https://www.faz.net/-gtl-xwgi

Boxer Manny Pacquiao : Die Faust der Philippinen

  • -Aktualisiert am

Manny Pacquiao ist ein Volksheld und herausragender Boxer Bild: dapd

Der Boxer Manny Pacquiao ist auf den Philippinen ein Volksheld und in den Vereinigten Staaten eine Attraktion. Seine Karriere in der Politik könnte „Pac-Man“ aber in der Nacht zum Sonntag seinen sechsten WM-Titel kosten.

          3 Min.

          Wer sich üblicherweise auf den Straßen von Manila nicht sicher fühlt, aber auf einen Spaziergang dort nicht verzichten möchte, sollte sich den Sonntagmittag vornehmen. Wenn im rund 14.000 Kilometer entfernten Las Vegas Manny Pacquiao in den Ring steigt, sinkt die Kriminalitätsrate auf den Philippinen rapide – dann sitzt ein ganzes Volk vor den Fernsehgeräten. Pacquiao ist nicht nur in seinem Heimatland ein Volksheld wie aus einem Märchen. Der kleine, 31 Jahre alte Athlet mit Dynamit in den Fäusten ist auch in den Vereinigten Staaten die größte Attraktion, die der Boxsport derzeit zu bieten hat. Mehr als 60.000 Zuschauer werden an diesem Samstag (Ortszeit) im Stadion des American-Football-Klubs Dallas Cowboys erwartet, wenn Pacquiao gegen den Mexikaner Antonio Margarito seinen sechsten Weltmeistertitel in der sechsten Gewichtsklasse erobern will.

          Und mindestens 700.000 Amerikaner werden den Kampf für 54,85 Dollar im amerikanischen Bezahlfernsehen verfolgen – ein guter Zahltag für alle Beteiligten. „Manny Pacquiao ist der wertvollste Bodenschatz unseres Landes“, sagt der frühere Umweltminister der Philippinen und Bürgermeister Manilas, Lito Atienza. Aber Pacquiao ist mehr: Er ist Multimillionär, Sänger, Schauspieler, Fernsehmoderator, Werbeträger, Unternehmer – und Politiker. Seit diesem Jahr sitzt er für die liberale Partei des philippinischen Präsidenten Benigno Aquino im Kongress. Schon Aquinos Vorgängerin Gloria Arroyo hatte das Potential des Boxers außerhalb des Rings erkannt und ihn zum Friedensbotschafter ernannt – er soll die Rebellen des Südens davon überzeugen, den Kampf aufzugeben. Schließlich ruhen auch in den Rebellengebieten die Waffen, wenn der „Pac-Man“, wie er genannt wird, boxt.

          Dem Spieler schmerzen die Füße

          Pacquiaos größte Herausforderung könnte auch sein größtes Problem sein. „Mein Fokus liegt im Moment auf der Politik. Im Boxen habe ich alles erreicht“, sagt Pacquiao. Sein Trainer Freddie Roach sagt vor dem Duell mit Margarito: „Das war die schlechteste Vorbereitung, die Manny je hatte. Er konzentriert sich nicht auf den Kampf.“ Roach will nicht nur ein mentales Problem seines Boxers ausgemacht haben, sondern ein ganz profanes: „Er hat Probleme mit seinen Füßen. Schuld sind die schicken Schuhe, die er als Politiker immer tragen muss.“ Alles nur Taktik, um den gefährlichen Mexikaner Margarito in Sicherheit zu wiegen? Oder hat der schier unermüdliche Ehrgeiz, der Pacquiao aus den Slums von General Santos City zum weltweit größten Star seines Sports aufsteigen ließ, etwa tatsächlich nachgelassen?

          Manny Pacquiao ist nicht gut vorbereitet für seinen Kampf gegen Antonio Margarito
          Manny Pacquiao ist nicht gut vorbereitet für seinen Kampf gegen Antonio Margarito : Bild: REUTERS

          Ablenkungen vom Sport gab es viele in Pacquiaos Leben. Der 1,69 Meter große Boxer war ein Spieler, als er 2001 scheinbar aus dem Nichts in der Szene auftauchte wie die Verheißung einer besseren Zukunft und Weltmeister Lehlohonolo Ledwaba aus Südafrika in Las Vegas k.o. schlug. Was er an Kampfbörsen verdiente, verzockte er beim Billard und beim Kartenspielen, dazu gab es ein leckeres Bier. Heute dürfen nicht einmal mehr Pacquiaos Leibwächter in seiner Anwesenheit Alkohol trinken.

          Etwas zu verbergen?

          Ohne Leibgarde kann sich Pacquiao auf den Straßen seiner Heimatstadt nicht bewegen, es käme zu einem Menschenauflauf. Wenn der Boxer an freien Nachmittagen mitten in der Stadt Basketball spielt, säumen frühere Soldaten in Diensten des Faustkämpfers mit Maschinenpistolen im Anschlag das Spielfeld. Wenn ihr Klient wieder heil in seiner Villa angekommen ist, beziehen sie Stellung vor dem Eingangstor. Dort betteln Nachbarn um Geld oder geben Bittbriefe an ihren Helden ab. „Er ist das Wohlfahrtssystem der Philippinen“, sagt sein amerikanischer Promoter Bob Arum gewohnt großspurig. Pacquiao dagegen schweigt. So gnadenlos er im Ring zuschlägt, so grausam er seine Gegner überrennt, so schüchtern ist er im Alltag.

          Pacquiaos letzte Niederlage als Berufsboxer in bislang 51 Kämpfen liegt mehr als fünf Jahre zurück. Zu seinen prominentesten Opfern im Ring zählen Oscar De La Hoya, Ricky Hatton, Marco Antonio Barrera, Erik Morales, Juan Manuel Marquez und Miguel Cotto. Lediglich das Duell mit dem unbesiegten Amerikaner Floyd Mayweather kam bislang nicht zustande – weil Pacquiao Bluttests wenige Tage vor dem Kampf ablehnte. Seitdem mutmaßt nicht nur Mayweather, der Filipino habe etwas zu verbergen.

          Profi im Ring, Lehrling im Leben

          Weil die Königsklasse des Boxens, das Schwergewicht, derzeit keine Attraktion zu bieten hat, verehren auch die Amerikaner Pacquiao, der gegen Margarito 69 Kilogramm wiegen darf. Eigentlich ist er zehn Kilogramm leichter – aber weil die attraktiven Gegner schwerer sind, muss Pacquiao zunehmen. In der Liste der bestbezahlten Sportler der Welt des amerikanischen Magazins Forbes belegte der Filipino unlängst mit einem Einkommen von 42 Millionen Dollar von der zweiten Jahreshälfte 2009 bis Mitte 2010 den achten Platz.

          Um sein Vermögen verwalten zu können, holte Pacquiao, der früh die Schule abbrach, um mit dem Verkauf von Doughnuts die sechsköpfige Familie zu unterstützen, vor drei Jahren seinen Abschluss nach und ist mittlerweile an der Universität seiner Heimatstadt im Fach Business Management eingeschrieben. Was er als Boxer kann, lernte er auf der Straße – in der Politik und im Hörsaal ist er wieder Lehrling. Das könnte ihn den Sieg im Ring kosten.

          Weitere Themen

          Olympiasiegerin Chloe Kim zurück im Wettkampf Video-Seite öffnen

          Snowboard Weltcup : Olympiasiegerin Chloe Kim zurück im Wettkampf

          Der 20-jährigen Amerikanerin Chloe Kim ist es gelungen nach rund zwei Jahren Pause mit einem Sieg im schweizerischen Laax wieder in die Wettkampfwelt zurückzukehren. Sie hatte im Vorfeld eine Pause eingelegt, um ihr Studium an der Princeton University voranzubringen.

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am vorigen Mittwoch in Washington

          Trumps Impeachment-Prozess : Mehr Zeit für neue Skandale

          Der Impeachment-Prozess gegen Donald Trump soll erst am 9. Februar eröffnet werden. Bis dahin hoffen die Demokraten auf neue Skandale, die der Anklage weitere Munition liefern.
          Verrammelt und verriegelt: Das Lamb & Flag in London (Symbolbild)

          Großbritannien : 10.000 Pubs und Restaurants schließen

          Großbritanniens Gastronomie ist von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Während große Ketten sich frisches Kapital beschaffen, gehen die Kleinen unter.
          Mehr Unterstützung aus Washington: Amerikanische Forscher von Regeneron arbeiten am experimentellen Antikörper-Medikament.

          Antikörper-Medikament : Was auch bei Trumps Genesung half

          Ein amerikanisches Antikörper-Präparat erhält eine Notzulassung, 200.000 Dosen kauft die Bundesregierung. Deutsche Wissenschaftler vermissen Unterstützung bei ihrer Forschung – so würden Chancen verpasst, kritisieren sie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.