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Boxer Vincent Feigenbutz : Grob ins Geschichtsbuch

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Duo mit zwei Fäusten: Interims-Champ Vincent Feigenbutz mit seinem Manager Rainer Gottwald Bild: Picture-Alliance

Der Boxer Vincent Feigenbutz nennt sich gerne „Iron Junior“. Er tritt schon mal als ungehobelter Klotz auf. Und hat am Samstagabend plötzlich die Chance auf den WM-Titel – auch dank der Eigenarten der Profi-Branche.

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          Er hat sich im Karlsruher „Bulldog Gym“ vorbereitet. Der Name passt zu Vincent Feigenbutz. Der Typ wirkt bullig und bissig. Ein scharfer Hund, auch verbal. Sein Management hat ihn als den großen, ehrlichen, authentischen, unverstellten Jungen aus der Provinz verkauft, der kein Blatt vor den Mund nimmt, die Boxwelt aus den Angeln hebt. Im Nachgang seines letzten Duells haben sie ihm vorsichtshalber einen Maulkorb verpasst. Weil er einen Tabubruch beging, mit dem er einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken auslöste: Feigenbutz trat noch im Ring verbal gegen Giovanni De Carolis nach.

          Es war um den WM-Interimsgürtel gegangen, den der Titelverteidiger nur dank der gnädig gestimmten Punktrichter im Lande behalten durfte. In Erinnerung blieb ein erbittert geführter Fight, ein Sieger, der sich als ungehobelter Klotz präsentierte. Der Römer und sein Gefolge hatten sich erdreistet, das Urteil ein Fehlurteil zu nennen. Damit standen die Italiener nicht allein. Immerhin bot Feigenbutz, spontan, wie er nun mal ist, frei von Selbstzweifeln, eine Revanche an. Sie steigt an diesem Samstag (23 Uhr/ Sat 1).

          Es spricht einiges dafür, dass Feigenbutz den Ring in der Offenburger „Baden-Arena“ als Weltmeister im Supermittelgewicht des Weltverbandes WBA verlässt. Und das im Alter von zwanzig Jahren. Wenn der Gong die erste Runde einläutet, wird es bereits die insgesamt 68. seiner Laufbahn als Profiboxer sein. In diesem Anfangsstadium machen andere immer noch Aufbaukämpfe, um eines fernen Tages nach Jahren des Reifens Karriere machen zu können.

          Auf wundersame Weise ist aus dem Rematch einer Interims-Weltmeisterschaft quasi über Nacht eine „richtige“ WM geworden. Promoter „Kalle“ Sauerland hat hinter den Kulissen ganze Arbeit geleistet. Das Wissen um die Interna der einschlägigen Berufsboxfirmen mit jeweils drei Buchstaben als Kürzel ist nützlich, um zu begreifen, wie das Geschäft funktioniert, damit es floriert. Die Rangliste im Supermittelgewicht der World Boxing Association (WBA) mit Sitz in Panama wurde bis Anfang dieser Woche vom „Superchampion“ Andre Ward (Vereinigte Staaten) angeführt.

          Kronprinz des Promoters

          Der Titel wird an Athleten vergeben, die ihren WM-Titel mindestens fünfmal verteidigt haben oder gleichzeitig Weltmeister eines der etablierten Konkurrenzverbände IBF, WBC oder WBO sind. Rechtzeitig vor dem Termin in Offenburg ist Ward ins Halbschwergewicht gewechselt, so dass der bisherige Weltmeister, der Russe Fedor Chudinov, unvermittelt zum „Superchampion“ aufgestiegen ist und der Weltmeistertitel somit vakant.

          Der gewiefte Verband baut für solche Fälle vor, indem er den Interims-Weltmeister installierte, der im Fall eines Falles parat steht, die Lücke zu schließen. Oder sein Herausforderer. Jeder Titelkampf ist zugleich ein Segen für die Kasse des Verbandes, denn vom Veranstalter und von jedem Boxer wird ein sogenannter „Sanction Fee“ fällig. In Offenburg dürfte die WBA einen fünfstelligen Betrag kassieren, die Boxer wiederum müssen jeweils drei Prozent ihrer Kampfbörse an die WBA abführen.

          Nutzt der Interims-Champ Vincent Feigenbutz seine Chance, wäre er der bislang jüngste deutsche Box-Weltmeister.

          Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Promoter wie der bestens vernetzte Sauerland mit entsprechenden Seilschaften haben gute Karten, wenn es darum geht, Boxer aus ihrem Stall in den Ranglisten weit vorne zu plazieren. In der Vergangenheit Arthur Abraham etwa, den aktuellen WBC-Weltmeister im Supermittelgewicht oder Marco Huck. Inzwischen sucht Huck sein Heil als selbständiger Unternehmer. Ohne den Beistand seines einstigen Arbeitgebers steht Huck allerdings inzwischen ohne Titel da. Momentan ist der potentielle Quotenbringer Feigenbutz der erklärte Kronprinz des Promoters.

          Henry Maske fühlt sich an Mike Tyson erinnert

          Nutzt der Interims-Champ seine Chance, wäre er der bislang jüngste deutsche Box-Weltmeister. Diese Fußnote gehört noch Graciano Rocchigiani. Als dieser erstmals WM-Lorbeer erkämpfte, war der Sohn eines sardischen Eisenbiegers vier Jahre älter als Feigenbutz heute. Und ungleich talentierter. Zudem mit einer soliden Ausbildung als Amateur als Grundlage. Diese Lehrzeit als Reifeprüfung hat Feigenbutz übersprungen. In der unabhängigen Weltrangliste wird er auf Position 25 geführt, De Carolis als die Nummer 35 eingestuft. Ihnen ist trotzdem ein Gipfeltreffen auf höchster Ebene vergönnt.

          Beworben wird dieser Schlagabtausch Nummer zwei als „Die Stunde der Wahrheit“. An den jungen Mike Tyson fühlte sich Henry Maske erinnert, als er einst Augenzeuge eines Auftritts a la Feigenbutz wurde. Das muss man in Erinnerung an die Eskapaden des berühmt-berüchtigten K.-o.-Schlägers nicht als uneingeschränktes Kompliment verstehen. In Anlehnung an „Iron Mike“ nennt Feigenbutz sich selbst gerne „Iron Junior“. Mit der Feststellung „ich bin kein prügelnder Fiesling“ versucht er nun sein Bild etwas zu schönen, das er in Karlsruhe gegen De Carolis abgegeben hatte.

          Weichgespült präsentiert er sich in der Rolle des reuigen Sünders: „Ich sah mich zu Äußerungen veranlasst, die mir aber sofort danach leidtaten.“ Sein Trainer Hans-Peter Brenner sagt nicht ohne Grund: „Ich werde aus Vincent kein Lamm machen.“ Denn nur sein Draufgängertum, sein unbändiger Wille, nicht seine überschaubare Klasse, bilden jenes Kapital, auf das er verlässlich bauen kann. Mit seinem Instinkt für das Machbare hat Feigenbutz eingesehen: „Worte bringen mich nicht weiter.“

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