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Ünsal Arik : Ein Boxer gegen Erdogan

Hat eine klare Meinung – und vertritt sie auch: Der Boxer Ünsal Arik setzt sich gegen den türkischen Präsidenten ein Bild: Tobias Schmitt

Ünsal Arik ist Boxer und einer der größten Kritiker des türkischen Präsidenten in Deutschland. Der politische Einsatz kostet Kraft – und hat Folgen für den Sportler.

          Als Ünsal Arik im Sommer 2016 in der Sporthalle Hamburg um die Weltmeisterschaft kämpfte, waren fast alle Zuschauer schon zu Hause. Die Boxerin Susi Kentikian hatte den Hauptkampf gewonnen, auf Youtube kann man sich ansehen, wie der Ringsprecher danach in die verlassene Halle ruft: „Stopp, einen Kampf haben wir noch.“ Ariks Gegner marschiert mit seiner Entourage in die Halle, die Einlaufmusik läuft aber noch nicht. Der Kämpfer muss wieder zurück.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Die Kamera schwenkt über leergefegte Tribünen, auf den Tischen am Ring stehen leere Gläser. „Es war halb drei Uhr nachts, als wir endlich kämpfen durften“, sagt Arik. Eine entschlossene Offensive in der dritten Runde reichte ihm für ein technisches K.o., um halb vier war er im Hotel. Warum er erst nach dem Hauptkampf in den Ring durfte? „Dem Promoter gefiel das T-Shirt nicht, das ich anziehen wollte“, sagt Arik. Es war ein T-Shirt mit einer Aufschrift, die schon bei einem Kampf in der Türkei 2014 für einen Skandal gesorgt hatte: „Das Land gehört Atatürk, nicht Tayyip.“

          1,3 Millionen Deutschtürken dürfen abstimmen

          2014 wollte Arik vor der Präsidentschaftswahl ein Zeichen gegen Recep Tayyip Erdogan setzen. Heute ist er so ziemlich der einzige deutsch-türkische Sportler, der sich öffentlich für ein „Nein“ bei der Abstimmung um die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei ausspricht. Ein „Ja“ würde Erdogan quasi zum Alleinherrscher machen. Bis zum Sonntag dürfen auch 1,3 Millionen Deutschtürken darüber abstimmen, ob der Präsident zusätzlich Regierungschef wird, in Zukunft selbst seine Stellvertreter, Minister und zwölf von fünfzehn Verfassungsrichtern benennen darf, jederzeit Neuwahlen ausrufen kann und vom Gebot zur parteipolitischen Neutralität entbunden wird. Eine Gewaltenteilung gäbe es dann kaum noch. Arik sagt: „Erdogan will aus der Türkei eine Diktatur machen.“

          Viele Oppositionelle sitzen vor der Abstimmung im Gefängnis, die Medien sind unter Kontrolle. Trotzdem wird es Umfragen zufolge knapp. Prominente Unterstützer sind in der Türkei gefragt, für die „Evet“-(Ja-) Kampagne treten sie in Videos auf, bekennen sich zu Erdogan und ermutigen andere Stars, auch ein solches Video aufzunehmen. Das Schneeballsystem erreichte Sportler in Deutschland: Der Leverkusener Fußballspieler Hakan Çalhanoglu setzte sich im Januar für Erdogan vor die Kamera. Ünsal Arik hielt mit einem „Hayir“-(Nein-)Video dagegen, das mittlerweile mehr als eine Million Aufrufe hat.

          Der 36 Jahre alte Boxer mit der doppelten Staatsbürgerschaft kämpft auf allen Kanälen gegen Erdogan. Nachdem er sich via Twitter selbst in die ZDF-Talkshow von Jan Böhmermann eingeladen hatte („viele Menschen sind einfach zu feige. Ich wäre gerne bei Dir zu Gast, um über die Türkei und meine Situation zu sprechen“), haben ihn auch die anderen großen deutschen Fernsehsender interviewt. Aus seinen Zitaten wurden Schlagzeilen: „Deutsch-türkischer Boxer geht auf Erdogan-Fans los“, hieß es nach dem Auftritt bei Böhmermann Mitte März.

          Der Moderator hatte ihn als „einen der wenigen Nichtpolitiker“ angekündigt, die sich trauten, etwas gegen den türkischen Präsidenten zu sagen. Selbst „Gangsta-Rapper“ hätten Einladungen abgelehnt, weil sie „Schiss gehabt hätten“. Arik sagte in der Sendung, er habe „null Angst“: „Hätten die ein bisschen Eier, wären heute ein paar Erdogan-Anhänger hier.“ Den Türken riet er, „ihr Hirn anzuschalten und beim Referendum mit Nein abzustimmen“. Und: „Jeder Türke, dem es hier nicht passt, weiß doch, wo der Flughafen ist.“ Selbst Böhmermann war irgendwann sprachlos.

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