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Boxer Marco Huck : Der Überlebenskämpfer

„Jetzt komme ich“: Marco Huck begann seine Boxkarriere als Taekwondo-Weltmeister Muamer Hukic Bild: dpa

Marco Huck weiß, wie man sich durchbeißt. Dass er im Ring aber auch gegen einen Schwergewichtler wie Alexander Powetkin besteht, kann sich manch einer nicht vorstellen - Witali Klitschko etwa.

          3 Min.

          Marco Huck ist selten allein unterwegs, er ist ein Familienmensch, das ist nicht zu übersehen. Wenn er in Stuttgart, wo er am Samstag gegen den russischen Weltmeister Alexander Wladimirowitsch Powetkin um den WM-Titel im Schwergewicht boxt, zu einem PR-Termin eilt, marschiert neben ihm sein Bruder und schleppt ihm die Tasche.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Wer hier der Star ist, ist nicht zu übersehen: Huck, 27 Jahre alt, trägt gern Designerklamotten, die nicht wirklich elegant wirken, aber auf jeden Fall sehr teuer, er kommt immer ein wenig grell daher, er liebt den Luxus, schnelle Autos, die Insignien des Aufsteigers.

          Arthur Abraham findet er klasse, seinen Stallkollegen vom Team Sauerland, der im Trainingscamp schon mal im Ferrari vorfährt, trotz Trainer Ulli Wegner, dem solche Auftritte ein Greuel sind. Marco Huck und die Familie: Vater, Mutter, drei Geschwister - mit ihnen ist er im Alter von acht Jahren aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg nach Bielefeld geflüchtet, im Kofferraum eines klapprigen Autos hat er die Grenze passiert, und dann lebte die Familie acht Jahre lang in einem Heim für Asylbewerber, ein Zimmer für sechs Menschen.

          Marco Huck hieß damals noch Muamer Hukic, den deutschen Namen hat er erst als Profiboxer angenommen, weil man als Sportler hierzulande besser Marco Huck heißt als Muamer Hukic, das Fernsehen will es so.

          Sein Vater, sagt Huck, sei neben Muhammad Ali sein größtes Vorbild. Er habe die Familie zusammengehalten, habe die Kinder durch all die schwierigen Jahre geführt und zu guten Menschen erzogen. Wenn er im Ring stehe und sich überwinden müsse, dann denke er an seinen Vater. Oder an Gott.

          Mit 18 Weltmeister im Taekwondo

          Die Familie stammt aus dem südserbischen Sandschak, sie gehörte zur verfolgten muslimischen Minderheit, Muamer Hukic ist in diesem Glauben erzogen worden. Ihn hat er niemals abgelegt, auch nicht als Marco Huck.

          Er ist ein Kämpfer, schon damals im Bielefelder Asylantenheim ist er hyperaktiv, versucht sich in vielen Sportarten, Fußball, Handball, Basketball, sogar Tischtennis und American Football, überall beweist er Talent, und Biss hat er sowieso.

          Dann meldet ihn der Vater beim Taekwondo im Sportpalast Bielefeld an. Es ist der richtige Ort, der kleine Muamer hat Glück. Ulf Schmidt, einer der besten deutschen Kampfsporttrainer, nimmt sich seiner an. Schmidt erkennt das Talent des Jungen und macht aus ihm einen Kickboxer der Extraklasse. Mit 15 schon hat Huck den schwarzen Gürtel, mit 16 ist er Kickbox-Europameister, mit 18 Weltmeister - nicht bei den Junioren, bei den Männern. Mit 18 Weltmeister im Kickboxen, das reicht, um ein Star zu sein - in Bielefeld.

          „Mein Name ist Muamer Hukic, ich will Box-Weltmeister werden“

          Und in der Szene. Ein Junge, der für seine Kraft bewundert wird und dazu ein erfolgreicher Sportler ist, komme schnell mit Kriminellen in Berührung, sagt Huck. Er hält sich von ihnen fern, hat anderes vor, er will Boxer werden. Er geht zu einem Probetraining bei den Amateuren, verprügelt die ersten Gegner, und bestreitet 15 Kämpfe, die er alle gewinnt.

          Huck liebt Herausforderungen, neue Ziele, er ist einer, der sich nicht ausruht, der nicht bequem ist, der auch beim Sparring wie ums Überleben kämpft, er ist kein schlauer Taktiker, kein feiner Techniker, er ist ein explosiver Fighter, der hyperaktive kleine Muamer kämpft immer mit.

          Dann fährt er, gerade zwanzig Jahre alt, nach Berlin, stellt sich im Sauerland-Stall Trainer Wegner vor. „Guten Tag", sagt er, „mein Name ist Muamer Hukic, ich bin Kickbox-Weltmeister und will Box-Weltmeister werden." Er solle sich umziehen, sagt Wegner, in zehn Minuten sei Sparring. Seither boxt Huck als Profi für Sauerland.

          Bequem im Cruisegewicht? Das ist nicht seine Art

          Noch im selben Jahr gewinnt er sein Profidebüt in der ersten Runde durch K.o. Es folgen bis heute weitere 34 Kämpfe, von denen er einen verliert: 2007 gegen Steve Cunningham, seinen ersten WM-Titelkampf. Huck nimmt den Amerikaner nicht ernst, zieht um die Häuser statt zu trainieren. Es ist ihm eine Lehre.

          Zwei Jahre später hat er sein Ziel erreicht: Am 29. August 2009 gewinnt er gegen den Argentinier Victor Ramírez den WM-Kampf des Verbandes WBO im Cruisergewicht (bis 90 Kilogramm), er ist Weltmeister und verteidigt den Titel achtmal.

          Huck hätte es sich im Cruisergewicht, das er dominiert, bequem machen können, noch ein paar Millionen verdienen, aber das ist nicht seine Art. Nach seinem K.-o.-Sieg gegen den Argentinier Gogelio Rossi im Oktober vergangenen Jahres verkündet er ein neues Projekt, den Aufstieg ins Schwergewicht. Seine neuen Ziele: Auch in der Königsklasse Weltmeister werden - und gegen einen der Klitschkos boxen.

          Von 90 auf 97 Kilo - doch Powetkin wiegt 105

          Ziel eins kann Huck an diesem Samstag erreichen. Powetkin, sein Gegner, 32 Jahre alt, boxt ebenfalls für Sauerland. Er ist ein echter Schwergewichtler, Olympiasieger von 2004, Kampfgewicht 105 Kilo, ein eindrucksvolles Kraftpaket, ungeschlagen in 23 Profikämpfen. Huck hat sich von 90 auf 97 Kilo hochtrainiert, jetzt muss er beweisen, ob das reicht, ob er gegen einen Klassemann wie Powetkin bestehen kann.

          Schwergewichts-WM nach Version des Verbandes WBA, Huck gegen Powetkin - ein bisschen Ballyhoo muss sein, auch wenn das inszenierte Geschwätz vor den Kämpfen nicht zu Hucks Stärken zählt. Immerhin hat er sich eine kleine Provokation abgerungen. „Powetkin", sagt er, „hat bis jetzt nur alte und dicke Gegner geschlagen. Jetzt komme ich. Da muss er sich beweisen." Powetkin kontert: „Seine Herausforderung hat mich schon sehr gewundert."

          Und natürlich hat sich vorsorglich auch einer aus der Box-Vermarktungsfirma Klitschko zu Wort gemeldet. „Ich glaube nicht, dass Huck gegen Powetkin gewinnt", sagt Witali. „Er erinnert mich sehr an David Haye - große Klappe und nichts dahinter. Das Schwergewicht ist eine ganz andere Herausforderung als das Cruisergewicht." Eine ganz andere Herausforderung - da hat er recht, genau deshalb steigt Huck am Samstag in den Ring.

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