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Boxer Hamid Rahimi : Krieg und Frieden

Treibstoff eines Boxers: „Das Feuer in deinem Herzen zeichnet den Kämpfer aus. Und das Feuer wird angetrieben durch das Leben“, sagt Hamid Rahimi Bild: Lucas Wahl

Flüchtling, Drogenabhängiger, Verbrecher - Hamid Rahimis Leben war eine Katastrophe. Dann begann er zu boxen und wurde in Afghanistan zu einem kleinen Helden. Ein Gespräch über Krieg und Frieden.

          7 Min.

          “Eigentlich prügelte ich mich, seit ich denken kann. Ich wuchs damit auf, dass nur Fausthiebe und Tritte darüber entscheiden, wer der Stärkere und Bessere ist. (. . .) Wir waren eben ein Volk von Kriegern und wurden schon von klein auf zu Kämpfern ausgebildet.“

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zitat aus: Hamid Rahimi. Die Geschichte eines Kämpfers, Seite 42

          Ein Gym im Norden von Hamburg. Bammm! Bammm! Bammm! Dumpfe Schläge, immer wieder peitschen die Fäuste von Hamid Rahimi gegen den Sandsack. Adern drücken sich unter der Haut an seinen Armen durch, Schweiß tropft von der Stirn. „Deine Faust muss so schnell sein und so genau treffen wie eine Kanonenkugel“, sagt er. „Dann fällt dein Gegner einfach um, er hat keine Chance.“ Rahimi ist Berufsboxer, 29 Jahre alt, 1,81 Meter groß, rund 72 Kilogramm schwer. Seine Bilanz: 22 Profikämpfe, 21 Siege, 9 davon durch Knockout. Sein Leben: Kriegsopfer, Flüchtling, Drogenabhängiger, Verbrecher, Sportler, Friedenskämpfer. „Manchmal“, sagt Rahimi, „weiß ich auch nicht, wie ich das durchhalten konnte.“

          Kabul, am 30. Oktober des vergangenen Jahres. Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat für diesen Tag die höchste Sicherheitsstufe verhängt. Etwa 1200 Soldaten mit Maschinengewehren bewachen den Saal der Loya Jirga im Parlamentskomplex, wo eigentlich die Große Ratsversammlung des Landes tagt. Experten haben die Glühbirnen herausgedreht und Spürhunde durch die Sitzreihen geschickt, um nach Sprengstoff zu suchen. Rund 3000 Menschen kommen am Abend in die Halle, mehr als zwanzig Millionen sitzen vor den Fernsehern und wollen wissen, was passiert: Hamid Rahimi aus Kabul gegen Said Mbelewa aus Tansania - es ist der erste Profi-Boxkampf in der Geschichte von Afghanistan, dem andauernden Kriegsschauplatz am Hindukusch. Es geht um den Interkontinental-Titel der World Boxing Organization (WBO) im Mittelgewicht, doch für Rahimi geht es um mehr, er hat diesen Abend „Fight for Peace“ genannt.

          Ein Boxer kämpf für den Frieden - das klingt merkwürdig. Was sollen Sportler bewirken, was Weltmächte nicht vollbracht haben?

          „Die jungen Menschen in Afghanistan brauchen Vorbilder, und zwar andere Vorbilder als Soldaten. Und das Land braucht Hoffnung. Dass die sonst so verfeindeten Volksgruppen der Paschtunen, Usbeken, Tadschiken und Hazara an diesem Abend zusammenkamen, ist unglaublich. Dass es keine Schießereien, keine Raketen und keine Bomben gab, ist unvorstellbar. Alle haben den Kampf geschaut, die Guten und die Bösen, es war der Geist des Sports, der Frieden gebracht hat - zumindest für ein paar Stunden. Daran habe ich geglaubt.“

          Wie schwer war es, die Verantwortlichen in Afghanistan von diesem Kampf zu überzeugen?

          „Ich habe beinahe zwei Jahre gebraucht. Viele haben mich nicht verstanden, sie haben sich gefragt, warum dieser Junge unbedingt im Krieg boxen will. Also habe ich mich mit den Mullahs getroffen und ihnen gesagt, was Frieden bedeutet. Und ich habe ihnen erzählt, wie schlecht das Image unseres Landes im Ausland ist: Terrorismus, Armut, Gewalt gegen Frauen, kein Bildung - das sind die Schlagworte, mit denen Afghanistan in Verbindung gebracht wird. Aber die Welt ist taub geworden für Nachrichten aus diesem Land, in denen es vor allem um Anschläge und Tote geht. Wir müssen die Herzen der Menschen gewinnen. Wir müssen offener sein und der Welt ein anderes Bild unseres Landes präsentieren. Das habe ich ihnen gesagt, und irgendwann haben sie meine Botschaft verstanden. Sport ist nicht einfach nur Sport, er kann ein Teil der Weltpolitik sein.“

          Akribisch beim täglichen Training in Hamburg: Hamid Rahimi

          Nach seinem Sieg gegen Mbelewa tanzen die Leute in der Halle, Rahimi nimmt das Mikrofon in die Hand und ruft: „Ich habe heute mit dem Herzen für euch gekämpft! Dieser Sieg soll zeigen, dass es Afghanistan auch in schwierigen Zeiten glückliche Momente gibt!“ Einen Tag später reitet er auf einem Pferd durch die Straßen von Kabul, und 250.000 Menschen sollen ihm zugejubelt haben. Seitdem ist Rahimi ein Held in Afghanistan. In seinem Heimatland, das er und seine Familie knapp zwanzig Jahre zuvor mit Hilfe von Schlepperbanden verlassen hatten.

          Macroyan 1, eine Plattenbausiedlung im Osten Kabuls, gebaut von den Sowjets. Dort ist Rahimi aufgewachsen: drei Zimmer, Küche, Bad, eine richtige Toilette und warmes Wasser. Die Familie zählt zur Oberschicht in Afghanistan, sein Vater Aminullah arbeitet als Agraringenieur, seine Mutter Fatimah als Schulleiterin. Der Sommer 1992 ist lang und heiß, doch die Eisdiele ist nur ein paar hundert Meter vom Haus entfernt. Dort trifft Hamid Rahimi seinen besten Freund Khalil. Hamid ist acht Jahre alt, schon kurz nach der Geburt haben sich beide zum ersten Mal gesehen und danach gemeinsam ihre Kindheit verbracht. Bis zu diesem Nachmittag. Ein Zeitzünder, eine Bombe explodiert, ein Splitter trifft Khalil im Herzen, er verblutet in den Armen seines Freundes.

          Was hat sich an diesem Tag für Sie verändert?

          „Da war so viel Blut, es roch nach verbrannter Haut und nach verbrannten Haaren. Auf einmal spürte ich diesen verdammten Krieg, ich war wie gelähmt, ich konnte mich anfangs kaum bewegen und habe zwei Jahre so gut wie überhaupt nicht mehr gesprochen. Die Ärzte haben gesagt, dass dies der Schock sei, aber sie hatten andere Probleme als einen Jungen, der seine Sprache verliert. Khalil hatte ein großes Herz und eine atemraubende Phantasie. Ihm war es gelungen, dass wir diesen Krieg nicht an uns herangelassen haben. Wir haben viel gespielt und uns so gut es ging abgelenkt. Immer wenn ich Angst hatte, erzählte mir Khalil eine Geschichte. In seinen Geschichten ging es nie um Krieg - dank ihm konnte ich den Krieg manchmal vergessen.“

          Kurz danach flüchtet sein Vater, er will nach New York, kommt aber nur bis Hamburg. 1993 folgt der Rest der Familie. Sie ziehen nach St. Georg, einen der damals schmutzigsten Stadtteile, leben zu sechst in einem Zimmer und sehen vor dem Haus Drogenabhängige, Zuhälter, Prostituierte und Kriminelle. Rahimi versteht die Sprache nicht, in der Schule wird er gehänselt, und irgendwann beginnt er zu prügeln. Mit dreizehn gründet er seine erste Gang auf dem Schulhof; mit sechzehn bekommt er seine erste Waffe und steigt gemeinsam mit einem Freund aus Afghanistan auf dem Kiez in das Geschäft der Geldeintreiber ein, beide verdienen mitunter 50 000 Mark am Tag. Er kauft er sich ein erstes Auto, einen Audi 80 Cabriolet mit Ledersitzen und verchromten Felgen, und zieht sich beinahe jeden Tag eine Linie Koks rein.

          Wie denken Sie über diese Zeit?

          „Das waren die Drecksjahre meines Lebens. Anfangs tat es mir noch leid, wenn ich jemanden vermöbelt habe, dann haben die Drogen meine Gefühle getötet. Doch die Drogen haben mir auch jenen Frieden gegeben, den mir der Krieg genommen hat. Irgendwann gehörte Gewalt zu meinem Alltag. Wir haben damals verdammt viel Geld gemacht. Es gab viele Schießereien, zu denen nicht einmal die Bullen gerufen worden sind. Wir haben uns mit Kriminellen angelegt, und wenn einer kriminell ist, dann kann er nicht einfach zur Polizei gehen.“

          Wie ging es weiter?

          „Es ist etwas Schlimmes passiert: Meine Freundin wurde vergewaltigt, und mein Freund aus Afghanistan gab mir einen Tipp, wer dieser Kerl war. Also habe ich meine Pistole eingepackt und ihm aufgelauert. Als er kam, habe ich auf ihn gezielt, ich wollte ihn erst kastrieren und danach töten. Ich schoss drei Mal auf ihn, er hat geblutet, dann bin ich geflohen. Ein paar Stunden später hat meine Freundin gesagt, dass sie den Täter erkannt hat, dass es mein Freund aus Afghanistan war, dass ich den Falschen erwischt hatte. Erst bin ich geflüchtet, wurde deutschlandweit zur Fahndung ausgeschrieben. Dann habe ich mich mit meinem Onkel getroffen, und er hat mir gesagt, dass ich nicht mein ganzes Leben weglaufen kann.“

          Besuch in Afghanistan: Rahimi vor dem ersten Profi-Boxkampf in seiner Heimat

          Rahimi stellt sich der Polizei, er muss in die Jugendstrafanstalt Hahnöfersand. Einzelzelle. Neun Quadratmeter. Kalter Entzug. Nach ein paar Wochen sieht er einen Kampf von Dariusz Michalczewski im Fernsehen. Rahimi ist fasziniert, er lässt sich Biographien großer Boxer wie Muhammad Ali und Mike Tyson schicken, und er beginnt zu trainieren. Morgens um sieben joggt er eine Stunde durch den Hof, in seiner Zelle macht er Liegestütze, stellt die Matratze gegen die Wand und übt Jabs und Punches. Nach sieben Monaten Untersuchungshaft kommt er raus, am nächsten Tag meldet sich Rahimi zum Boxtraining an.

          Was hat Ihnen der Sport gegeben?

          „Vorher war ich ein Wrack, meine Nasennebenhöhlen waren zerfetzt von der Drogenscheiße. Bis ich mich gut gefühlt habe, sind sicher fünf Monate vergangen. Da war ich wieder ein Mensch, davor sah ich aus wie eine Leiche. Und der Hass ist aus mir verschwunden. Ich war immer der Nichtsnutz in unserer Familie. Meine eine Schwester hat Jura studiert, die andere Mode entworfen, mein Bruder Kommunikation studiert - und ich habe immer nur Scheiße gemacht. Aber nun hatte ich ein Ziel, ich wollte schnell nach oben kommen. Bei Universum habe ich mich als Sparringspartner angeboten, ich habe mit Sturm und Kotelnik trainiert. Die brauchten einen Sandsack, der sich ein bisschen bewegen kann. Ich habe damals viel auf die Fresse bekommen.“

          Mit 21 steht Rahimi bei seinem ersten Amateurkampf im Ring, mit 23 gibt er sein Debüt als Profi gegen den Slowaken Slavomir Merva und siegt. Sein Kampfname: „The Dragon“. Er darf um die deutsche Meisterschaft boxen. Und wird eingeholt von der Vergangenheit. In einer Nacht im Dezember 2007 dringen maskierte Polizisten eines Sondereinsatzkommandos in seine Wohnung ein und nehmen ihn fest. Rahimi wird vorgeworfen, Teil eines Kokainrings zu sein. Dieses Mal ist er unschuldig. Die Ermittler hatten Gespräche albanischer Drogenhändler abgehört, ein Übersetzungsfehler führte sie auf die Spur von Rahimi. Fünf Monate sitzt er in Untersuchungshaft, dann wird er freigesprochen. Er kämpft weiter. Und gewinnt. Heute hat Rahimi gleich mehrere Gürtel in seiner Wohnung hängen, zudem ist er Siebter der WBO-Weltrangliste.

          Welche Ziele haben Sie noch?

          “Titel und Geld sind schön und gut, aber beides macht mich nicht mehr glücklich. Mein Ziel ist es, mit meinen Fäusten die Welt ein bisschen zu verändern. Nach meinem Kampf in Afghanistan habe ich die Kinder auf der Straße gesehen, sie haben gelacht, sie wollten Bilder mit mir machen. Diese Liebe, dieses Gefühl, das ist noch geiler als Koks. Ich bin selbst ein Kriegskind, von uns gibt es Hunderttausende, wahrscheinlich sogar Millionen auf dieser Welt. Der Krieg hört irgendwann auf, aber in unseren Köpfen geht er weiter.“

          Mehrmals im Jahr fliegt Rahimi inzwischen nach Afghanistan. Er hat sich am Aufbau einer Mädchenschule beteiligt, er setzt sich für das Frauenboxen ein, vor kurzem hat er eine halbe Million Afghani, rund 8000 Euro, bei der afghanischen Variante von „Wer wird Millionär“ gewonnen und das Geld an Waisen- und Krankenhäuser gespendet. Er ließ einen Energy-Drink entwickeln und produzieren und hat gerade 300.000 Dosen auf einem Containerschiff nach Afghanistan geschickt. Präsident Karzai hat ihm den höchsten Staatsorden verliehen. Im Oktober will Rahimi vor den zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan boxen. Er hat auch an Boxabende in Palästina und im Grenzgebiet zwischen Süd- und Nordkorea gedacht.

          Rahimi sagt: „Der Kämpfer, der ich heute bin, bin ich nicht durch das Training geworden. Das ist das Herz. Wenn das Herz nicht mehr Feuer gibt, dann kannst du nicht mehr kämpfen. Das Feuer in deinem Herzen zeichnet den Kämpfer aus. Und das Feuer wird angetrieben durch das Leben.“

          Über dieses Leben hat er gemeinsam mit Mariam Noori ein Buch geschrieben. Aber ist es nicht ein bisschen zu viel Stoff für ein einziges Leben? Anruf beim Osburg Verlag. Ist diese Geschichte wahr? „Der Verlag hat die Arbeiten von Hamid Rahimi und Mariam Noori an der Autobiographie über einen langen Zeitraum begleitet. Wo immer es die Möglichkeit gab, wurden die Angaben überprüft. Es mussten allerdings einige Namen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert werden.“ Das Buch soll ins Englische übersetzt werden, es soll auch in Amerika und Afghanistan erscheinen. „Und es gibt Interesse an den Filmrechten“, sagt Rahimi. „Ich kann das selbst kaum glauben, es ist doch nur mein Leben.“

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