https://www.faz.net/-gtl-9m11y

Verdächtiger Marathon : Zum Davonrennen

Die Hände zum Himmel: Clémence Calvin beim Zieleinlauf in Paris Bild: EPA

Die Temperaturen steigen, immer mehr Läufer sind auf den Straßen. Auch die Marathon-Saison beginnt – begleitet vom omnipräsenten Doping-Verdacht. Nun aber scheint es einen besonders kuriosen Fall zu geben.

          2 Min.

          Frühjahr, Marathon-Saison. Kenianer und Äthiopier rennen, sprinten und siegen um die Wette, doch Schlagzeilen machen die in ihrem Windschatten. Beim Boston-Marathon am Montag, im Spurt entschieden zwischen Lawrence Cherono und Lelisa Desisa, bejubeln Publikum und Journalisten Scott Fauble und Jared Ward. Die beiden Amerikaner kamen, was niemand erwartet hatte, nach weniger als 2:10 Stunden ins Ziel, erreichten die Plätze sieben und acht und qualifizierten sich womöglich für den Marathon der Olympischen Spiele von Tokio 2020.

          In Paris zog Clémence Calvin alle Augen auf sich, auch die der Fotografen, als sie Vierte wurde, knapp eine Minute hinter der Siegerin Gelete Burka und wenige Schritte vor Abrha Milaw, dem Sieger bei den Männern, die später gestartet waren. Die Französin schlug ihre Hände derart dramatisch vors Gesicht und reckte sie dann in den Himmel, dass die Zeitung Le Parisien am nächsten Tag die Schlagzeile brachte: „Warum es kein Zielfoto vom Sieger gibt“. Eben weil die Geschichte Clémence Calvin gehörte.

          Kampf gegen einen Verdacht

          Im vergangenen Jahr gab die Läuferin bei der Europameisterschaft in Berlin ihr Marathon-Debüt – und wurde Zweite. In Paris lief sie nun wie versprochen französischen Rekord, 2:23:41 Stunden. Ihr Jubel und ihr Triumph gelten allerdings nicht allein der Bestmarke; diese dürfte noch einige Zeit auf Anerkennung warten. Die große Geste galt ihrem Kampf gegen einen Verdacht, der mit Händen zu greifen ist.

          Anders als bei den vielen, die manchmal erst Jahre nach ihren Erfolgen als Doper entlarvt wurden, wären bei ihr Disqualifikation und Sperre von vornherein keine Überraschung. Clémence Calvin hat vor Gericht eine vorläufige Sperre durch die französische Anti-Doping-Agentur (Alfd) aufheben lassen, und der Conseil d‘Etat, den sie anrief, tat dies nicht, weil er die Sperre für ungerechtfertigt hielt, sondern weil die juristische Argumentation nachgeholt werden kann, der Paris-Marathon aber nicht. Clémence Calvin drohen vier Jahre Sperre und die Aberkennung ihrer sportlichen Erfolge. In einem schwebenden Verfahren ist sie mit dem Lauf in Vorleistung getreten.

          Im März waren der Direktor der Afld und zwei seiner Kontrolleure nach Marokko geflogen, um die Läuferin im Trainingslager einer Kontrolle zu unterziehen. Sie empfanden den Verdacht, dass sie dope, deshalb als dringend, weil Calvin Anfang des Monats beim Halbmarathon von Paris fünf Kilometer auf der Straße so schnell gelaufen war wie noch keine Französin vor ihr. Doch weder sofort noch in den folgenden Tagen unterzog sie sich der Doping-Kontrolle, die für die Anerkennung des Rekords notwendig ist.

          Das hieß für die Kontrolleure: Auf nach Marokko. Von dem, was dann in Marrakesch geschah – im Trainingslager war sie nicht – gibt es zwei Versionen. Die Kontrolleure werfen dem Ehemann und Trainer der Läuferin, dem Mittelstreckler Samir Dahmani, vor, sie aufgehalten zu haben, während sie sich aus dem Staub machte. Sie dagegen behauptet, die Kontrolleure hätten sich als Polizisten ausgegeben, hätten sich aufgeführt wie Cowboys, und der Direktor der Agentur, Damien Ressiot, habe sie so heftig geschlagen, dass ihr Kind vom Arm auf den Boden gestürzt sei. Was stimmt? Vielleicht geht es um das Recht von Athleten. Vielleicht geht es aber auch darum auszuloten, wie weit Dreistigkeit führt.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Weitere Themen

          Deutschland verpasst das Halbfinale

          Aus bei Handball-EM : Deutschland verpasst das Halbfinale

          Durch die Niederlage gegen die Schweden hat Deutschland keine Chance mehr im Turnier weiterzukommen. Bester Torschütze der deutschen Mannschaft gegen schwache Schweden ist der junge Julian Köster.

          Keine Chance für die Hertha

          Bayern gewinnt mit 4:1 : Keine Chance für die Hertha

          Der FC Bayern München gibt sich in der Bundesliga keine Blöße und besiegt die Hertha klar. Zu keiner Zeit der Partie konnten die Berliner ernsthaft gefährlich werden. Es wartet eine schwierige Saison.

          Topmeldungen

          Befreit uns von der Burka: Afghanische Frauen fühlen sich von westlichen Feministinnen im Stich gelassen.

          Kolumne „Import Export“ : Eurozentristischer Feminismus

          Warum wissen Feministinnen der neuen Generation nichts von irakischen, afghanischen oder kurdischen Frauenrechtlerinnen? Sie wollen vorurteilsfrei sein und sind oft nur provinziell.
          „Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

          Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

          Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.