er sein Rad an den Nagel hänge, entgegnete er unlängst in einer Videobotschaft: „Darüber kann ich nur lachen.“

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