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Basketball-Star Wanamaker : „Der beste Basketballer, der je in Deutschland spielte“

Der perfekte Wurf? Für Bradley Wanamaker gibt es Wichtigeres Bild: dpa

Hey, Mann, was machst du hier? Bradley Wanamaker ist der Star der Baskets Bamberg. Dass den Verein aus der deutschen Provinz in Amerika niemand kennt, stört ihn nicht. Er erklärt lieber, was wichtiger ist als der perfekte Wurf.

          Weit schwingt die Tür zur Geschäftsstelle der Brose Baskets Bamberg auf. Bradley und Bradley sind da. Pünktlich auf die Minute. Der eine, 1,93 Meter groß, breitschultrig, ist Bradley Wanamaker, Basketballprofi beim deutschen Meister, herausragender Spieler der Bundesliga, begehrt wie kaum ein anderer in Europa. Der andere, Bradley Wanamaker junior, ist halb so groß und blinzelt keck in die Runde. Und natürlich spielt auch er Basketball. In der zurückliegenden Partie hat er 36 Punkte erzielt. „Bradley der Dritte“, stellt Wanamaker seinen Sohn vor, der der Dritte mit diesem Vornamen in der Reihe ist: Großvater, Vater, Sohn. Der zieht jetzt lässig winkend ab – zum Training.

          „Bradley ist sechs Jahre alt, spielt hier in der U-9-Jugendmannschaft. Und er ist der Topscorer. Er ist gut, aber bitte sagen Sie ihm das nicht. Er denkt, er ist der Beste der Welt. Er spricht gut Deutsch inzwischen, er liest deutsche Texte und versteht sie. Sein Lehrer sagt, er sei sehr talentiert. Das ist natürlich toll für die Familie. Und auch meine drei Jahre alte Tochter macht jeden Tag Fortschritte. Sie versteht alles recht gut.“

          „Ich hasse es zu verlieren“

          Wanamaker spielt die zweite Saison in Bamberg Basketball, lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in der Stadt. Im vergangenen Jahr war der Spielmacher der Baskets ein wichtiger Faktor für den Gewinn des Titels. Den wollen die Brose Baskets nun verteidigen. An diesem Donnerstag steht das zweite Spiel im Play-off-Viertelfinale gegen Würzburg an. Die Baskets sind mit ihrem 26 Jahre alten, überragenden Dirigenten sehr souverän durch die Saison gekommen: 31 Siege, nur drei Niederlagen, Platz eins zum Abschluss der Hauptrunde.

          „Ich hasse es zu verlieren. Aber Niederlagen zum richtigen Zeitpunkt können dir auch eine Menge geben. Das ist manchmal gut für das gesamte Team. Wir hatten in diesem Jahr ein paar wirklich schlimme Niederlagen. Im Prinzip war das aber gut für uns, das baut Zuversicht für das nächste Spiel auf. Und jetzt konzentrieren wir uns auf unser großes Ziel: die deutsche Meisterschaft.“

          Beliebt: Bei den Fans in Bamberg ist Wanamaker ein Star.

          Wanamaker hat das Spiel von Bamberg auf eine neue Ebene gehoben. Sasa Obradovic, der Trainer von Alba Berlin, hat gesagt, dass Wanamaker der beste Spieler sei, der jemals in Deutschland, vielleicht sogar in Europa gespielt habe. Und er habe keine Ahnung, warum er hier spiele.

          „Die Tür nach Europa war einfach offen. Natürlich ist es mein großes Ziel, in der NBA zu spielen. Aber ich bin glücklich hier. Ich arbeite hart daran, und vielleicht wird mein Traum, in der NBA zu spielen, eines Tages wahr. Ich will aber zuerst einmal die Saison zu Ende spielen. Und natürlich Meister werden. Wenn diese beiden Dinge eingetreten sind und sich dann eine Tür auftut – wir werden es sehen.“

          Bamberg, das Weltkulturerbe, die pittoreske Altstadt, der Dom, die vielen Kneipen mit ihren eigenen, kleinen Brauereien – viel Historie, ein wenig Provinz. Eine sehr ungewohnte Umgebung für einen Mann, der in der Großstadt Philadelphia geboren und aufgewachsen ist.

          „In Philly aufzuwachsen, hmm. Das ist eine harte Stadt. Wir hatten eine komplizierte Nachbarschaft. Meine Eltern haben große Opfer gebracht, um sicherzustellen, dass es mir und meinen vier Geschwistern immer gutging. Sie haben das Tag für Tag gemacht. Mein großer Bruder, er ist acht Jahre älter als ich, hat immer auf mich und meinen Zwillingsbruder und unsere beiden zwei und drei Jahre jüngeren Schwestern aufgepasst, sie von der Schule abgeholt und nach Hause gebracht. Unsere Nachbarschaft war nicht gerade die beste Umgebung. Es gab viel Gewalt, Drogen und diese Art von Dingen, die eine Stadt auch gefährlich machen können. Meine Eltern hatten kein Geld, um von dort wegzuziehen. Wir mussten dort bleiben. Aber wir haben es geschafft. Und wenn ich zurückblicke, bin ich sehr dankbar für das, was sie aus der Situation gemacht haben. Basketball bringt alles zusammen.“

          Dass Basketball der Weg war, den er gehen wollte, vielleicht gehen musste, hat Wanamaker früh erkannt.

          „Basketball war definitiv mein Entkommen. Er hat mich und meinen Bruder immer in Bewegung gehalten. Genau wie meine Eltern, die uns dauernd zum Training und zu den Spielen gefahren haben. Das hat uns aus der Szene herausgehalten. Ein paar meiner Freunde hat es auf der Straße erwischt. Einen meiner besten Freunde habe ich auf diese Art vor ein paar Jahren verloren. Wir sind dem Ganzen tatsächlich entkommen. Wir haben unsere Universitätsausbildung kostenlos bekommen. Das war ein großes Glück für die ganze Familie. Manchmal, wenn ich nach Hause komme, erzähle ich den Kids in der Nachbarschaft von mir und meiner Jugend. Einige gehen jetzt deshalb auf das College. Ich telefoniere sehr oft mit meinen Geschwistern und meinen Eltern. Fast jeden Tag eigentlich. Manchmal bekomme ich davon auch Heimweh. Auch das ist immer ein Teil des Alltags.“

          Nicht zu greifen: Bradley Wanamaker bestimmt das Bamberger Spiel.

          An die Provinz, an die verrückten Fans in „Freak City“, wie die Bamberger Basketballfreunde ihre Stadt nennen, hat sich Wanamaker nicht nur gewöhnt. Er weiß sie zu schätzen.

          „Bevor ich hierherkam, habe ich auch in recht kleinen Städten in Italien und Frankreich gespielt. Von daher bin ich das auch schon gewöhnt. Das Leben hier ist sehr, sehr angenehm. In der Stadt werde ich schon erkannt, aber alle sind sehr respektvoll zu mir. Wenn ich hier mit meiner Familie unterwegs bin, werden wir oft angesprochen. Manchmal muss ich auch Autogramme schreiben, aber es ist wirklich nicht zu viel.“

          Auch an das Gefühl, in Übersee einer sehr amerikanischen Arbeit nachzugehen, hat sich Wanamaker gewöhnt. In seiner Heimat findet das der eine oder andere aber doch befremdlich.

          Basketball in Deutschland? Verrückt!

          „Alle fragen natürlich, wie es so ist in Deutschland. Aber in Amerika wird der europäische Basketball immer populärer. In meiner Umgebung, also in meiner Familie und bei meinen Freunden, kennen sie sich ziemlich gut aus mit dem deutschen Basketball. Es spielen ja auch ziemlich viele Amerikaner in Deutschland. Aber erst kürzlich traf ich zufällig in Bamberg einen Freund, den ich noch aus meiner Zeit in Philadelphia kenne. „Hey, Mann, was machst du denn hier“, hat er gefragt und mir erklärt, es sei doch verrückt, wenn Amerikaner nach Deutschland gingen, um dort Basketball zu spielen. Ich hab ihm erzählt, dass es sehr viele sind, die hier spielen, und dass es gar nicht so ungewöhnlich ist, hier zu spielen. Viele Amerikaner haben Angst, ins Ausland zu gehen.“

          In der Bundesliga hat Wanamaker einen der am höchsten dotierten Verträge. Nur der Münchner Center John Bryant steht in der Gehaltsrangliste mit dem vermutlich einzigen siebenstelligen Gehalt in der Liga über ihm. Wanamakers Einkommen bewegt sich im sechsstelligen Bereich. Mit einem Wechsel nach Griechenland, Italien oder in die Türkei hätte er es schon in der vergangenen Spielzeit verdoppeln oder verdreifachen können. Doch Wanamaker lehnte ab.

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          „Geld spielt schon eine Rolle. Aber eben nicht die entscheidende. Ich lege Wert auf andere Dinge. Auf meine Familie. Und auch das Glücklichsein. Als ich von Amerika nach Europa kam, war eine meiner Schlüsselfragen: Wo kann meine Familie glücklich sein? Wenn es meiner Familie gutgeht, dann geht es auch mir gut. Geld ist nichts, hinter dem ich herjagen würde. Ich jage nach dem Basketball. Ich liebe dieses Spiel, es ist eben nicht nur ein Job. Natürlich will ich immer in einem guten Team und für einen guten Klub spielen. Das Geld kommt, wenn du gut spielst. Und außerdem fühlt sich Bamberg inzwischen schon ein bisschen wie unser Zuhause an. Ob ich noch ein weiteres Jahr hierbleibe, bin ich schon letzte Saison so oft gefragt worden. Jetzt will ich zuerst einmal diese zu Ende spielen und dann entscheiden. Aber: Wer weiß? Ich mag es schon sehr, hier zu leben. Ich habe immer noch eine Option auf die nächste Saison hier. Mal sehen, was passiert. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht ...“

          Wanamaker spricht, wie er spielt. Mit dunkler, ruhiger Stimme, flotte Wortfolgen, bei denen das Wort „wir“ oft, das Wort „ich“ sehr selten vorkommt. Was er sagt, klingt manchmal nach Floskeln, wie er es sagt, wirkt authentisch.

          „Wir sind eine hungrige Mannschaft, wir wollen immer besser werden. Und wir wissen, dass der beste Weg, sich zu verbessern, immer der ist, den man gemeinsam geht. Wir haben ein großartiges Trainerteam. Mein Anteil am Erfolg ist sehr gering. Jeder aus dem Team hat einen kleinen Anteil an unserem Erfolg. Wir sind alle sehr selbstlos. Jeder steckt bei seinen persönlichen Zielen zurück und gibt alles für das Team. Es sind Spieler dabei, die könnten locker in jedem Spiel 15 bis 20 Punkte erzielen. Aber sie tun es nicht, weil sie andere Aufgaben haben. Uns geht es darum, den Ball gut zu bewegen, wir haben eine tiefe Rotation – und alle sind glücklich damit.“

          Auf dem Feld kann Wanamaker alles, spielt beeindruckend präzise Pässe, greift sich Rebounds, setzt seine Gegner in der Verteidigung unter Druck, schnappt ihnen den Ball weg, punktet mit entnervender Zuverlässigkeit und erzielt spektakuläre Körbe aus großer Distanz. Es gibt aber etwas, was für ihn weit über dem perfekten Wurf steht:

          „Der perfekte Assist – auf jeden Fall. Ein perfekter Assist für einen leicht erzielten Korb, das gibt der Mannschaft Selbstvertrauen.“

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