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Choreograph Mannes im Gespräch : „Im Ballett-Training funktioniert Demokratie nicht“

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Keine falsche Bewegung: Balletttraining ist Koordinationstraining Bild:

„Theater und Sport haben nur dann Erfolg, wenn sie Emotionen auslösen“, sagt Jörg Mannes. Der Chef-Choreograph und Ballett-Direktor im Gespräch mit Michael Eder über Sport und Tanz, Wunder und extreme Disziplin.

          Jörg Mannes, 1969 in Wien geboren, wurde im Alter von acht Jahren in die Ballettschule der Wiener Staatsoper aufgenommen. 1985 wurde er Mitglied des Balletts. Sechs Jahre später ging er als Solotänzer an die Deutsche Oper am Rhein nach Düsseldorf und gab dort später sein Debüt als Choreograph. Nach Stationen in Bremerhaven und Linz wechselte Mannes mit Beginn der Saison 2006/07 als Chef-Choreograph und Ballett-Direktor an die Staatsoper Hannover. Mannes im Gespräch über Sport und Tanz, Wunder und Emotionen und extreme Disziplin.

          Die österreichischen Skirennläufer trainieren bisweilen mit Ballett-Tänzerinnen. Haben Sie das gewusst?

          Nein, aber wenn Sie das so sagen, überrascht es mich nicht. Ballett hat viel mit Balance zu tun, mit Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung, mit Körperspannung. Das alles ist für Skirennläufer sinnvoll.

          Ballett hat viel mit Balance zu tun, mit Gleichgewicht, Gewichtsverlagerung und Körperspannung

          Bei einem Fußballspiel geht es darum zu gewinnen. Welches Ziel hat ein Ballett?

          Da gibt es kein Höher, Schneller, Weiter, es geht nicht um gewinnen oder verlieren. Ziel eines Balletts ist es, das Publikum in den Tanz hineinzuziehen, die Menschen zu berühren. Theater und Sport haben nur dann Erfolg, wenn sie Emotionen auslösen. Sport und Ballett sind zwei Arten, Emotionen zu erzeugen und darzustellen.

          Welche Beziehung haben Sie zum Sport?

          Ich fahre Rad, um irgendwo hinzufahren, und nicht, um Rad zu fahren. Ich bin kein großer Sportfan, ich empfinde Sport als etwas sehr Selbstzweckmäßiges. Ballett ist eine andere Welt, es hat mehr Seele. Wenn ich mit einem Orchester tanze, muss ich auf die Musiker reagieren. Gleichzeitig muss ich Emotionen darstellen, und es ist sehr schwierig, die Balance zu halten zwischen Emotion und Bewegung. Wir benutzen die Bewegung, um noch etwas anderes zu tun. Tanz ist eben kein Sport.

          Was ist mit Eiskunstlauf?

          Die Grenzen sind fließend, wobei beim Eiskunstlauf wieder ein Regelwerk greift, das einschränkt und gegen die Kunst wirkt. Natürlich gibt es auch Sportler, die sich auf eine Weise präsentieren, die etwas von einer künstlerischen Vorstellung hat. Zidane war so einer, auch Baggio auf seine Weise.

          Ein Tänzer an einer Staatsoper verdient selten mehr als 30.000, 40.000 Euro im Jahr. Wenn Fußballprofis das Zehnfache kassieren, sind sie in ihrer Zunft Geringverdiener. Wie kommen solche Unterschiede bei Ihnen an?

          Was in der Bundesliga verdient wird, erreichen auch Welt-Spitzentänzer nicht, obwohl die Anforderungen an sie um einiges höher sind. Wenn man Tänzern erzählt, was im Fußball verdient wird, sind sie schon frustriert. Aber diese Summen haben ja auch einen Grund. Und dieser Grund ist, dass der Fußball Emotionen für die große Masse umsetzt. Dadurch gewinnt er seinen Wert. Im Sport geht es ja nicht nur darum, wer wie schnell läuft, es geht auch um Emotionen. Insofern ist es auch „Theater“, nur in einer anderen, von den Medien vervielfachten, vergrößerten Weise.

          Wie sehr bestimmt der öffentliche Auftritt das Wesen des Sports?

          Das Tolle am Sport und am Theater ist, dass es live stattfindet und deshalb einmalig ist. Kein Spiel, keine Aufführung ist wiederholbar. Als Zuschauer hofft man immer auf die Überraschung, auf den Kick, auf dem Fußballplatz wie im Theater. Deshalb geht man hin. Das ist, was die Menschen anzieht: die Hoffnung, einen außergewöhnlichen Augenblick mitzuerleben, eine außergewöhnliche Emotion. Man will sagen können: Ich bin dabei gewesen.

          Also sind Sport und Ballett doch nahe beieinander?

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