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Schach-Großmeister Naiditsch : „Das war Selbstmord“

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„Carlsen war von Anfang an der Riesenfavorit, diese Rolle hat er bestätigt“ Bild: dpa

Arkadi Naiditsch war schon mit 15 Großmeister. Der beste deutsche Schachspieler spricht im FAZ.NET-Interview über das WM-Duell Carlsen gegen Anand, zu viel Risiko und die besten Spieler der Geschichte.

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          Der in Riga geborene Arkadi Naiditsch ist derzeit der beste Schachspieler Deutschlands und die Nummer dreißig der Welt. Schon im Alter von fünfzehn Jahren wurde er Großmeister.

          Magnus Carlsen wurde am Sonntag zum zweiten Mal in Serie Weltmeister. Ist er ein verdienter Champion?

          Ja, mit Sicherheit. Er hat bei dieser Weltmeisterschaft viel konsequenter die eigenen Chancen genutzt. Wenn wir uns die vergangenen Tage genau anschauen, hat er Anand eigentlich niemals die Möglichkeit gegeben, an den Titel zu glauben. Das war sehr beeindruckend. Carlsen war von Anfang an der Riesenfavorit, diese Rolle hat er bestätigt. Das, was passiert ist, ist also keine Überraschung.

          Vor einem Jahr siegte Carlsen 6,5:3,5, nun hieß es 6,5:4,5. Hat Anand also gelernt seinen Fehlern?

          Aus Niederlagen lernt man wenig, da herrscht brutale Enttäuschung in einem. Anand hatte auf jeden Fall eine gute Match-Strategie, er war jedes Mal phantastisch vorbereitet. Vor allem in der Eröffnung hatte er gegenüber Carlsen große Vorteile. Aber als die Möglichkeiten da waren, hat er sie nicht gesehen, hat sie nicht genutzt. Nach Runde elf ist diese WM wieder vorbei – so eng ist es also nicht wirklich gewesen.

          Aber die dritte Partie hat Anand gewonnen, er hat die Schwächen von Carlsen also durchaus aufgedeckt, oder?

          Dieses Match hätte Carlsen meiner Meinung nach niemals verlieren dürfen, das war sehr unglücklich für ihn. Aber er wurde direkt aus der Eröffnung heraus getötet. Dieser Tag war ein Volltreffer für die Mannschaft von Anand, so einen Treffer landet man allerdings extrem selten. Das haben wir in der Folge gesehen.

          Schauen wir noch einmal auf elfte Partie vom Sonntag: Anand hatte Schwarz, dann der 27. Zug – der Inder opfert seinen Turm für einen Läufer. Was hat er sich dabei gedacht?

          Anand kam wieder sehr sehr gut aus der Eröffnung, die Stellung von Schwarz war klar besser, da gibt es nichts zu diskutieren. Wenn man mit Weiß in so einer Lage ein Remis erreicht, muss man eigentlich glücklich sein. Anand hat das gespürt, er hat gemerkt, dass er am Drücker ist, er hat seine Chance gesehen. Und die musste er nutzen, ihm blieben ja nur noch zwei Partien. Meiner Ansicht nach hat er sich dann selbst zerstört. Psychologisch gesehen war er mit Schwarz nicht mehr nur mit einem Remis einverstanden, er wollte den Sieg.

          Das heißt, Anand hat die Nerven verloren?

          Er hat nicht die Nerven verloren, aber seine Objektivität war nicht mehr da. Und das darf einem nie passieren. Dann kam das Qualitätsopfer, Turm gegen Läufer – das war unsinnig, das musste überhaupt nicht sein. Anand hat sich auf dem Brett wieder einmal selbst umgebracht. Er wollte zu viel, weil er sehr gut stand. Natürlich musste er etwas riskieren, aber das war kein Risiko, das war Selbstmord.

          „Aus Niederlagen lernt man wenig, da herrscht brutale Enttäuschung in einem“: Arkadi Naiditsch

          Einige Experten haben gesagt, dass das Niveau dieser WM nicht sehr hoch gewesen sei. Sehen Sie das auch so?

          Das ist eine harte Aussage, so sehe ich das nicht. Natürlich gab es Partien, die nicht hochklassig waren, aber es gab auch spannende Partien. Eine Weltmeisterschaft ist sehr lang, sehr anstrengend. Es ist kaum möglich, immer auf höchstem Niveau zu spielen. Carlsen gegen Anand wird nicht als das beste Match überhaupt in die Geschichte eingehen, aber Höhepunkte waren da.

          Anand wird 45 Jahre alt. Hat er noch einmal die Chance, um den Titel zu kämpfen?

          Ich hätte nie gedacht, dass sich Anand in diesem Jahr qualifizieren würde. Er hat uns alle überrascht. Trotzdem würde ich wieder nicht auf ihn tippen. Derzeit spielt zum Beispiel der Italiener Fabiano Caruana sehr gut, ihn müssen wir im Auge behalten.

          Caruana ist 22 Jahre alt, Carlsen ist 23 – erleben wir gerade einen Generationswechsel im Schach?

          Noch nicht, aber ich denke, dass die Hierarchie in fünf Jahren eine andere sein wird.

          Kann die neue Generation den Sport für den Nachwuchs attraktiver machen?

          Ja, auf jeden Fall. Schach ist in den vergangenen Jahren sehr jung geworden, es gibt sehr viele starke Spieler, der erst Anfang zwanzig sind. Das ist ein gutes Zeichen. Carlsen tut diesem Sport gut. Er ist vielleicht sogar der erste Superstar im Schach überhaupt. Er macht Werbung für Modemarken, er ist einer aus der Internet-Generation, die Leute bekommen einen ganz anderen Zugang zu ihm als zu den Weltmeistern der vergangenen Jahrzehnte. Das ist gut für uns alle, denn er steigert die Aufmerksamkeit für diesen Sport.

          Ist Carlsen der beste Schachspieler der Geschichte?

          Nein, noch nicht. Es gab im vergangenen Jahrhundert schon Weltmeister, die deutlich mehr dominiert haben als Carlsen. Emanuel Lasker war 27 Jahre lang Weltmeister (1894 bis 1921), es gab Bobby Fischer (1972 bis 1975), Anatoli Karpow (1975 bis 1985), Garri Kasparow (1985 bis 1993 und 2000). Carlsen steht noch am Anfang. Wenn er die nächsten zehn Jahre auch noch Weltmeister ist, gehört er definitiv zu den Besten aller Zeiten. Er ist unheimlich stark. Aber ob er in die Geschichtsbücher eingeht, müssen wir abwarten.

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