https://www.faz.net/-gtl-a3xe5

Start der Bundesliga : Handball in der Endlosschleife

  • -Aktualisiert am

Im vergangenen Jahr noch zwickte es, das soll jetzt besser werden: Patrick Wiencek hat sich ausgeruht. Bild: dpa

Die Vorfreude der Klubs auf die 55. Saison der Bundesliga ist gedämpft. Dabei schienen Spiele vor Zuschauern vor sechs Wochen noch weit entfernt. Doch für die Verantwortlichen geht es noch um deutlich mehr.

          3 Min.

          Der erste Schultag nach den Sommerferien hielt oft Überraschungen bereit. Einer trug Linsen statt Brille, die Nächste hatte blaue Haare, wo vorher blonde waren, und man selbst versuchte mit der neuen Lederkrawatte zu punkten – was misslang. Der Profihandball hatte sehr lange frei; die Ferien waren nicht freiwillig verlängert worden, die letzten Bundesliga-Spiele stammen vom März. Es gab also genügend Raum für Veränderungen. Einer der bekanntesten deutschen Handballspieler hat die Zeit zum Abspecken genutzt. Man erkennt Patrick Wiencek kaum wieder: das ist jetzt eher „Bim-Bim“ als „Bam-Bam“, so sein Spitzname nach dem kräftigen Baby der Familie Geröllheimer, den Nachbarn der Feuersteins.

          Wiencek verriet den „Kieler Nachrichten“, dass seine Kilos purzelten, um das lädierte Knie zu entlasten. Dafür sei die Corona-Pause ideal gewesen. Ähnlich hat sich Hendrik Pekeler geäußert. Wienceks Partner im Innenblock des THW hat seine Achillessehnen-Schmerzen auskuriert. Manchem hochbelasteten Spieler mag die lange Absenz paradiesisch vorgekommen sein – womöglich verlängert sich die eine oder andere Karriere durch diese unfreiwillige Schonzeit. Allerdings markiert die Wiederaufnahme des Profihandballs an diesem Donnerstag auch den Beginn einer nie dagewesenen Abfolge von Partien im Drei-Tage-Rhythmus.

          Vorfreude und Sorge

          Vorfreude und Sorge herrsche bei ihm gleichermaßen vor, schrieb Andy Schmid mit Blick auf das, was kommt: Am Donnerstag beginnt die 55. Saison der Handball-Bundesliga (HBL), mit 20 Klubs, weil es keine Absteiger gab. Für die Köpfe der Szene wie Wiencek, Kiels Sander Sagosen, die Berliner Fabian Wiede und Paul Drux oder Johannes Golla aus Flensburg wird sie, die Qualifikation vorausgesetzt, erst im August 2021 nach den Olympischen Spielen enden. Kurz danach beginnt die Spielzeit 2021/22. „Es sind praktisch zwei Saisons ohne Pause“, sagt Bundestrainer Alfred Gislason, „das wird brutal.“ Bei aller Vorfreude, endlich wieder passen und werfen zu dürfen, antwortete Sagosen Ende Juli auf die Frage, ob ihn die Aussicht auf Handball in der Endlosschleife nicht schrecke: „Frag mich im Dezember noch mal.“

          So sehen zwanzig Prozent aus: Szene aus dem Supercup-Spiel zwischen Kiel und Flensburg am vergangenen Samstag in Düsseldorf.
          So sehen zwanzig Prozent aus: Szene aus dem Supercup-Spiel zwischen Kiel und Flensburg am vergangenen Samstag in Düsseldorf. : Bild: firo Sportphoto

          Tatsächlich weiß niemand, ob überhaupt alle Spiele und Turniere stattfinden. „Ein oder zwei Spielverlegungen könnten wir irgendwie kompensieren“, sagt Ligachef Frank Bohmann, „größere Ausfälle werden problematisch.“ Ist der nächste Abbruch schon eingeplant? Die bisherigen Hygienekonzepte und Corona-Protokolle haben dazu geführt, dass kaum Wettkämpfe ausgefallen sind. Zur Not sind Mannschaften mit verkleinertem Kader zum Spiel gereist – wie Melsungen nach Silkeborg, als Silvio Heinevetter und Finn Lemke in Quarantäne zu Hause blieben, weil sie Kontakt zu einer infizierten Person gehabt hatten. Die Champions League läuft dank professioneller Begleitung des Europäischen Handballverbandes EHF seit Mitte September für die deutschen Klubs weitgehend problemfrei, was insbesondere das Reisen betrifft: Charterflüge helfen. Die Weltmeisterschaft in Ägypten Anfang Januar 2021 soll unbedingt stattfinden.

          Sehnsüchtiges Warten auf grünes Licht

          Wegen der vielen neuen Detailfragen, die im Alltag beantwortet werden müssen, ist die Vorfreude bei einigen Vereinsvertretern deutlich geschmälert. Wie voll wird die Halle? Kann man (älteren) Zuschauern zumuten, ihre Tickets zu Hause auszudrucken? Wie lange verzichten die Spieler auf Gehalt? Wann werden die Sponsoren ungeduldig? Gibt es im Wettkampf mehr Verletzungen durch die lange Pause? Ist es sinnvoll, das bereitgestellte Geld aus dem Topf des Innenministeriums anzuzapfen (800.000 Euro pro Klub)? Oder muss man dafür bilanziell „die Hosen zu weit herunterlassen“?

          Besonders unglücklich ist Geschäftsführerin Jennifer Kettemann mit der Situation bei ihren Löwen: weil es kurzfristig zu aufwendig ist, die große SAP-Arena wenigen Fans zu öffnen, spielen sie am Sonntag gegen Stuttgart vor leeren Rängen. An den anderen Standorten dürfen die Hallen bis Ende Oktober mit maximal 20 Prozent der Kapazität ausgelastet werden. Die Zuschauereinnahmen machten im Etat des durchschnittlichen Bundesligavereins bislang mehr als 25 Prozent aus. Deswegen warten sie sehnsüchtig auf grünes Licht der Politik für mehr.

          Dabei ist es bei der verständlichen Problemorientierung ein Erfolg der HBL, dass von diesem Donnerstag an überhaupt wieder vor Fans gespielt werden kann. Davon war der Handball vor sechs Wochen noch weit entfernt. Auch die Frage nach möglichen Insolvenzen ist müßig, weil niemand weiß, was kommt. „Kein Verein hält ein weiteres halbes Jahr ohne Einnahmen aus“, sagt Frank Bohmann. Pragmatischere Signale kommen aus Leipzig. „Wenn ich weniger Einnahmen habe, muss ich an die Spielergehälter und die Hallenmiete ran“, sagte Karsten Günther, der Geschäftsführer des SC DHfK. Am Samstag, am Rande des Supercups zwischen Kiel und Flensburg, gab es den nächsten Austausch zwischen der Liga und Johannes Bitter als Chef der Spielervertretung zum Thema Gehaltsverzicht.

          Vorfreude oder Sorgenfalten? Der Blick auf die neue Saison wirft viele Fragen auf. Maik Machulla, Coach der SG Flensburg und Sprecher der neuen Trainer-Taskforce, sagt es so: „Wir sollten alle nicht so viel über sportliche Ziele reden. Es geht darum, den Handball an sich zu stabilisieren.“

          Weitere Themen

          Marathon boomt virtuell

          Konzept für Ausdauerlauf : Marathon boomt virtuell

          Wegen Corona ist an große Laufveranstaltungen dieser Tage nicht zu denken. Doch das hält hunderte Marathonläufer nicht davon ab, sich trotzdem miteinander zu messen.

          Topmeldungen

          Streit mit Macron : Erdogans Provokationen

          Die Provokationen des türkischen Präsidenten sind keine Ausrutscher, sie sind kalkuliert. Erdogan weiß, dass er mit Frankreich innenpolitisch mehr erreichen kann als mit Deutschland.
          Aufgebracht: Wieder haben Frauen in Warschau gegen die Verschärfung des Abtreibungsverbots demonstriert.

          Abtreibungsgesetz in Polen : „Die Revolution ist eine Frau“

          In Polen demonstrieren Tausende seit Tagen gegen das verschärfte Abtreibungsgesetz. Der Protest reicht sogar bis in die Gottesdienste. Welche Lager stehen einander hier gegenüber?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.