https://www.faz.net/-gtl-119yu

Boxer Hasim Rahman : Überlebenskünstler und Stehaufmännchen

  • -Aktualisiert am

Ein Spätstarter mit zwanzig Jahren: Boxer Hasim Rahman Bild: Reuters

Hasim Rahman ist einer routinierter Haudegen: Fünf Pistolenschüsse und ein schwerer Autounfall konnten ihn nicht umbringen. Am Samstag boxt er gegen Wladimir Klitschko zum sechsten Mal um den WM-Titel.

          3 Min.

          Hasim Shariff Rahman würde im Rollstuhl sitzen oder wäre längst tot, hätte nicht Allah, wie der tiefgläubige Muslim behauptet, zweimal sein Leben gerettet. Also boxt der 36 Jahre Amerikaner aus Baltimore am Samstag in Mannheim bereits zum sechsten Mal um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht. Sozusagen in seinem dritten Leben fordert er den Champion der Verbände IBF und WBO heraus, den dreieinhalb Jahre jüngeren Wladimir Klitschko.

          Der routinierte Haudegen, den fünf Pistolenschüsse und ein schwerer Autounfall nicht umbringen konnten, ersetzt den verletzten Russen Alexander Powetkin und könnte zum Härtetest werden. Der jüngere Klitschko sieht sich vor seinem 55. Profikampf bei neunzig Prozent seines Könnens angekommen. Er sagt: „Die letzten und schwierigsten zehn Prozent sind noch offen. Wann ich auf die hundert komme, liegt an meinen Gegnern.“ Ist der unverwüstliche Hasim Rahman einer, der Wladimir Klitschko auf hundert bringt?

          Ein Spätstarter mit zwanzig Jahren

          Die Vita dieses Überlebenskünstlers bietet Stoff fürs Kino. Als er neunzehn Jahre alt war, wurden fünf Schüsse aus einer Pistole, Kaliber 38, auf ihn abgefeuert. Eine Kugel durchschlug seine linke Hand, „mit der ich heute dennoch hart zuschlagen kann“, sagt er und ballt die Faust. Ein zweites Geschoss bohrte sich in den Rücken. Wie durch ein Wunder wurde er nicht ernsthaft verletzt. „Die Kugel traf meine Wirbelsäule. Warum ich nicht gelähmt bin? Die Kugel blieb stecken. Ich habe immer gespürt, dass Allah etwas mit mir vorhatte. Ich wusste nicht, dass es Boxen sein würde“, erzählt er.

          Den Pistolenschützen machte er ausfindig, verriet ihn aber nicht der Polizei. Das verbiete der Kodex der Straße. Als er bei einer Prügelei einem Boxer aus der Nachbarschaft überlegen war, nahm der ihn mit in seinen Boxklub – Hasim Rahman, ein Spätstarter mit zwanzig Jahren.

          In gestohlenen Autos durch die Stadt

          Obwohl er ein solides Zuhause mit elf Geschwistern in einer muslimischen Familie hatte – der Vater, Besitzer eines Maschinenbetriebes, war zum Islam konvertiert –, fand es Hasim „cool“, Mitglied einer Gang zu sein. Er raste lieber in gestohlenen Autos durch die Stadt, als zur Schule zu gehen. Mit 18 und 19 Jahren wurde er des Öfteren festgenommen und wegen unerlaubten Waffen- und Drogenbesitzes zu sieben Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

          Er hatte sich schuldig bekannt. Die Geburt seines Sohnes veränderte sein wildes Leben, das Allah 1997 zum zweiten Mal rettete. Bei einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen flog der Schwergewichtsprofi vom Beifahrersitz durch die Windschutzscheibe. Der Fahrer, ein Freund, kam ums Leben. Der Boxer brach sich etliche Knochen. Die rechte Gesichtshälfte wurde förmlich weggerissen und mit 500 Stichen wieder zusammengeflickt. Narben sind geblieben.

          Ein Lotterieschlag

          Buchstäblich mit einem Schlag wirbelte Hasim Rahman am 22. April 2001 die Schwergewichtsszene durcheinander. Der krasse 1:20-Außenseiter schlug mit einem rechten Schwinger den überheblichen Champion Lennox Lewis in Carnival City bei Johannesburg in der 5. Runde k.o. Ein Lotterieschlag. Die mächtigsten Fernsehsender und Promoter buhlten um den ungebundenen Sensationssieger mit zweistelligen Millionensummen. Ein Traum wurde wahr für einen Gelegenheitsboxer, der bis zum „lucky punch“ in Südafrika mit dem Versand von Häftlingskleidung und als Kindergärtner in der Tagesstätte seiner Frau die Familie mit drei Kindern ernährte.

          Rahman ließ sich für fünf Millionen Dollar mit Don King ein. „Wenn schon ein Gauner, dann den mächtigsten“, sagte Rahman lapidar. Der „Herr der Ringe“ versprach einen Zwischenkampf und dann die Titelverteidigung gegen Mike Tyson. Doch Lewis hatte einen Rückkampfvertrag und klagte die Revanche vor Gericht ein. Die Börsen: über zehn Millionen Dollar für jeden, inklusive für die werbewirksame Schlägerei während eines gemeinsamen Interviews beim TV-Sender ESPN.

          „Wladimir hat alles zu verlieren. Ich nichts“

          Nach den Terroranschlägen des 11.September 2001 konnte ein amerikanischer Champion mit islamischem Namen, der obendrein gerade zum zweiten Mal zum Hadsch nach Mekka gepilgert war, kaum auf besondere Sympathien in den Vereinigten Staaten hoffen. Dennoch sagte Rahman damals: „Ich finde es gut, dass die Regierung und die Medien den Unterschied zwischen Terrorismus und Islam herausstellen.“ Als Patriot mit einer aus „Stars and Stripes“ geschneiderten Hose kletterte Rahman am 17. November 2001 in Las Vegas in den Ring und ging nach einem rechten Schlag Lewis’ in der vierten Runde schwer k.o.

          Aber Rahman ist nun einmal ein Stehaufmann, schlug sich mit der Prominenz des Schwergewichts, von Evander Holyfield, David Tua, John Ruiz bis James Toney, und brachte es zum anerkannten Herausforderer Witali Klitschkos. Er brach mit King und gewann dennoch den WBC-Interimstitel gegen Monte Barrett. Der ältere Klitschko hatte die Pflichtverteidigung viermal wegen Verletzung abgesagt. Als der Ukrainer schließlich seinen Rücktritt erklärte, wurde Rahman zum offiziellen WBC-Champion proklamiert. Den Titel verlor „The Rock“, so sein Kampfname, am 12. August letzten Jahres durch K.o. in der 12. Runde gegen Oleg Maskajew. Die Bilanz – 45 Siege, 36 durch K.o., sechs Niederlagen, vier durch K.o. – deutet auf ein vorzeitiges Ende hin. So oder so. Hasim Rahman sagte gelassen: „Wladimir hat alles zu verlieren. Ich nichts.“

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Topmeldungen

          Illustration des Asteroideneinschlags im heutigen Golf von Mexiko, der den Chicxulub-Krater verursacht hat.

          Ausrottung der Dinosaurier : Die Mutter der Katastrophen

          Das Massensterben der Dinosaurier und vieler anderer Arten vor 66 Millionen Jahren war sehr wahrscheinlich nicht hausgemacht. Die neusten Spuren führen weg von den großen Vulkanen – und hin zu einem einzelnen Ereignis.
          Das Gefangenenlager der Vereinigten Staaten in Guantánamo auf Kuba (Archivbild)

          Erfinder des Waterboarding : „Ich würde es wieder tun“

          Der Psychologe James Mitchell hat die Folter des Waterboarding mitentwickelt und an Gefangenen angewandt. In einer Anhörung vor einem Militärgericht zeigte Mitchell keine Reue – er findet: Andere hätten die Grenzen überschritten.
          Das Bewusstsein für Tierwohl ist gestiegen

          Tierwohl : Wann fühlt sich die Kuh richtig gut?

          Den Deutschen ist das Tierwohl sehr wichtig. Ein verbindliches Siegel wird es aber erst einmal nicht geben. Dem steht schon das Europarecht entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.