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Charles Eugster : Der fitteste Senior der Welt

  • -Aktualisiert am
Charles Eugster: Länger leben, länger Sport treiben, länger fit bleiben, länger arbeiten
          5 Min.

          Vor acht Jahren hat Charles Eugster mit dem Skifahren aufgehört. Ein bisschen voreilig, wie er heute findet, denn in Zürich, wo der gebürtige Engländer lebt, stehen die Berge vor der Tür, und Skifahren war immer eine seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen gewesen. Es kam sofort hinter Rudern, diesem sehr britischen Sport, dem sich Eugster von frühester Jugend an mit großem Erfolg verschrieben hat, wie seine riesige Trophäensammlung eindrucksvoll belegt. Vor acht Jahren also hat er Schluss gemacht mit Skifahren, aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. „Ich überlege, ob ich nächsten Winter wieder anfange“, sagt Eugster. Dann wird er 91 Jahre alt sein.

          Ein Neustart auf Ski in diesem Alter - es würde zu Eugster passen, schließlich ist er mit 87 Jahren auch zum ersten Mal auf einem Wakeboard gestanden, einem komplizierten Sportgerät, das zu beherrschen manchen Jüngling überfordert. „Wissen Sie, alten Menschen wird vieles eingeredet“, sagt Eugster. „Man soll das nicht tun und jenes nicht, das Erste sei unvorsichtig, das Zweite gefährlich und das Dritte weiß der Teufel was.“ Er hat sich nie um solche Warnungen geschert.

          Es geht um Kraft, Koordination und Beweglichkeit

          Seit mehr als zehn Jahren hat Charles Eugster bei jeder Altersklassen-Weltmeisterschaft der Ruderer immer eine Goldmedaille gewonnen, vergangenes Jahr in Wien war er der erste Neunzigjährige, der jemals an einer Ruder-WM teilnahm. Aber Eugster ist nicht nur ein erfolgreicher Ruderer, er ist auch ein Star der Fitnessszene. Er ist Weltmeister seiner Altersklasse im sogenannten Strenflex-Fitness-Zehnkampf, bei dem es um Kraft, Koordination und Beweglichkeit geht. Und auch sonst hat Eugster gut zu tun: In der kommenden Woche zum Beispiel ist er Gastredner beim European Fitness Forum in Madrid, im August wird er bei der European Masters Regatta in München rudern, und für September hat er sich die Teilnahme an der Masters-WM in St. Catharines in Kanada auf dem berühmten Henley Course vorgenommen.

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          Meistens Erster: „Ich fühle mich nicht als Vorbild” : Bild: Charles Eugster

          Eugster ist kein Fitness-Prophet, keiner, der Botschaften unters Volk bringen will. „Ich fühle mich nicht als Vorbild“, sagt er. „Ich fühle mich als Vorbote.“ Als Vorbote einer nicht allzu fernen Zeit, in der Sportler jenseits der 90 keine bestaunte Ausnahme mehr sein werden. „In zehn Jahren“, sagt Eugster, „wird es viele anerkannte 90-jährige Superathleten geben. Leistungssport im hohen Alter wird ganz normal sein.“ Die Entwicklung sei schon jetzt deutlich zu spüren. Bei der Ruder-Altersklassen-WM in Zagreb vor drei Jahren habe es neun Starter über 80 Jahre gegeben, bei der WM vergangenes Jahr in Wien seien es schon zwanzig gewesen. „Da passiert etwas, und in fünf, zehn Jahren wird es wie selbstverständlich auch eine Altersklasse 90 plus geben“, sagt Eugster. Bislang endet die Klasseneinteilung bei 80 Jahren.

          Im Krafttraining „liegen unerhörte Möglichkeiten“

          Eugster ist wahrscheinlich der fitteste Senior der Welt, er hat im hohen Alter ein spezielles Trainings- und Fitnesskonzept entwickelt und ist seither nicht mehr nur der älteste Ruderer der Welt, sondern auch der älteste Bodybuilder. Mit 85 Jahren hatte er das Krafttraining für sich entdeckt. Er engagierte zunächst einen Bodybuilder als Trainer, dem habe der wissenschaftliche Hintergrund gefehlt, deshalb sei das nicht das Richtige gewesen. Er schaute sich weiter um und fand eine Personal Trainerin, die ihn seither umfassend betreut. Eugster legt viel Wert auf wissenschaftlich fundiertes Training, liest viel über Altersforschung und ist zur Überzeugung gekommen, dass es im Zusammenhang mit Sport und Fitness in der Altersforschung große Defizite gebe. „Sportler über 70“, sagt Eugster, „waren bisher nicht sonderlich attraktiv für die Forschung, deshalb hat sich die Wissenschaft kaum mit ihnen befasst.“ Eugster wirbt für ein radikales Umdenken, für eine umfassende wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Sport im hohen Alter - und besonders für die Würdigung des Krafttrainings. „Da liegen unerhörte Möglichkeiten.“

          Im Alter, sagt Eugster, ergäben sich mehrere „unangenehme Sachen“. Eine der unangenehmsten sei der Muskelschwund. Ergo sei eine der wichtigsten Gegenmaßnahmen die gezielte Muskelerhaltung und mehr als das: der Muskelaufbau. Die Muskelmasse sei mit ausschlaggebend für Gesundheit und Wohlbefinden im Alter, davon ist Eugster überzeugt. „Ich war fünf Jahre zu spät dran“, sagt er, „denn ab 80 ist der Rückgang der Muskulatur signifikant.“ Als seine Leistungen beim Rudern trotz regelmäßigen Ausdauertrainings immer schlechter wurden, begann er 2005 mit Krafttraining. Mit erstaunlichem Erfolg. Plötzlich konnte er seine Leistung auf dem Ergometer deutlich steigern. „Ich hätte nie gedacht, dass Bodybuilding in meinem Alter noch eine solche Wirkung haben kann“, sagt er. „Es ist unglaublich.“

          „Mein Leben nicht nur verlängern, sondern es lebenswert genießen“

          Die Zahlen beweisen es: Bei den Schweizer Fitness-Meisterschaften im vergangenen Jahr erzielte er bei jeder einzelnen Übung ein besseres Ergebnis als im Jahr zuvor. „Mein Leben hat sich durch die Einbeziehung des Krafttrainings in mein Fitnessprogramm völlig verändert“, sagt Eugster. „Und die erstaunlichste Erkenntnis ist, dass man Muskeln offenbar in jedem Alter aufbauen kann.“ Für ihn ist sein Training der entscheidende Schlüssel, nicht nur das Lebensende hinauszuschieben, sondern auch die Lebensqualität deutlich zu verbessern. „Ich möchte mein Leben nicht nur ein paar Jahre verlängern, sondern es auch so lebenswert genießen können wie irgend möglich.“

          Wie soll man trainieren? „Ausdauertraining“, sagt Eugster, „ist die Basis für alles. Es gewährleistet die Elastizität der Gefäße und darf auf gar keinen Fall vernachlässigt werden. Aber man muss im Alter Kraft- und Schnellkrafttraining einfügen. Die richtige Balance zwischen Ausdauer- und Krafttraining zu finden, das ist nicht einfach, das ist nicht nur Wissenschaft, das ist auch Kunst.“

          Was ist mit Anabolika?

          Man müsse sein Trainingsprogramm ständig überprüfen und verändern, sagt er, müsse die Muskulatur immer wieder überraschen. Vier Wochen, dann ein komplett neues Programm. Montag, Dienstag und Mittwoch trainiert er im Fitnessstudio Ausdauer, vor allem auf einem Ruderergometer, donnerstags ist Pause, freitags dann anderthalb Stunden Krafttraining, gefolgt von zwei Tagen Pause, denn seine Erfahrung ist, dass Krafttraining im Alter längere Regenerationsphasen benötigt als Ausdauertraining. Auf dem Ruderergometer kontrolliert er seinen Herzschlag, mehr als 120 Schläge pro Minute sollten es nicht sein, Eugsters Maximalpuls liegt immer noch bei rund 145 Schlägen.

          Eugster vertritt einen ganzheitlichen Ansatz. Ausdauertraining, Krafttraining, beides professionell gesteuert und kontrolliert, dazu die richtige Ernährung. Eugster ist auch auf diesem Gebiet ein Pionier. Neben einer „strengen Normaldiät“ - wenig Fett, viel Obst, viel Gemüse, kein Tee, kein Kaffee, kein Alkohol (Ausnahme hin und wieder ein Glas Champagner - „das kann nie schaden“) - experimentiert er mit Eiweißsubstanzen, Aminosäuren, Molkepulver, Glutamin, Carnitin, Lycin oder Vitamin D.

          Was ist mit Anabolika? Er habe von Fällen bei Alterssportlern gehört, sagt er, „wo das erfolgreich angewendet wurde“, für ihn aber kämen anabole Doping-Substanzen nicht in Frage. Auf Langzeitfolgen müsse man mit 90 ja nicht mehr so achten, sagt er schmunzelnd, aber man wisse nichts über die Auswirkungen von Anabolika auf alte Körper, deshalb lasse er die Finger davon. Lieber experimentiert er mit anderem, zum Beispiel mit Bestrahlungen im Solarium kurz nach dem Training, um den Vitamin-D-Blutspiegel nach der Belastung gezielt zu steigern.

          Länger leben, länger Sport treiben, länger fit bleiben, länger arbeiten

          Es tut sich einiges im Leben von Charles Eugster. Nicht nur, dass er ein erfolgreicher Ruderer ist und ein gefragter Mann in der Fitnessszene, nicht nur, dass er im nächsten Winter vermutlich wieder auf die Ski steigen wird, er ist mit 90 Jahren auch wieder ins Berufsleben eingestiegen, was er als besonderen persönlichen Triumph ansieht. Bis zum Alter von 75 hatte er in Zürich als Zahnarzt praktiziert, danach arbeitete er bis 82 als Herausgeber einer medizinischen Fachzeitschrift. „Dann war ich acht Jahre arbeitslos, und jetzt bin ich sehr stolz darauf, dass ich mit 90 noch einmal meinen Körper verkaufen kann und wieder eine Stelle habe, als Markenbotschafter einer deutschen Fitnessstudio-Kette.“

          Arbeit ist eines seiner Lieblingsthemen. Arbeit, findet Eugster, bedeute Menschenwürde. Jeder sollte arbeiten können und dürfen, solange es ginge. „Leider“, sagt er, „gibt es keine Lehrstellen für 60-Jährige.“ Erst mit 75, meint er, solle man die Arbeitszeit halbieren und die gewonnene Zeit nutzen, um sich fit zu halten. Das aktuelle Pensionsalter, da wird Eugster sehr bestimmt, hält er für ein Ärgernis, für ein unzeitgemäßes Relikt aus Bismarcks Zeiten, schließlich liege die Lebenserwartung heute 30 Jahre höher als noch vor hundert Jahren.

          Länger leben, länger Sport treiben, länger fit bleiben, länger arbeiten - so stellt sich Charles Eugster die Zukunft vor. Eine Zukunft, in der die Senioren eine sehr viel wichtigere Rolle spielen werden, auch im Sport.

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