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Brasilien : Mit dem Surfbrett aus der Armut

Freiheit im Wasser: Lee Ann Curren ist Vorbild für die Kinder am Strand von Titanzinho Bild:

Das brasilianische Titanzinho bietet Wellen, Sonne, Sandstrand - aber auch Kriminalität, Gewalt und Drogenmissbrauch. Lee Ann Curren, die beste Wellenreiterin Europas, will den Straßenkindern helfen. Motto: Ohne Schule kein Board.

          3 Min.

          Die Sonne steht hoch über dem Stadtstrand von Biarritz an der französischen Atlantikküste. Der Himmel ist blau, Kinder toben im Sand, im Wasser tummeln sich Wellenreiter. Lee Ann Curren kommt aus dem Meer. Am Strand, inmitten einer malerischen Bucht, umrandet von prunkvollen, alten Gebäuden, wird sie von einem kleinen Jungen aufgehalten, er möchte ein Foto mit ihr machen. Lee Ann Curren ist an diesem sorgenlosen Ort aufgewachsen, sie ist die Tochter der Surf-Legende Tom Curren und hat es mit 22 Jahren selbst zum Surfprofi gebracht. Als einzige europäische Surferin schaffte sie es im vergangenen Jahr in die World Tour der „Association of Surfing Professionals“ (ASP), in der die besten 19 Surferinnen der Welt um den Weltmeistertitel kämpfen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wegen einer Verletzung konnte sich die Französin in diesem Jahr nicht für die Champions League der Surferinnen qualifizieren, doch in ihrer Heimatstadt Biarritz bekam sie eine Wildcard für einen Stopp der ASP-Tour. Prompt siegte sie in der ersten Runde gegen Carissa Moore aus Hawaii, die sich über die Verlierer-Runde später zurück ins Feld kämpfte und sich auf dem sechsten von sieben Tourstopps vorzeitig den WM-Titel sicherte.

          Über das Surfen lernte Lee Ann Curren auch ihren Freund, den Profi-Surfer Andre Silva, kennen. Silva kommt aus Titanzinho, einem Vorort der nordbrasilianischen Millionenstadt Fortaleza. Auch dort scheint oft die Sonne, auch dort gibt es Kinder, die am Strand toben, und Wellenreiter, die sich im Wasser tummeln. Sorgenfrei ist das Leben dort nicht.

          Anfang vergangenen Jahres war Lee Ann Curren zum ersten Mal in Titanzinho. Silva hatte ihr seine Heimatstadt zeigen wollen. „Ich war schockiert, in welchen Umständen die Menschen dort leben“, sagt sie. Silva ist in diesen Umständen aufgewachsen, Kriminalität, Gewalt und Drogenmissbrauch gehörten zum Alltag seiner Jugend.

          Eines Tages schenkte ihm ein Surfer ein gebrochenes Board, Silva verbrachte von diesem Tag an jede freie Minute im Wasser. Irgendwann war er so gut, dass er ein richtiges Brett und einen Sponsorenvertrag bekam. Das Surfen wies ihm den Weg aus der Favela, dem Elendsviertel, und aus der Armut. Als er seiner Freundin im vergangenen Jahr seine Heimat zeigte, stand am Ende der Reise eine Idee: Gemeinsam gründeten sie das Projekt „Surf and Hope“.

          Siebzig Kinder kommen regelmäßig

          „Wenn es Andre durch das Surfen aus Titanzinho heraus geschafft hat, können andere Kinder das auch“, sagt Lee Ann Curren. „Unser Ziel ist es, die Kinder von der Straße auf Surfbretter und in die Schule zu bekommen.“ Die Regeln des Surfklubs von Titanzinho sind einfach: Wer morgens in die Schule geht, bekommt nachmittags ein Brett und darf surfen gehen. Zusätzlich haben Lee Ann Curren und ihr Freund einen Lehrer organisiert, der den Kindern an den Wochenenden in Englisch und Portugiesisch unterrichtet.

          Siebzig Kinder kommen regelmäßig in den Surfklub. Finanziert wird das Projekt durch Spenden, die Lee Ann Curren und ihr Freund auf ihren Reisen um die Welt sammeln. Unterstützt werden sie von anderen Surf-Profis. Letztes Jahr wurden zugunsten von „Surf and Hope“ Bretter von Weltmeister Kelly Slater und anderen Größen der Szene auf dem „Quick Pro“ in Hossegor in Südfrankreich, dem größten Surfevent Europas, verkauft. 1000 Euro kostete ein Brett, „dafür können wir in Südamerika zehn Boards für die Kinder kaufen“, sagt Lee Ann Curren.

          Keine Schule, kein Surfboard

          Nach einem Jahr zeigt das Projekt erste Erfolge. Flavinho, ein Junge aus Titanzinho, hat einen Sponsorenvertrag bekommen und nimmt jetzt an Wettkämpfen teil. Ein mindestens genauso großer Erfolg ist, dass der Junge heute lesen und schreiben kann. „Bevor er das Surfen als Anreiz hatte, ist Flavinho nicht oft in die Schule gegangen“, erzählt Lee Ann Curren. Obwohl der 13 Jahre alte Surfer auf dem Brett immer besser wurde, blieb der Deal bestehen: keine Schule, kein Surfboard. „Heute ist er einer der besten jungen Surfer - und er kann lesen und schreiben“, sagt Lee Ann Curren. Der Junge hat jetzt sein eigenes Brett bekommen, zur Schule geht er weiterhin.

          Sofia Mulanovich weiß, wie weit man durch das Surfen kommen kann. 2004 hat sie als erste Südamerikanerin einen Weltmeistertitel im Surfen gewonnen, bei den Männern gibt es bis heute keinen südamerikanischen Wellenreiter, der das geschafft hat. Sofia Mulanovich wuchs in dem kleinen Ort Punta Hermosa in Peru auf, heute kennt man ihren Namen in ganz Südamerika. „Ich wollte immer auch ein Vorbild sein und zeigen, dass man alles schaffen kann, wenn man es wirklich will“, sagt sie.

          Nach dem Gewinn des Weltmeistertitels wurde sie vom damaligen Präsidenten Perus ausgezeichnet, über ihr Leben wurde ein Film gedreht, und sie wurde als erste Südamerikanerin in die „Surfers Hall of Fame“ am Huntington Beach in Kalifornien aufgenommen. Sie weiß, wie schwer es viele Südamerikaner haben, und ist begeistert von Lee Ann Currens Projekt. „Es ist eine großartige Idee, Kinder von der Straße zu holen, indem man ihnen ein Surfbrett gibt.“ Lee Ann Curren und Andre Silva wollen ihr Erfolgsprojekt im nächsten Jahr auch in andere brasilianische Großstädte tragen.

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