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Britta Steffen : Gestraft genug?

Nun ja, ganz abgeschlossen ist das Thema Schanghai nicht: Britta Steffen Bild: dapd

Britta Steffen lehnt eine Strafe für ihre überstürzte Abreise von der Schwimm-WM ab. Sie geht auf Konfrontationskurs zum Verband – und riskiert eine Sperre.

          Zwei Übertragungswagen parken am Straßenrand. Das erste Kamerateam wartet vor der Tür. Im Treppenhaus stehen Reporter und Fotografen. Mehr als zwanzig Journalisten sind in einem schmucklosen Raum im dritten Stock des Olympiastützpunktes Berlin in Hohenschönhausen versammelt und warten auf Britta Steffen. Neben dem Maische-Dunst, der von der Schultheiß-Brauerei ins Sportforum herüberweht, liegt eine undefinierbare Spannung in der Luft. Britta Steffen wird erwartet und mit ihr eine Erklärung für ihre überstürzte Abreise von der Schwimm-Weltmeisterschaft in Schanghai vor sieben Wochen. Was hat die Doppel-Olympiasiegerin von Peking damals geritten?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Britta Steffen ist nicht bereit zu Reue oder Zerknirschung. Mit bitterer Ironie spricht sie vom „Tathergang“ in Schanghai. „Weil ich geflüchtet bin. Wir sind ja hier im kriminellen Milieu.“ Doch sie weiß, dass ihre Abreise noch immer öffentlich diskutiert wird. Deshalb hat sie die Unterbrechung ihres Trainingslagers in der Sierra Nevada für einen Sponsorentermin in Berlin dazu genutzt, diese Pressekonferenz am Freitagabend einzuberufen. Als sie erscheint, in roter Sportjacke und modisch zerschlissenen Jeans, lässt sie kurz ihre beiden Managerinnen hinter sich und schüttelt jedem einzelnen Journalisten die Hand; einem fällt sie in die Arme, einem Mädchen vom Privatradio wird sie später ein Autogramm geben. Und zwischendurch, während sie ausführlich Antworten gibt, stellt sie auch mal eine Frage.

          „Findet jemand von euch“, wendet sie sich an die Reporter, „dass ich gesperrt werden sollte?“ Findet natürlich niemand, jedenfalls nicht in dieser Stunde in diesem Raum. Und die 27-Jährige erzählt, wie sie bei der WM im Juli so erschütternd schlecht schwamm, dass sie im Vorlauf über hundert Meter nur Sechzehnte wurde und praktisch nur noch heulen konnte. „Ich habe Peinlichkeit, Schwäche und Scham empfunden“, sagt sie. Schon dadurch fühle sie sich gestraft genug. Dazu kamen die Kosten für Flug und Umbuchung von viereinhalbtausend Euro.

          Sechzig Minuten lang spricht Britta Steffen, und jeder Satz ist ein Plädoyer. Die Olympiasiegerin, die einstige Weltmeisterin war nicht in Form, weil ihr erfahrener Trainer Norbert Warnatzsch sie falsch vorbereitet hätte. „Ich war ein kleener Bodybuilder an Land“, sagt sie. „Ich war so muskulös, dass ich nach 75 Metern im Wasser keine Luft mehr hatte.“ Um nach ihrer langen Pause neue Reize zu setzen, hatte sie das „High Intensity Training“ ihrer männlichen Mannschaftskameraden an Maschinen übernommen – und überflüssige Muskeln aufgebaut. „Ich habe Klimmzüge mit Zusatzgewichten gemacht“, erzählte sie. „Doch diese Muskulatur muss mit Sauerstoff versorgt werden.“ Maschinen sind nun tabu, bis London 2012 stehen „beinharte Langstreckeneinheiten“, wie sie ankündigt, sowie Liegestütz und Klimmzüge im Plan.

          Hauptargument ihrer Verteidigung ist, dass sie die Mannschaft mit ihrer vorzeitigen Abreise geschützt habe. Paul Biedermann – nicht nur der deutsche Paradeschwimmer, sondern auch ihr Lebensgefährte – sei so ritterlich an ihrer Seite geblieben, dass ihr deutlich wurde: „Wenn er nicht so gut schwimmt, weil er in Gedanken bei mir ist, wird das auf mich zurückfallen.“ Als sie dann auch noch mit ihrem Gejammer die Zimmerkameradin Sarah Poewe am Schlafen gehindert habe, habe sie gehen müssen. „Ich bin gefahren, weil ich Paul nicht belasten wollte“, fasst sie zusammen. „Ich bin gefahren, weil ich Sarah nicht belasten wollte. Ich bin gefahren, weil ich das gesamte Team nicht belasten wollte.“

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