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Henry Maske im Gespräch : „Jeder verkauft sich auf irgendeine Weise“

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Der Gentleman-Boxer Henry Maske: Als Profi verteidigte er seinen WM-Titel zwischen 1993 und 1996 zehn Mal. Bild: Picture-Alliance

Zwischen 1993 und 1996 verteidigte Gentleman-Boxer Henry Maske zehn Mal seinen WM-Titel. Im FAZ.NET-Interview spricht er über seinen Weg vom Oberleutnant der Nationalen Volksarmee zum Popstar des deutsch-deutschen Sports.

          6 Min.

          Herr Maske, unterscheiden Sie noch zwischen Ost und West?

          Ich bin nach wie vor daran interessiert, zu wissen, von wo jemand kommt. Das ermöglicht eine klarere Interpretation. Man muss dann nicht so viele Dinge erläutern, man kann dann besser argumentieren und weiß, worauf man Rücksicht nehmen muss.

          Sie leben seit 1997 im Westen, in Leverkusen, von wo aus Sie mittlerweile zehn McDonald’s-Filialen mit 350 Mitarbeitern leiten. Sind Sie zum Wessi geworden?

          Ich bin definitiv ein Brandenburger, früher hätte ich mich entscheiden müssen zwischen Potsdam und Frankfurt an der Oder, das waren zwei verschiedene Bezirke, heute ist es ein Bundesland. Heute kann ich sagen, ich bin Brandenburger, und das bin ich ganz bewusst und sehr gern. Daran ändert nichts, dass ich seit 17 Jahren mit meiner Familie im Westen lebe und mich hier ausgesprochen wohl fühle. Ich hatte in Köln durch den Fernsehsender RTL ein Umfeld kennengelernt, das mich und meine Familie motivierte, hierherzu ziehen. Wir haben es nie bereut.

          Steht die Mauer noch in den Köpfen?

          Ich glaube, Jüngere haben deutlich weniger Schwierigkeiten damit als die ältere Ost-Generation, die sehr stabil in ihren Gewohnheiten ist und sehr lange sehr intensiv mit den Zuständen verhaftet war. Da geht es schnell, dass man sagt, wenn die Vergangenheit noch Gegenwart wäre, dann ginge es uns besser.

          Ende Oktober 1989 waren Sie mit der DDR-Boxstaffel bei einem Amateurturnier auf den Philippinen. Wegen politischer Unruhen saßen Sie in Manila fest. Wie haben Sie von dort aus Berichte von massenweise flüchtenden DDR-Bürgern aufgenommen? War da der Gedanke schon da: Jetzt kann ich vielleicht Profi werden?

          Wir waren drei Boxer: Axel Schulz, Andreas Otto und ich, dazu die Trainer Manfred Wolke und Günter Debert. Wir sahen im Fernsehen Bilder von amerikanischen Profi-Boxkämpfen. Parallel hatten wir im Kopf: Was ist da zu Hause los? Wie wird das weitergehen?

          Und dann stand die Frage im Raum, nicht bewusst formuliert, aber sie war da: Wie würden wir bei den Profis zurechtkommen? Ich war 25 Jahre alt, Olympiasieger und Amateur-Weltmeister - warum sollte ich das bei den Profis nicht schaffen können? Wir sind eine Woche länger in Manila geblieben und hatten viel Zeit nachzudenken.

          Welchen Eindruck gewannen Sie  als DDR-Boxer bei Ihren Dienstreisen vom, wie es hieß, nichtsozialistischen Weltsystem?

          Ich weiß noch, wie wir, 1987 muss das gewesen sein, mit der Interflug über Gander in Kanada nach Kuba flogen. Bei der Zwischenlandung in Gander standen da viele Touristen aus Berlin West und aus der DDR. Die einen standen hier, und die anderen standen dort. Die einen konnten, und die anderen konnten nicht.

          „Man wird zur Ware. Keinem ergeht es anders“: Henry Maske
          „Man wird zur Ware. Keinem ergeht es anders“: Henry Maske : Bild: AFP

          Die einen agierten nach dem Motto, was kostet die Welt, und holten sich, was sie wollten, und die anderen holten sich nichts, weil sie sich nichts holen konnten. Das war für mich ein prägendes Erlebnis. Ich fragte mich: Warum ist unser Staat nicht in der Lage, seine fleißigen Menschen den anderen mindestens gleichzustellen? Warum setzt er seine Leute Situationen aus, in denen sie sich minderwertig fühlen müssen?

          Aber ich bemerkte auch schnell, dass im Westen nicht alles Gold ist, was glänzt. Einmal in Finnland, das werde ich nie vergessen, sah ich auf dem Lüftungsschacht einer U-Bahn-Station vor unserem Hotel zwei Obdachlose liegen, die sich wärmten. So etwas kannten wir in der DDR nicht.

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