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Britta Steffen : Das Ende kommt per E-Mail

Olympiasiegerin Britta Steffen beendet ihre Schwimm-Karriere Bild: dpa

Britta Steffen hat den deutschen Schwimmsport lange geprägt. Nun zweifelt sie daran, noch genügend Motivation und Energie zu haben. Deshalb beendet sie ihre Karriere.

          Natürlich wolle sie bei der Europameisterschaft 2014 dabei sein, sagte Britta Steffen, die EM ist schließlich in Berlin, da, wo sie jahrelang gelebt und trainiert hat. Nur: „In welcher Funktion ich dabei bin“, das sei noch offen. So war das vor wenigen Monaten bei der Schwimm-WM in Barcelona, und damals gingen viele davon aus, dass die 29 Jahre alte Doppel-Olympiasiegerin diese EM vor heimischem Publikum noch mitnehmen würde, dass sie vielleicht gar das Gesicht dieser Titelkämpfe werden könnte.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Doch für Britta Steffen gaben in dieser Frage am Ende vor allem sportliche Kriterien den Ausschlag, so hatte sie das in Barcelona auch schon angekündigt: Wenn sie in Berlin starte, „will ich eine gute Leistung zeigen. Aber ich muss mir überlegen, ob ich in der Lage bin, noch mal so schnell zu schwimmen.“ Das hat sie nun offenbar getan. Und erkannt: Sie habe „in den letzten Wochen gezweifelt, ob ich die nötige Motivation und Energie für ein oder sogar drei weitere Jahre im Kampf um Goldmedaillen und Meistertitel aufbringen kann“. So steht es in einer Mitteilung ihres Managements vom Freitag. Ihr Schluss daraus steht ein paar Sätze drüber: „Ich beende meine Karriere in dem Bewusstsein, zu den Besten der Welt zu gehören.“

          Nüchterner Schlusspunkt

          Das Ende kam also per E-Mail – der nüchterne Schlusspunkt einer herausragenden Laufbahn. „Britta Steffen war eine außergewöhnliche Schwimmerin, die den Schwimmsport in Deutschland in den vergangenen Jahren geprägt hat“, so reagierte die Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV), Christa Thiel, laut Mitteilung. „Mit Britta Steffen beendet eine große Persönlichkeit und eine außergewöhnliche Schwimmerin ihre Karriere“, wurde Leistungssportdirektor Lutz Buschkow zitiert. „Britta war immer eine Stütze unserer Nationalmannschaft, ein Vorbild für unsere heranwachsenden Talente.“

          Die Beziehung zwischen DSV-Führung und DSV-Frontfrau war freilich nicht immer einfach. So führte etwa ihre überstürzte Abreise von der WM 2011 in Schanghai nach enttäuschenden Leistungen zu gewaltigen Turbulenzen im Verband. Es war Britta Steffens sportlich wohl schwierigstes Jahr: Auf die gesamte Saison 2010 hatte sie aus Krankheitsgründen verzichten müssen, die angestrebte Rückkehr in die Weltspitze verpasste sie in Schanghai dann deutlich.

          Es folgten Olympia 2012 in London, das frühe Aus über 100 Meter und der vierte Platz über 50 Meter Freistil, sowie die WM 2013 in Barcelona, als sie Sechste über 100 Meter Freistil wurde. Es waren sehr gute Resultate, keine Frage – aber Britta Steffen erkannte eben auch, dass die absoluten Top-Schwimmerinnen inzwischen enteilt waren. Dennoch hätte Britta Steffen wohl auch bei der EM 2014 wieder eine sehr gute Rolle spielen können – diese Aussicht war ihr selbst aber offenbar zu vage. Sie konnte sie jedenfalls nicht mehr dazu bewegen, ihr privates Leben, die persönlichen Interessen noch einmal konsequent dem Schwimmsport unterzuordnen.

          Ein Jahr Pause

          Britta Steffen ist im Lauf ihrer Karriere oft ihren eigenen Weg gegangen, und diese ausgeprägte Individualität hatte wohl auch mit dem ungewöhnlichen Verlauf dieser an Extremen reichen Karriere zu tun. Das Talent Britta Steffen galt lange als Trainings-Weltmeisterin, ganz anders etwa als ihre prominente Trainingspartnerin Franziska van Almsick. Glänzende Trainingsleistungen, beste Wettkampf-Aussichten – und dann der deprimierende Rückschlag im Rennen: 2004 hatte Britta Steffen genug davon, sie hörte mit dem Leistungssport auf.

          Viel gewonnen: Die Doppel-Olympiasiegerin von 2008, Britta Steffen, beendet ihre Karriere

          Ein Jahr später kehrte sie zurück, ihr langjähriger Trainer Norbert Warnatzsch stellte den Kontakt zu der Sportpsychologin Friedrike Janofske her, mit der sie fortan zusammenarbeitete. Die EM 2006 wurde dann zu ihrem großen Befreiungsschlag: mit vier Goldmedaillen und drei Weltrekorden. Weil zu ihren ganzen Gaben, den körperlichen Voraussetzungen, der Technik, der Wasserlage, der Schnellkraft, nun auch die mentale Stabilität gekommen war. Die Freistilspezialistin lernte, mit Druck umzugehen, das Antrainierte im Wettkampf abzurufen.

          Auf Wiedersehen: Britta Steffen verlässt das Becken

          So gewann sie Bronze bei der WM 2007, und so kam sie bei den Spielen 2008 in Peking dann auf dem Gipfel an. Trotz gewaltiger Anspannung in den Tagen zuvor wurde sie Olympiasiegerin über 100 Meter Freistil, und wenig später auch noch über 50 Meter Freistil. All ihre Erfahrungen schienen in diesen Rennen zusammenzukommen, all das Training, die Arbeit, die jahrelange Vorbereitung. Ein Jahr später bei der WM in Rom, beim Hochfest der Hightech-Anzüge, war Britta Steffen wieder nicht zu schlagen. Sie stellte zwei Weltrekorde über 50 und 100 Meter Freistil auf, die bis heute stehen.

          EM ohne Spitzenkraft

          Nun arbeitet Britta Steffen an ihren beruflichen Plänen. Sie hat ein Studium zur Wirtschaftsingenieurin abgeschlossen und will jetzt in Halle/Saale, wo sie mit ihrem Partner, dem Weltrekordhalter Paul Biedermann, lebt, ein Studium des Human Resource Managements anschließen, des Personalwesens also. „Nach mehr als 15 Jahren Hochleistungssport hätte ich mir gewünscht, dass Britta bei den Europameisterschaften 2014 in Berlin im Endlauf ihre verdienten Ovationen bekommt“, sagte ihr Trainer Frank Embacher, zu dem sie vor kurzem nach zehn Jahren mit Norbert Warnatzsch gewechselt war.

          Weltspitze im Kraul: Britta Steffen brach Rekorde und gewann Medaillen

          Nun wird die EM ohne die Spitzenschwimmerin Britta Steffen auskommen müssen. „Wir würden uns freuen“, ließ DSV-Präsidentin Christa Thiel dennoch wissen, „wenn Britta dem Schwimmsport und dem DSV mit ihrer Erfahrung erhalten bleibt – in welcher Funktion auch immer.“

          Karriere mit manchen Tiefen: Britta Steffen sorgte gelegentlich für Rätsel

          Stationen einer besonderen Schwimm-Karriere

          Immer wieder bestimmte Weltrekordlerin Britta Steffen bei den Saison-Höhepunkten die Schlagzeilen aus Sicht des Deutschen Schwimm-Verbandes. Seit ihrem Doppelerfolg von Rom 2009 hielten Weltmeisterschaften für Steffen aber mehr schwere Stunden bereit.

          Budapest 2006: Mit vier Siegen und drei Weltrekorden geht Steffens Stern bei der EM in Ungarn auf. Sie selbst kann ihren Weltrekord über 100 Meter Freistil vor Freude kaum fassen. Melbourne 2007: Beim großen Duell mit Lokalmatadorin Lisbeth Lenton muss sich Steffen auch Doping-Verdächtigungen der australischen Presse erwehren. Mit Silber und Bronze ist sie nicht ganz zufrieden.
          Peking 2008: Vor den spektakulären Auftritten im Wasserwürfel bei Olympia schweigt Steffen. Dann schlägt sie zweimal als Erste an. Gold über 50 und 100 Meter Freistil. Sie ist der gefeierte Star.
          Rom 2009: Steffen ist nicht zu schlagen. Bei der WM wird sie Doppel-Weltmeisterin. Über 50 und 100 Meter Freistil wird sie nicht nur für den Titel, sondern auch für Weltrekorde bejubelt.
          Budapest 2010: Steffen muss die Saison krank sausenlassen. Für die ARD ist sie am TV-Mikro dabei. Dem Schwimm-Verband fehlt sie bei der EM als Erfolgsgarantin.
          Schanghai 2011: Hohe Erwartung, heftige WM-Enttäuschung. Britta Steffen fühlt sich eher als „Trabi“. Mittendrin reist sie fluchtartig ab. Der Verband versucht, sich vor seine Sportlerin zu stellen.
          London 2012: Die Zeit über 100 Meter sei vielleicht vorbei, mutmaßt Steffen nach dem vorzeitigen Aus bei den Sommerspielen. Über 50 Meter schlägt sie als starke Vierte zurück.
          Barcelona 2013: Erst gibt es Debatten über einen 50-Meter-Start, dann zwei achte Plätze mit den Staffeln und über 100 Meter Freistil Rang sechs. Mit der WM ist sie „sehr zufrieden“, im Urlaub denkt sie nach.
          27. September 2013: Fast zwei Monate nach den Weltmeisterschaften in Barcelona gibt Steffen ihr Karriereende bekannt. „Ich beende meine Karriere in dem Bewusstsein, zu den Besten der Welt zu gehören“, erklärt sie und zweifelt an ihrer Motivation für weitere Wettkämpfe.

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