https://www.faz.net/-gtl-9p551

CHIO in Aachen : Ahlmann ist ein Reiter auf Wolken

  • -Aktualisiert am

Auf angriff eingestellt: Christian Ahlmann mit dem Schimmelhengst Clintrexo Bild: Picture-Alliance

Während der ersten Tage des CHIO in Aachen macht Christian Ahlmann den Eindruck, als hätte sich für ihn das Traditionsgeläuf der Reiterei in rosa Wolken verwandelt. Kein Wunder, er hat gleich zwei Gründe zu schweben.

          Dieser Mann leuchtet. Christian Ahlmann hat wahrlich schon andere Zeiten erlebt, aber während dieser ersten Tage des CHIO in Aachen macht er den Eindruck, als hätte sich für ihn das Traditionsgeläuf der Reiterei in rosa Wolken verwandelt. Kein Wunder, er hat gleich zwei Gründe zu schweben: Einen kleinen, lebenden und einen auch wichtigen, bürokratischen. Den ersten kann man auf dem Bildschirm seines Smartphones bestaunen. Klein-Ella, erst anderthalb Wochen alt und sehr brav, wie der Vater sagt. „Das wichtigste ist“, sagt Ahlmann zuallererst, „dass meine Tochter gesund auf die Welt gekommen ist.“ Der zweite Grund ist beruflicher Natur: Ahlmann ist endlich zurückgekehrt in den Schoß der Familie, er reitet nach mehr als zweieinhalb Jahren Pause wieder für die Nationalmannschaft, und das aus dem Stand gleich in Aachen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Es war schon von Anfang an ein bisschen so, als wäre er nie weg gewesen. Ob auch die trickreichen Kombinationen, die riesigen Oxer und der breite Wassergraben in den beiden Runden des Nationenpreises an diesem Donnerstag (19.30 Uhr im WDR) sich noch wie rosa Wölkchen anfühlen werden für ihn und seinen Hengst Clintrexo? Das weiß man vorher natürlich nie. Ahlmann, der zuletzt zuschauen musste, freut sich jedenfalls darauf. „Das ist immer ein Supertag“, sagt er. „Mit dieser Stimmung ist nichts zu vergleichen.“ Eine Rückkehr, und das am höchsten Feiertag des Nationenpreiskalenders – besser hätte er es sich nicht erträumen können.

          Vom Buhmann zur Entschuldigung

          Ausgerechnet am Montag vor einer Woche, dem Tag, als Klein-Ella zur Welt kam, wurde bekannt, dass der 44 Jahre alte Routinier aus Marl sich mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung geeinigt und die Athletenvereinbarung unterschrieben hat. Das war für ihn ein schwerer Schritt, dessen Gründe schon elf Jahre zurück liegen, die ihn aber geprägt haben. Der Verband ließ ihn nach einem Medikationsfall während des olympischen Turniers in Hongkong nicht nur fallen, sondern sorgte vor dem Sportgericht dafür, dass seine ursprünglich viermonatige Sperre verdoppelt wurde. Ahlmann war der Buhmann in einer Szene, deren Glaubwürdigkeit immer wieder in Zweifel gezogen wird, was wiederum kein Wunder ist nach zahlreichen Skandalen der Vergangenheit.

          Der Verband ist Ahlmann mit ein paar Änderungen der Athletenvereinbarung, die Rechte und Pflichten zwischen beiden Seiten regelt, entgegengekommen. Entscheidend aber war: Er hat wieder Vertrauen gefasst, wenn auch vorsichtig, vor allem, weil sich Verbandspräsident Breido Graf Rantzau dazu bekannt hat, damals einen Fehler gemacht zu haben. „Das hat am besten getan.“ Auch an der Arbeitsgruppe, die, wie vom Verband offeriert, im Herbst die Athletenvereinbarung komplett neu entwickeln soll, möchte Ahlmann sich beteiligen. „Da bin ich gerne dabei“, sagt er.

          Nun sind alle erleichtert, satteln die Pferde und wollen an diesem Donnerstag auf Angriff reiten. Die deutsche Equipe könnte den Nationenpreis zum vierten Mal nacheinander gewinnen – und mit einem Satz die bisher enttäuschend verlaufene Nationenpreis-Saison, ohne einen Podestplatz, ins Gegenteil verkehren. Neben Ahlmann mit dem Schimmelhengst Clintrexo werden der zweite Heimkehrer Daniel Deußer mit dem braunen Wallach Calisto Blue, Marcus Ehning mit dem Fuchshengst Funky Fred und Weltmeisterin Simone Blum mit ihrer Fuchsstute Alice für Deutschland starten.

          Eine so prestigeträchtige Mannschaft hatte Bundestrainer Otto Becker schon lange nicht mehr am Start. Man könnte sie in dieser Besetzung glatt nächstes Jahr zu den Olympischen Spielen nach Tokio schicken – dafür braucht man drei Paare plus Ersatzpaar –, lägen davor nicht die Unwägbarkeiten eines ganzen Reiter- und Pferdejahres. Es ist aber jetzt schon so, als wäre für Ahlmann vor lauter Erleichterung ein Damm gebrochen. „Ob da ein Zusammenhang besteht, weiß man nicht“, sagt er lachend. „Aber man schlägt vielleicht befreiter auf, wenn viele Dinge aus dem Kopf raus sind.“

          Clintrexo muss sich beweisen

          Nur fünf Tage nach Ellas glücklicher Geburt gewann er mit dem jungen Hengst Take A Chance On Me in Paris das Springen der hart umkämpften, weil hochdotierten Global Champions Tour. Noch so ein begabtes Pferd vom belgischen Gestüt Zangersheide, das von Judy-Ann Melchior, seiner Lebensgefährtin und Mutter seiner beiden Kinder geleitet wird. Die Zuchthengste machen so springend Werbung für ihre eigenen Gene.

          Aber natürlich müssen Ahlmanns Pferde sich wie alle Championatskandidaten erst für die große Aufgabe empfehlen, zunächst einmal für die Europameisterschaften im August in Rotterdam. Clintrexo hatte im April beim Weltcup-Finale, dem wichtigsten Hallenwettbewerb, in Göteborg enttäuscht. Nach einem gelungenen ersten Tag verschlechterten sich die Leistungen.

          In Aachen muss er nun Durchhaltevermögen beweisen. Beim ersten Auftritt, einem Springen am Mittwochvormittag, fiel jedenfalls keine Stange – wie bei allen vier Mitgliedern der Equipe. Drei, darunter Ahlmann, überschritten das Zeitlimit und bekamen dafür Strafpunkte – sie wollten es schonend angehen. An diesem Donnerstag wird sich zeigen, ob der erst zehnjährige Clintrexo an Konstanz hinzugewonnen hat. Und falls er sich dabei für den Großen Preis am Sonntag qualifiziert, ist die Belastungs- und Bewährungsprobe durchaus mit einem großen internationalen Titelkampf zu vergleichen. Bis Tokio will Ahlmann seine Pferde ohnehin weiterentwickelt haben. Auf einmal kann er sich vorstellen, dass alle seine Pläne gelingen und er nicht nur zwei Olympiakandidaten, Clintrexo und Take a Chance On Me, unter dem Sattel hat: „Ich hoffe“, sagt er, „ich habe dann vier.“

          Weitere Themen

          Keine Rapinoe in Sicht

          Frauenfußball-Bundesliga : Keine Rapinoe in Sicht

          Die Fußball-Bundesliga der Frauen startet in ihre 30. Saison. Es wird wieder einen Zweikampf zwischen Wolfsburg und München um den Titel geben. Aufbruchstimmung ist bislang nicht zu verorten.

          Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho Video-Seite öffnen

          Transfer-Neuzugang : Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho

          Auf dem Spielfeld während des Trainings suchte man ihn noch vergebens. Der FC Bayern hatte aber bestätigt: Er und der FC Barcelona haben grundsätzlich eine Einigung über einen Transfer von Philippe Coutinho nach München erzielt.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : Noch bleibt es friedlich

          Hunderttausende marschieren in Hongkong wieder auf den Straßen, um gegen die Regierung in Peking zu demonstrieren. Bislang bleiben die Protestre friedlich – die Angst vor einem Eingreifen des Militärs wächst.
          „Ich habe Mist gebaut. So ist es nun einmal. Fertig“: Uli Hoeneß zu seiner Steuerhinterziehung.

          Präsident des FC Bayern : Hoeneß handelt wieder mit Aktien

          2014 wurde Bayern-Präsident Uli Hoeneß verurteilt, weil er Gewinne aus Finanzgeschäften nicht richtig versteuert hatte. Jetzt ist er wieder an der Börse aktiv – und hat, wie er sagt, seine Strategie geändert.
          Nach einem ungeregelten Brexit im Oktober könnte Joghurt wegen der erschwerten Einfuhrbedingungen und der möglichen Knappheit Seltenheitswert haben.

          Ungeregelter Brexit : Wenn der Joghurt zum Luxus wird

          Wenn Joghurt zum Luxusgut wird. Das könnte dem Vereinigten Königreich tatsächlich bei einem ungeregelten Brexit am 31. Oktober passieren. Besonders die britische Milchindustrie fürchtet sich vor kommenden Engpässen.
          Daniel Cohn-Bendit während einer Europa-Veranstaltung in Paris am 24. Mai dieses Jahres

          Cohn-Bendit im Gespräch : „Nato und EU sind desorientiert“

          Brauchen wir die Nato und die Europäische Union noch? Für den Historiker Gregor Schöllgen sind sie aus der Zeit gefallen, überflüssig. Daniel Cohn-Bendit widerspricht ihm vehement.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.