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Boxer Manny Pacquiao : Grenzenlose Bewunderung für den Besten

  • -Aktualisiert am

Politiker, Schauspieler, Sänger, Muskelmann: Manny Pacquiao Bild: REUTERS

Der Filipino Manny Pacquiao ist die größte Attraktion des Boxsports - außerdem Politiker, Unternehmer, Sänger, Schauspieler und TV-Moderator. Wenn er an diesem Samstag kämpft, schweigen in seiner Heimat sogar die Waffen.

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          Man hätte meinen können, an dieser Stelle seien Autofahrer den Anblick von Prominenten gewöhnt. Aber als Manny Pacquiao unlängst vor dem Besuchereingang zum Weißen Haus wartete, kam es zum Crash. Abgelenkt von der Entdeckung des Boxers bremsten mehrere Fahrer nicht mehr rechtzeitig, und ihre Autos krachten ineinander. Was der amerikanische Präsident Obama und Pacquiao im Anschluss miteinander besprachen, blieb geheim. Es ist nicht einmal überliefert, ob Obama seinen Gast als Abgeordneten des philippinischen Kongresses empfing - oder als derzeit größte Attraktion des Boxsports. Denn auch an diesem Samstag werden die 17.000 Zuschauer in der ausverkauften Arena des MGM-Casinos von Las Vegas wieder den Filipino anfeuern und nicht etwa seinen amerikanischen Gegner, den früheren Weltmeister Shane Mosley.

          Pacquiao hat geschafft, was nur Ausnahmekönner erreichen. Die Bewunderung für ihn macht nicht an Nationengrenzen Halt. Sogar in Mexiko versammeln sich die „Aficionados“, die Boxfans, bei Kämpfen des „Pac-Man“ zum Public Viewing, obwohl Pacquiao eigentlich der Albtraum der stolzen Boxernation sein müsste. Von seinen vergangenen 18 Kämpfen bestritt er zwölf gegen Boxer aus Mexiko, nur einen verlor er, dazu besiegte er die mexikanischstämmigen Amerikaner Oscar De La Hoya und David Diaz. Aber Pacquiao ist derzeit der einzige Boxer weltweit, der den Zuschauern dieses Gefühl vermitteln kann: Zeuge zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird.

          Die ältesten noch lebenden Boxfans schwärmen von den harten Schlägen eines Joe Louis, die nachfolgende Generation von der Eleganz Muhammad Alis, die aktuelle von der Unaufhaltsamkeit Pacquiaos. „Er ist der größte Boxer, den ich jemals mit eigenen Augen kämpfen sah“, sagt Bob Arum, am Samstag der Veranstalter. Der 79 Jahre alte Box-Promoter arbeitete schon mit Muhammad Ali, Sugar Ray Leonard, Marvin Hagler, Thomas Hearns, Roberto Duran und George Foreman zusammen. Weil Pacquiao im Boxring alles erreicht hat - zehn Weltmeistertitel in acht Gewichtsklassen, vom Fliegen- bis zum Halbmittelgewicht -, hat er sich neue Gegner gesucht. Im philippinischen Kongress nimmt er es als Vertreter der Präsidentenpartei mit der Opposition auf. Trotz aller Ablenkung, in seiner Heimat ist Pacquiao zudem Unternehmer, Sänger, Schauspieler, Werbefigur und Fernsehmoderator, hat er seit sechs Jahren keinen Boxkampf mehr verloren.

          Seine neueste CD: Manny Pacquiao präsentiert „Sometimes when we touch”
          Seine neueste CD: Manny Pacquiao präsentiert „Sometimes when we touch” : Bild: REUTERS

          20 Millionen Dollar garantiert

          Daran wird sich wohl auch am Samstag nichts ändern, obwohl der Kalifornier Mosley für den 32 Jahre alten Pacquiao der beste verfügbare Gegner ist. Denn seinem wahren Herausforderer im Kampf um die Weltherrschaft steht der Filipino zwar demnächst gegenüber - allerdings vor Gericht und nicht im Boxring. Weil sich Pacquiao und der Amerikaner Floyd Mayweather nicht auf einheitliche Regeln für Dopingkontrollen vor und nach ihrem Kampf einigen konnten, scheiterten die jüngsten Verhandlungen für das Duell, das neue Bestmarken aufstellen würde. Mayweather beschuldigte Pacquiao zu dopen, der verklagte ihn wegen Rufschädigung. Fünf Millionen Dollar verlangt der Filipino vom bislang in über 40 Kämpfen unbesiegten Mayweather. Das sind „Peanuts“ im Vergleich zu dem, was beide Athleten im Ring verdienen könnten. Bei 50 Millionen Dollar, wohlgemerkt für jeden der beiden, lagen die jüngsten Gebote.

          Nun also Mosley statt Mayweather, der nächste Stellvertreterkrieg. Immerhin einer, der Pacquiao 20 Millionen Dollar Börse garantiert. „Mosley ist größer als ich, und er ist sehr schnell. Er ist bereit, die Welt zu schocken. Ich denke, es wird ein guter Kampf“, sagt Pacquiao. „Wir können nicht warten, bis unser Wunschgegner aufhört, vor uns davonzulaufen“, sagt Pacquiaos Trainer Freddie Roach. „Wir müssen kämpfen.“

          Fahnenträger bei den Olympischen Spielen

          Wenn Pacquiao auftritt, dann nie nur als Boxer. Das öffentliche Training in der vergangenen Woche in seinem bevorzugten Gym in Los Angeles, in dem regelmäßig die Schauspieler Mickey Rourke und Mark Wahlberg bei ihrem boxenden Freund vorbeischauen, nutzte Pacquiao, um seine neueste CD vorzustellen. Den mehr als 30 Jahre alten Klassiker des kanadischen Popsängers Dan Hill, „Sometimes when we touch“, hat er gemeinsam mit Hill neu eingesungen. Es gehört zu den Ritualen des Boxers, dass er auf den Siegespartys nach seinen Kämpfen dem philippinischen Volkssport nachgeht: Karaoke singen. „Sometimes when we touch“ ist einer seiner Lieblingssongs. „Vor seinem letzten Kampf musste sich Manny um seinen Wahlkampf, die Politik und einen neuen Film kümmern. Jetzt hatte er die beste Vorbereitung überhaupt und ist zu hundert Prozent konzentriert“, sagt Trainer Roach dennoch. Die anfängliche Skepsis des Trainers, der Nebenjob im Kongress könnte dem Boxer im Ring schaden, ist der Zuversicht gewichen. „Manny glaubt, dass er eine ganze Nation im Stich lässt, wenn er verliert. Und er weiß, dass es seiner politischen Karriere nicht gerade nützen würde. Deshalb arbeitet er jetzt härter.“

          Nach der Arbeit die Entspannung: Wenn Pacquiao, neuerdings mit Pilzkopffrisur, nach dem Training in seiner Hotelsuite am Klavier spielt und dazu singt, könnte man ihn glatt für den fünften Beatle halten. Wenn da nur nicht dieser Dialekt wäre! Der 32 Jahre alte Pacquiao, der sich vom Schulabbrecher und Donutverkäufer auf den Straßen von General Santos City bis zum Multimillionär durchgeschlagen hat, will seine neue Frisur als Reminiszenz an die Kampfsportlegende Bruce Lee verstanden wissen. Als Kongressabgeordneter hat Pacquiao neue Schulen, Krankenhäuser und bessere Qualifikationen für arme Bauern und Fischer versprochen. Sein größtes Verdienst jedoch ist die Senkung der Kriminalitätsrate - erreicht als Faustkämpfer, nicht als Politiker. Wenn er boxt, sitzt ein ganzes Land vor den Fernsehgeräten, dann schweigen sogar in den Rebellengebieten im Süden der Inselgruppe die Waffen.

          Eine Herzensangelegenheit ist Pacquiao aber eine Aufgabe, die er selbst nicht erfüllen konnte. Neun Medaillen gewannen philippinische Sportler bislang bei Olympischen Spielen, unter ihnen zwei silberne bei olympischen Boxturnieren. „Wir sollten alle zusammen hart daran arbeiten, dass die Philippinen die erste Goldmedaille bei Olympia gewinnen“, sagte Pacquiao bei einer Rede im Kongress. Er selbst schaffte es erst mit Verspätung zu Olympia. Was ihm als Amateurboxer nicht vergönnt war, gelang ihm 2008. Bei der Eröffnungsfeier der Spiele lief Pacquiao als Fahnenträger der philippinischen Mannschaft in das Pekinger Olympiastadion ein. Dabei durfte er als Berufsboxer gar nicht am Turnier teilnehmen. Aber er ist der Botschafter der Philippinen - schon lange nicht mehr nur im Boxring.

          Der „Pac-Man“

          Manny Pacquiao wurde am 17. Dezember 1978 in Kibawe auf Mindanao, der zweitgrößten Insel der Philippinen, als Emmanuel Dapidran Pacquiao geboren. Er wuchs in General Santos City auf Mindanao auf, wo er bis heute lebt. 1998 wurde Pacquiao in Thailand erstmals Weltmeister im Fliegengewicht,im Anschluss sammelte er neun weitere Weltmeistertitel in insgesamt acht Gewichtsklassen - Weltrekord. 2010 wurde er im zweiten Anlauf als Abgeordneter der Provinz Sarangani in den philippinischen Kongress gewählt. Mit einem Jahreseinkommen von rund 40 Millionen Dollar zählt der Boxer zu den bestverdienenden Sportlern der Welt. Er veröffentlichte zwei CDs als Sänger, spielte in acht Filmen mit und moderiert derzeit in seinem Heimatland die Comedyshow „Show me da Manny“. Er macht unter anderem Werbung für den Sportartikelhersteller Nike, die Fastfood-Kette McDonald's und die Biermarke San Miguel. In seiner Heimat besitzt Multiunternehmer Pacquiao Einkaufszentren, Bürogebäude, eine Farm, auf der er Gemüse anbaut und Kampfhähne züchtet, eine Baufirma, eine Basketball-Profimannschaft, Box- und Fitness-Gyms, dazu in den Vereinigten Staaten eine Villa in Beverly Hills und einen Appartement-Komplex in Hollywood. Das amerikanische Magazin Forbes setzte den Filipino in seiner Rangliste der 100 einflussreichsten Prominenten im vergangenen Jahr auf Platz 55 - vor den Schauspielern George Clooney und Tom Cruise und vor Tennisspielerin Serena Williams. (aley.)

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