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Britta Heidemann im Gespräch : „Ich kann nicht einmal wütend sein“

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Heidemann: „Der Fokus in der ganzen Qualifikation liegt immer noch auf der Mannschaft“ Bild: dpa

Britta Heidemann nahm ihre Gegnerin bei der Fecht-WM nicht ernst - und verlor. An diesem Sonntag bekommt sie eine zweite Chance. Im F.A.S.-Interview spricht sie über ihren Totalausfall und den weiten Weg nach London.

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          Degen-Olympiasiegerin Britta Heidemann ist bei den Weltmeisterschaften in Catania in der Qualifikation ausgeschieden, sie wurde nur 126. Als am Donnerstag um den Titel gefochten wurde, war sie Zuschauerin. An diesem Sonntag muss sie mit der deutschen Mannschaft eine Medaille gewinnen, um eine realistische Chance auf die Olympiateilnahme in London zu haben.

          Haben Sie den „Schock“, wie Sie es nannten, schon verarbeitet?

          Ich habe das in meinem Leben bis jetzt noch nicht erlebt, und ich habe noch keine endgültige Erklärung dafür. Ich war fechterisch und körperlich topfit, hatte eine gute Vorbereitung. Es wird wahrscheinlich ein Zusammenspiel mehrerer Dinge gewesen sein. Ich habe es offensichtlich nicht geschafft, mich auf den Punkt mit dieser Runde zu beschäftigen. Ich musste das erste Mal seit zehn Jahren bei Weltmeisterschaften diese Runde fechten, normalerweise war ich gesetzt bis zu den K.o.-Kämpfen. Ich hatte so eine leichte Runde mit eher unbekannten Fechterinnen - und war in Gedanken wohl schon weiter, als ich es wirklich war. Ich sage ja immer, man muss Schritt für Schritt vorangehen. Und das habe ich da nicht gemacht.

          Wie reagieren Sie auf so eine Niederlage?

          Ich kann jetzt, was die Einzelqualifikation für die Olympischen Spiele in London angeht, weder mit Mut, noch mit Wut oder sonst einer Emotion viel ausrichten. Der Fokus in der ganzen Qualifikation lag und liegt immer noch auf der Mannschaft. Trotzdem ist das eine Erfahrung, die ich mir gern erspart hätte. Ich bin häufig sehr sauer nach unnötigen Niederlagen, wenn ich weiß, ich habe nicht richtig alles gegeben, oder ich habe mich nicht konzentrieren oder sogar tatsächlich mal nicht motivieren können. Aber was ich hier erlebt habe, das ist so fernab aller meiner Leistungsmöglichkeiten, dass ich da noch nicht mal mehr wütend sein kann. Wenn ich es nicht schaffe, von fünf Gefechten auf diesem Niveau mindestens drei, vier oder sogar alle fünf zu gewinnen, sondern nur eines, dann muss irgendeine Art von Totalausfall geherrscht haben, die ich nicht mehr habe beeinflussen können.

          Ihr Buch heißt: „Erfolg ist eine Frage der Haltung“. Können Sie das jetzt wieder auf das Fechten übertragen?

          Ich habe viele Parallelen aufgezeigt. Es sind Erfahrungen, die ich in den letzten zehn Jahren aus dem Fechten auf mein persönliches Leben übertragen habe. Fechten verdeutlicht Emotionen oder psychologische Vorgänge recht gut. Es ist eine so schnelle Sportart, und wir müssen uns auf den Punkt konzentrieren. Und wenn da irgendwas schief geht - das hat man bei mir hier wunderbar gesehen -, dann kann das auf einmal über einem zusammenbrechen. Dann ist die Frage, wie gehe ich damit um. Niederlagen muss man akzeptieren und verarbeiten, muss sie natürlich analysieren, ärgern muss man sich auch. Ich muss damit leben, und dass ich das jetzt auch mal hinter mich gebracht habe. In gewisser Art und Weise werde ich mit jeder Niederlage immer noch dankbarer für all die großen Erfolge.

          Gibt es eine Lehre aus der Enttäuschung von Catania?

          Ich habe in den Jahren, in denen ich ganz oben stand, mein Studium abgeschlossen, bei den Europameisterschaften in diesem Jahr war ich in der Endphase des Buchschreibens und wurde Zweite. Ich glaube, mir hilft es, wenn ich mich im Vorfeld nicht nur auf eine Sache konzentriere und mir dann zu viele Gedanken mache. Diese Waage habe ich diesmal nicht gehalten. In meine Gedankenwelt haben Dinge Einzug gehalten, für die ich normalerweise keine Kapazitäten freigehabt hätte. Und das war für mich die Bestätigung, dass ich es bis dahin immer richtig gemacht hatte.

          Enttäuschung für die Olympiasiegerin: Britta Heidemann scheitert früh

          Haben Sie ernsthaft jemals daran gedacht, dass Sie sich nicht für London würden qualifizieren können?

          Ja, natürlich. Das ist die Möglichkeit, mit der wir uns alle als Athleten auseinandersetzen. Sie ist aber auch die Triebfeder.

          Sie waren Olympiasiegerin in Peking. Wäre Gold in London trotzdem eine Steigerung?

          Ich habe die Motivation zum Fechten an sich, ich gehe gern auf die Bahn. Und ich fühle mich - und das ist auch jetzt noch so - fechterisch sehr stark. Wenn ich in London auf der Bahn stehe, habe ich alle Chancen, wieder zu gewinnen. Aber der Weg dahin ist erst mal das Schwierige.

          Das Team müsste eine Medaille gewinnen hier in Catania.

          Das haben wir die letzten vier Jahre ja auch immer geschafft. Aber je länger man eine weiße Weste besitzt, je länger alles gut geht, desto mehr muss man sich darauf vorbereiten, dass irgendwann mal schlechtere Zeiten kommen. Unter Umständen habe ich mich innerlich etwas sehr dagegen gewappnet, dass so was tatsächlich mal eintreten könnte. Ich glaube, wenn man mit Spannung und tatsächlich auch mit Angst in Wettkämpfe geht, dann treibt einen das auch ein bisschen nach vorne. Und diese Spannung ist vor den Mannschafts-Wettkämpfen automatisch da, denn jetzt geht es tatsächlich ums Ganze.

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