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Bruno Grandi im Interview : „Das ist wie im Politbüro – absurd!“

  • -Aktualisiert am

„Irgendwann wird uns das IOC rauswerfen“: Turnerpräsident Grandi Bild: Imago

Turnen als erfundenes System: Bruno Grandi, Präsident des Internationalen Turnerbunds spricht im Interview mit der F.A.Z. über die drohende Bedeutungslosigkeit seines Sports, die Fehler des IOC und die Eleganz der Jana Kudratsjewa.

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          Turner vergleichen ihren Sport gerne mit anderen Disziplinen. Sollte man nicht akzeptieren, dass es eine Randsportart ist?

          Turnen ist kein direkter Sport, es gibt keinen Zweikampf, keinen Körperkontakt, keine Situation, in der der Zuschauer den Wettkampf direkt miterleben kann. Der Wettkampf ist konstruiert, es ist ein erfundenes System. Solange das Publikum die Wertungen nicht versteht, sind die Punkte wie Lottozahlen. Es ist ein einziges Raten! Die Menschen, die Anteil daran nehmen, darüber müssen wir uns im Klaren sein, sind zu einem Großteil Fans, aber kompetent sind sie nicht.

          Warum wird Turnen nur bei Olympischen Spielen wahrgenommen?

          Sind wir ein Sport, dem man gut folgen kann, an dem man teilhaben kann, dessen Entscheidungen man sofort verstehen kann? Nein! Sind wir ein telegener Sport? Ja! Vor allem sollten die Wettkämpfe nicht länger als zwei Stunden dauern. Es ist eben nicht wie ein Tennisspiel, das wird ja immer interessanter, umso länger es dauert. Wie oft war ich in den letzten Jahrzehnten zusammen mit der Wettkampfleitung, den Kampfrichtern und den Aktiven allein in der Halle. Die Zuschauer sind alle irgendwann gegangen oder nie gekommen – das ist das Desaster! Und dann sieht man am besten noch im Fernsehen, wie die Verantwortlichen den Daumen in Richtung Kampfgericht hoch oder runter halten, bevor eine Wertung veröffentlicht wird – das ist ja wie im Politbüro, es ist absurd!

          Ist das Turnen zu kompliziert?

          Ich sage ja nicht, dass wir ein Sport werden können, bei dem 80.000 Menschen gleichzeitig „Tor“ oder „Eigentor“ schreien, wenn der Ball denn einmal im Netz ist – all das wird bei uns nie passieren. Aber ich werde in den verbleibenden zwei Jahren (als Präsident der Fig/d. Red.) weiter dafür kämpfen, dass unsere Wertungsvorschriften verständlicher werden. Umso unverständlicher wir werden, umso weniger Länder werden wir haben, die bei Olympischen Spielen mithalten können. Irgendwann wird uns das Internationale Olympische Komitee (IOC, d. Red.) einfach rauswerfen.

          Sieht seinen Sport mit Sorge: Der Präsident des Internationalen Turnerbunds Bruno Grandi
          Sieht seinen Sport mit Sorge: Der Präsident des Internationalen Turnerbunds Bruno Grandi : „Das ist ja wie im Politbüro, es ist absurd!“ Bild: dpa

          Das Risiko, das die Turner eingehen, ist zuletzt immer weiter gestiegen. Ist das notwendig, um Aufmerksamkeit zu erlangen?

          Das Risiko muss immer begrenzt bleiben, keine Frage. Es kommt darauf an, wie das Element ausgeführt wird – souverän und anmutig! Es geht nicht darum, gegen akrobatische Höchstschwierigkeiten zu sein, ich bin dann dagegen, wenn sie aussehen, als würde der Turner einfach mal etwas probieren. Es geht um die Beherrschung von Höchstschwierigkeiten. Die Sportart heißt ja nicht umsonst Kunstturnen – entweder die Kunst ist ein Teil des Sports, oder sie ist es nicht. Wenn nicht, dann können wir auch in den Zirkus gehen.

          Sie haben beim letzten Fig-Kongress Ende Oktober 2014 in Taschkent deutlich Kritik geübt. Um was ging es da genau?

          Es gibt eine Art nationalen Protektionismus, der insbesondere von den starken Ländern ausgeübt wird, die keine Veränderung wollen. Das ist ein Fehler! Es scheint, als würde für diese Länder alles super laufen, zumindest solange ihre Turner gewinnen – wenn nicht, dann beginnen die Vorwürfe.

          Können Sie ein Beispiel nennen?

          Ich wollte die Mannschaftsstärke auf vier Turner reduzieren, das ist mir nicht gelungen. Die Frage ist doch: Welche Länder sind imstande, eine Mannschaft mit fünf kompletten Mehrkämpfern zu stellen? Wir haben rund 140 Mitgliedsverbände, 30, vielleicht 40 von diesen können eine Mannschaft stellen, und von denen können vier oder fünf Medaillen gewinnen. Wollen wir wirklich diesen Ländern das Privileg erhalten? Es ist ja nicht so, als würde das IOC nicht nachfragen: Wie viele Länder können fünf Mehrkämpfer präsentieren? Und dann wird der Tag kommen, an dem die Idee, den Mannschaftswettbewerb ganz aus dem Programm zu nehmen, Realität wird.

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