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Chinas Heim-WM : Alles auf Schwimmen

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Liu Zige (vorne): Überaschungs-Olympiasiegerin 2008 - danach nahm sie sich erstmal eine Pause Bild: AFP

In China wächst eine Riege neuer Weltklasseathleten heran. Bei den Weltmeisterschaften in Schanghai gehen sie als Favoriten ins Rennen. Die Titelkämpfe sind nicht nur sportlich bestens vorbereitet.

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          Im vergangenen Herbst noch war Sun Yang der Verzweiflung nahe. Bei den Asienspielen in der südchinesischen Stadt Guangzhou schwamm er den Wettkampf seines noch jungen Athletenlebens, verbesserte seine Bestzeit über 400 Meter Freistil gleich um drei Sekunden. Es reichte dennoch nicht zur Goldmedaille. Der Südkoreaner Park Tae-whon war zu stark, noch. Fassungslos starrte Sun Yang auf die Anzeigetafel, auf seinen Wangen vermischten sich Tränen mit Chlorwasser. Nur Silber bei den Heimspielen, die ganze Schinderei schien vergebens gewesen zu sein.

          Ein halbes Jahr und etliche Trainingskilometer später waren die Selbstzweifel vergessen. Sun Yangs Siege bei den nationalen Ausscheidungsrennen Anfang April schockierten die Konkurrenten. Im ersten Jahr nach dem Verbot der Kunststoff-Ganzkörperanzüge scheint der Chinese den Freistilrivalen enteilt zu sein. Über 200, 400, 800 und 1500 Meer stellte Sun Yang in Wuhan Jahresweltbestzeiten auf, die auch der Amerikaner Michael Phelps oder Doppelweltmeister Paul Biedermann bislang nicht brechen konnten. Bei den Weltmeisterschaften in Schanghai, wo an diesem Sonntag die Wettbewerbe der Beckenschwimmer beginnen, wird erstmals in der Geschichte des Schwimmsports bei den Männern ein Chinese als Topfavorit auf den Startblock steigen.

          Die Bahn der Amateure verletzt seinen Stolz

          Suns Talent fiel früh auf. Ihr Sohn sei immer größer und muskulöser gewesen als die anderen Jungs seines Jahrgangs, erzählt seine Mutter Yang Ming. Mit sechs Jahren bestritt der kleine Yang seinen ersten Schülerwettkampf, mit elf schwamm er für das Team seiner Heimatprovinz Zhejiang, immer als Jüngster im Kader. Die olympischen Heimspiele in Peking 2008 kamen für den damals Sechzehnjährigen zwar zu früh, dennoch wurde er nominiert und zog sogar ins Finale über 1500 Meter Freistil ein. Dabei sollte Sun Yang nur Wettkampfpraxis sammeln. Im folgenden Jahr verbesserte er seine 1500-Meter-Zeit um fast 20 Sekunden. Der Lohn: die Bronzemedaille bei seinem Weltmeisterschafts-Debüt in Rom. Der Weltrekord sei nur eine Frage der Zeit, glaubt Sun Quanhong, der stolze Vater des fast zwei Meter großen Modellathleten. Wann immer es geht, sitzen Sun senior und Yang Ming auf der Tribüne. Das motiviere ihren Sohn zusätzlich, glaubt das Ehepaar. Auch der Flug im nächsten Jahr nach London, zum Schauplatz der Olympischen Spiele 2012, steht schon in ihrem Terminkalender.

          2011 wieder aufgetaucht: Liu Zige schwamm Jahresweltbestzeit in Wuhan

          In China wächst eine ganze Riege neuer Weltklasseschwimmer heran. Die aktuelle Weltrangliste ist gespickt mit Athleten aus dem Reich der Mitte. Das Niveau des Schwimmsports steige in China ständig, viel schneller als im Rest der Welt, sagt David Lyles, seit fünf Jahren Trainer im Schanghaier Sportverband. China habe die besten Schwimmstadien der Welt und den größten Pool an Talenten, argumentiert der Brite. Zudem blicken die chinesischen Trainer immer öfter über den eigenen Tellerrand hinaus. Im vergangenen Winter beispielsweise schickte Chefcoach Yao Zhengjie einige seiner Medaillenhoffnungen nach Australien und Miami, in die Camps der Trainerlegende Denis Cotterell. „Denis behandelt selbst einen Weltklassemann wie Sun Yang wie einen ganz normalen Sportler“, sagt Yao. „Trainiert er nicht hart, wird er auf eine Bahn geschickt, wo nur Amateure schwimmen. Das verletzt natürlich seinen Stolz. In China dagegen dreht sich alles um Sun Yang. Wenn er faul sein will, macht er den Trainingsrhythmus der ganzen Gruppe kaputt.“

          Die Dauerbelastung zehrt

          Doch nicht nur Sun könnte in Schanghai Weltmeister werden, glaubt der Nationaltrainer. Bei den Frauen hätten die 4×100-Meter-Lagen- und die 4×200-Meter-Freistilstaffeln genauso Siegchancen wie die Titelverteidigerin Zhang Jing über die kurzen Rückendistanzen und Ye Shiwen über 200 und 400 Meter Lagen. Letztere ist erst 15 Jahre alt und hat doch schon ein Jahrzehnt Wettkampferfahrung hinter sich. Schon im Kindergarten wurde ihre Begabung entdeckt. Bei den Asienspielen im vergangenen November verblüffte sie die ausländischen Experten als stärkste Schwimmerin der siegreichen chinesischen Lagenstaffel - Resultat einer ausschließlich auf Leistungssport ausgerichteten Jugend. Für die Schule habe sie keine Zeit mehr, erst recht nicht, wenn sie im nationalen Leistungszentrum in Peking wohne; nur bei den seltenen Besuchen in ihrer Heimatstadt habe sie gelegentlich Unterricht, sagte der Teenager mit dem jungenhaften Kurzhaarschnitt am Rande der Landesmeisterschaften.

          Die Dauerbelastung zehrt. Zhang Lin, mit seinem Sieg über die 800 Meter Freistil 2009 in Rom Chinas erster Weltmeister bei den Männern, kämpft seit Monaten um seine Form. In Schanghai wird er seinen Titel nicht verteidigen und wohl nur in der Lagenstaffel schwimmen, sagte Nationaltrainer Yao Zhengjie.

          Gigantische Schwimmpaläste im deutschen Design

          Ausgebrannt und erschöpft sei sie gewesen, sagt auch Liu Zige, die Überraschungs-Olympiasiegerin von Peking über 200 Meter Schmetterling. Nach der Weltmeisterschaft in Rom trat sie kürzer, 2010 war sie kaum zu sehen bei Wettkämpfen. Das tat der stillen und oft in sich gekehrten Liu Zige offenbar gut. Auch sie schwamm in Wuhan Jahresweltbestzeit. Ein schlechteres Ergebnis hätte womöglich nicht für die WM-Qualifikation gereicht, so hauchdünn war der Vorsprung vor der 19 Jahre alten Jiao Liuyang. Die drei Jahre ältere Liu Zige musste schwer kämpfen, um nicht die Weltmeisterschaft in ihrer Heimatstadt zu verpassen.

          Dort ist schon seit Monaten alles vorbereitet. Neben dem Gelände der Weltausstellung von 2010 haben die Bautrupps gleich drei Schwimmpaläste hochgezogen, gigantische Dimensionen im deutschen Design. Bogenförmige Dachlandschaften spiegeln sich in einem flachen künstlichen See, eine Reverenz an die nahen Brücken über den Huangpu. „Wir hatten nur zwei Jahre Planungs- und Bauzeit für das gesamte Areal. Wir haben schon etliche Sportstätten realisiert, aber das ist selbst für uns Rekord“, sagt Magdalene Weiss, Projektleiterin der Schanghaier Filiale der Hamburger Architekten GMP. Nie zuvor wurden eigens für eine Schwimm-WM pompösere Anlagen errichtet. 250 Millionen Euro soll der olympiareife Komplex gekostet haben. Die beiden Stadien für Wasserball und Turmspringen haben jeweils 5000 Plätze, das zentrale Schwimmstadion fasst sogar 18.000 Zuschauer. Es könnten noch mehr sein, hätten die chinesischen Auftraggeber nicht auf eine ausladende Ehrentribüne mit separaten versteckten Zugängen und überbreiten Sesseln bestanden, Pflichtbestandteil jeder Sport- oder Veranstaltungsarena in der Volksrepublik. „Darauf wird sehr viel Wert gelegt“, sagt Magdalene Weiss.

          Nur Weltmeister haben ausgesorgt

          Alles wurde akribisch geplant, eine Peinlichkeit wie vor fünf Jahren, als Schanghai die Kurzbahn-WM ausrichtete, wollten die Sportkader unbedingt vermeiden. Kurz vor den Wettkämpfen mussten damals die Funktionäre des Weltverbands Fina feststellen, dass das vorgesehene Schwimmbecken einige Zentimeter zu kurz war. Daraufhin wurde die WM ins größte Tennisstadion Chinas verlegt, auf den Center Court wurde ein temporärer Pool gesetzt. Diesmal hat Zhou Jihong selbst alles überprüft. Die erfolgreichste Wassersprungtrainerin der Welt sei mehrmals auf die Baustelle gekommen, sagt die deutsche Architektin Magdalene Weiss - perfekte Weltmeisterschaften sollen es sein.

          Für Chen Yin werden es wohl die letzten. Mit 25 Jahren ist er bereits einer der Ältesten im chinesischen Aufgebot, der ganz große internationale Erfolg blieb ihm bislang verwehrt. In Wuhan sicherte er sich zwar noch einmal den Landestitel über 200 Meter Schmetterling. Doch Chen Yins bisherige Bestmarke weckt keine Medaillenhoffnungen. Dennoch will er im Schwimmsport weiterarbeiten, er hat wohl auch keine andere Wahl. Anders als in westlichen Ländern biete Chinas Sportadministration ihren Topathleten keine Möglichkeit, neben dem Training zu studieren, klagt Chen. Wer die Normen nicht mehr erfüllt und aus d em Kader fliegt, muss bei null anfangen - zurück auf die Schulbank, einen Abschluss machen, einen Job suchen. Nur Olympiasieger, Weltmeister und Titelträger bei den Nationalspielen haben im Reich der Mitte ausgesorgt. Doch über ihre Zukunft denken nur wenige der chinesischen Athleten nach.

          Chen Yin möchte das ändern. „Sollte ich Trainer werden, würde ich das selbständige Denken meiner Athleten fördern. Das ist wichtig“, sagt er. „Im Wasser ist der Sportler allein. Der Trainer kann seine Strategie entwickeln aufgrund des Feedbacks, das er von seinem Sportler bekommt. Doch wenn ich selbst meinen Körper kenne, ist das viel besser, als auf die Analyse des Trainers zu warten.“

          Es ist eine Herkulesaufgabe. Selbständiges Denken ist in China bislang nur selten erwünscht.

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