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Boxer Yoan Pablo Hernandez : Der deutsche Kubaner

  • Aktualisiert am

Neuanfang nach neun Monaten Pause: Yoan Pablo Hernandez Bild: picture alliance / Photowende

Box-Flüchtling Yoan Pablo Hernandez ist pünktlich, diszipliniert und fleißig. Und er beherrscht den Faustkampf wie ein Künstler sein Instrument. Am Samstag will er seinen WM-Titel verteidigen.

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          Das Warten hat ein Ende, endlich. An diesem Samstag (23.25 Uhr) darf Yoan Pablo Hernandez wieder die Fäuste fliegen lassen und tun, was er am besten kann: boxen. Der gebürtige Kubaner, Weltmeister im Cruisergewicht nach Version des Verbandes IBF, verteidigt seinen Titel in Bamberg gegen den Russen Alexander Alekseew.

          Neun Monate hat Hernandez warten müssen, nachdem er sich im Januar kurz vor dem geplanten WM-Kampf gegen den Amerikaner Eric Fields im Training die linke Hand gebrochen hatte. Neun Monate - eine ewig lange Zeit für einen Boxer.

          Hernandez kämpft für den Berliner Profi-Boxstall Sauerland, und nach einer so langen Pause bekommt ein Klassemann wie er gewöhnlich erst einmal einen Kämpfer aus der Kategorie Aufbaugegner vor die Fäuste gestellt, doch Hernandez muss sich bei seinem Comeback gleich mit dem Weltranglistenersten der IFB herumschlagen. Der Verband will es so, Alekseew, der in Hamburg lebt, ist Pflichtherausforderer.

          „Nach der langen Pause wird es natürlich schwer, gerade gegen so einen starken Herausforderer“, sagt der Kubaner. „Aber ich freue mich einfach nur, endlich wieder im Ring zu stehen.“ Es ist für ihn der erste Kampf seit 14 Monaten. Sein Trainer Ulli Wegner erwartet „einen verdammt spannenden Fight zwischen zwei technisch äußerst versierten Boxern“.

          Feinste kubanische Amateur-Ausbildung

          Äußerst versiert. Das könnte Trainer-Ballyhoo sein, ist es aber nicht. Alexander Alekseew, der von Wegner-Konkurrent Fritz Sdunek trainiert wird, gilt als Boxer von Klasse, aber mehr noch gilt das für den 1,93 Meter großen Rechtsausleger Hernandez. Er ist, was technische Ausbildung, Eleganz und Distanzgefühl betrifft, der beste Mann bei Sauerland.

          Dagegen ist Arthur Abraham im Herbst seiner Karriere ein zur Lethargie neigender Ex-Knockouter und Marco Huck, wie Hernandez Weltmeister im Cruisergewicht, ein limitierter Haudrauf. Hernandez ist ein Boxer mit feinster kubanischer Amateur-Ausbildung, ein Ästhet, der das Repertoire des Faustkampfes beherrscht wie ein Künstler sein Instrument.

          Mit viel Feingefühl: Hernandez (links) im Februar 2012 gegen Steve Cunningham

          Hernandez war 20 Jahre alt, als er sich 2005 in Halle, wo er mit der kubanischen Nationalmannschaft beim Chemie-Pokal kämpfte, absetzte. Eine Entscheidung, wie sie größer nicht sein kann. Der Junioren-Weltmeister von 2002 verließ sein Land, seine Freunde, seine Familie. Und keiner durfte von seinen Plänen wissen. Niemandem hatte er sich anvertraut. Die Gefahr, dass etwas durchsickerte, war zu groß.

          In Halle halfen ihm Exil-Kubaner. „Jungs, ich will euch was sagen: Ich brauche eure Hilfe, ich bleibe da.“ So hatte er sie angesprochen. „Sie haben mich gefragt: Bist du verrückt, und ich habe gesagt: Kein Gequatsche mehr, ich bleibe. Wollt ihr mir helfen oder nicht?“ Sie halfen ihm. Nach ein paar Wochen fuhr er nach Berlin und stellte sich bei Ulli Wegner vor. „Ich habe gesagt, Herr Wegner, bitte geben Sie mir die Chance, Profi-Weltmeister zu werden.“ Wegner testete Hernandez, ließ ihn gegen Schwergewichtler Sparringskämpfe bestreiten und gab ihm schließlich einen Vertrag.

          „Mir geht es nicht um Luxus“

          Seinen ersten Profikampf gewann Hernandez durch K.o., es ging aufwärts, 2011 war er am Ziel, gewann gegen den Amerikaner Steve Cunningham den WM-Titel. Seit Jahren gilt der Kubaner nun schon als der „deutscheste“ unter den Sauerland-Kämpfern, als pünktlich, diszipliniert, trainingsfleißig. Kubanische Box-Flüchtlinge, die es zu Dutzenden gibt und die es meist in die Vereinigten Staaten zieht, fallen regelmäßig durch andere Verhaltensweisen auf.

          Als echte Klischee-Erfüller investieren sie ihre Börsen gern in Goldschmuck, schnelle Autos und Frauen, den Rest - George Best sei gegrüßt - verprassen sie. „Ich bin anders erzogen“, sagt Hernandez. „Mir geht es nicht um Luxus, mir geht es nur ums Leben. Ich brauche keinen Bentley und auch keinen Ferrari, ich wüsste nicht, wozu.“ Kollege Abraham fährt in Berlin gern mit Wagen dieser Preisklasse vor, Hernandez lächelt nur darüber.

          Bis 5 Uhr in der Küche gesessen

          Wie ist das: Mit 20 weg von zu Hause? Von Kuba nach Halle? „Es war schwer am Anfang“, sagt Hernandez. „Aber nach zwei, drei Jahren konnte ich meiner Mutter auf Kuba ein Haus kaufen, von da an war ich ruhig innerlich. Ich habe gewusst, dass sich gelohnt hat, was ich gemacht habe, wofür ich gekämpft habe, man konnte es sehen: Es ist ein Haus daraus entstanden für meine Mutter.“

          2011, knapp sieben Jahre nach seiner Flucht, durfte Hernandez seine Mutter in Berlin erstmals wieder in die Arme schließen. „Sie ist gegen 18 Uhr gelandet“, erzählt er, „dann gingen wir nach Hause, haben in der Küche gesessen und geredet bis um 5 Uhr früh. Es war eine neue Welt für sie, es war das erste Mal, dass sie aus Kuba rauskam. Sie war ein bisschen geschockt, das ist normal, mir ging es anfangs genauso.“

          „Ich liebe das einfache Leben“

          Hernandez ist in Berlin heimisch geworden, er ist mit einer Kamerunerin verheiratet, die er 2006 in Halle kennenlernte, hat zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn, sie wachsen dreisprachig auf: Deutsch, Englisch, Spanisch. Bei der Erziehung, sagt Hernandez, komme es vor allem auf eines an: wie die Eltern sich benehmen.

          Wie benehmen sie sich? Bescheiden. „Ich liebe das einfache Leben“, sagt Hernandez. „Das gesunde Leben, die Natur, das Meer. Mein Ideal ist ein einfaches Glück. Hätte ich die Möglichkeit zu wählen, hier ein Leben mit 30 Millionen und Sorgen und Problemen, dort ein einfaches Leben mit einem Traktor und einer Ranch, dann nehme ich den Traktor und die Ranch.“

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