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Boxer Timo Rost : Eine Perspektive auf eigene Faust

  • -Aktualisiert am

Vertraut auf die Kraft der Knolle: Timo Rost. Bild: Norbert Schmidt

Der Boxer Timo Rost will auf seinem Weg nach oben unabhängig bleiben und kämpft nun vor handverlesenem Publikum. Ein selbstgebastelter Ernährungsplan soll helfen.

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          In diesen Tagen warten gleich zwei physisch fordernde Aufgaben auf Timo Rost. An diesem Samstag möchte der 28-jährige Berufsboxer den elften Vergleich in seiner jungen Karriere (neun Siege, ein Remis) gewinnen, um auf der unabhängigen Weltrangliste im Supermittelgewicht weiter nach oben zu klettern, von Platz 168 nah an die Top 100 heran.

          Er ist Hauptperson bei der ersten Boxgala in Deutschland seit Ausbruch der Corona-Pandemie, bei der wieder ein kleines Kontingent an Zuschauern gestattet ist. Fünfzig Augenzeugen werden in einer ausgedienten Wuppertaler Industriehalle zusehen, wenn Rost mit dem Niederländer Gino Kanters in den Ring steigt; sobald sie ihre Plätze erreicht haben, dürfen sie laut Hygiene-vorschriften ihre Atemschutzmasken vom Gesicht nehmen.

          Einige Tage danach will der gebürtige Düsseldorfer mit Helfern den Erdkeller im Garten fertigstellen, für den er zu Hause in Remscheid bereits viel Erdreich ausgehoben hat. Dann kann er endlich all die Kartoffeln fachgerecht vorhalten, von deren Mineralstoffen er nach seiner Überzeugung enorm profitiert. „Früher war ich im Training öfter mal übersäuert“, erklärt er, „das passiert mir jetzt nicht mehr.“ In dem Sinne hat sein Trainer Rüdiger May offenbar recht behalten. Der Chefcoach im Kölner Maylife-Gym, als Profi selbst mal deutscher Meister im Cruisergewicht, hatte ihm den Tipp gegeben, und diesmal hat der kritische Boxer eins zu eins umgesetzt, was sein Coach ihm nachdrücklich angeraten hatte.

          Ein selbstgebastelter Ernährungsplan, der um die Kraft der Knolle kreist, und eine Veranstaltung, die man ihm auf den durchtrainierten Leib schneidert: Das passt ganz gut zu dem Einzelgänger, der sein Glück auf eigene Art versucht. Gerade in schwierigen Zeiten für seinen Sport möchte Rost sich ohne feste Bindung an einen Promoter durchboxen. Ein „Free Agent“, also Unternehmer in eigener Sache, der sich die Module für den Erfolg so zusammenstellt, wie er es für richtig hält – von seinem Trainer über eine Rechtsanwältin für alle Vertragssachen bis zum mühsam, aber sehr persönlich geknüpften Netz an regionalen Förderern, die ihn seit gut zwei Jahren finanziell halbwegs absichern.

          Die Solonummer sei bis heute „definitiv nicht einfach“, wie Rost versichert. Vorläufig kann er seinen Unterstützern zwar gute Stimmung und einen Athleten zum Anfassen, aber wenig realen Gegenwert bieten. „Wir verkaufen das Potential“, sagt er, und schließt dabei „die Eva“ mit ein. Das ist die Düsseldorfer Anwältin Eva Dzepina, die in seinem Rücken längst auch Management-Funktionen übernimmt. Nicht zuletzt setzt der Student der Gesundheits- und Bewegungswissenschaft aber auch auf eigene Kapazitäten, um das Geschäftsfeld Faustkampf zu begreifen: „Ich bin ja nicht so blöd, wie ein Boxer vielen erscheint.“

          Potential war in der Tat schon zu erkennen, als Rost sich noch mit Hemd und Helm im olympischen Boxen tummelte. Mut und Timing für die Offensive, eine starke Rechte und ein guter Aufwärtshaken: Manchem Beobachter kam der robuste Youngster schon damals eher wie ein Profi vor. Seine Achtungserfolge (Hochschulmeister, Dritter der deutschen Meisterschaft) waren indes nicht so gravierend, dass sich die Profi-Boxställe gleich um ihn rissen. Also erfand Rost sich mit 26 als Neueinsteiger aus dem Selbstbaukasten – und erweichte mit seinem sympathischen Auftritt manches Sponsorenherz.

          Inzwischen sitzen Stahlrohrfabrikanten aus Neuss ebenso wie die Entscheider eines Telefonspezialisten sowie einer Erkrather Firma für Präzisionsbauteile in den ersten Reihen, wenn ihr hoffnungsvoller Athlet durch die Ringseile steigt. Sie alle und dazu einige Busladungen an Fans und Followern pflegt Rost bis zum ersten Gong so intensiv, als wolle er immer noch jeden bedienen. Das lässt seinem Trainer öfter mal die Haare zu Berge stehen. „Er kriegt nicht immer die direkte Verknüpfung, dass die sportliche Performance im Vordergrund stehen muss“, mahnt der Übungsleiter, „aber er sieht jetzt die Problematik. Es ist schon besser geworden.“

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