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Boxer Hamid Rahimi : Krieg und Frieden

„Vorher war ich ein Wrack, meine Nasennebenhöhlen waren zerfetzt von der Drogenscheiße. Bis ich mich gut gefühlt habe, sind sicher fünf Monate vergangen. Da war ich wieder ein Mensch, davor sah ich aus wie eine Leiche. Und der Hass ist aus mir verschwunden. Ich war immer der Nichtsnutz in unserer Familie. Meine eine Schwester hat Jura studiert, die andere Mode entworfen, mein Bruder Kommunikation studiert - und ich habe immer nur Scheiße gemacht. Aber nun hatte ich ein Ziel, ich wollte schnell nach oben kommen. Bei Universum habe ich mich als Sparringspartner angeboten, ich habe mit Sturm und Kotelnik trainiert. Die brauchten einen Sandsack, der sich ein bisschen bewegen kann. Ich habe damals viel auf die Fresse bekommen.“

Mit 21 steht Rahimi bei seinem ersten Amateurkampf im Ring, mit 23 gibt er sein Debüt als Profi gegen den Slowaken Slavomir Merva und siegt. Sein Kampfname: „The Dragon“. Er darf um die deutsche Meisterschaft boxen. Und wird eingeholt von der Vergangenheit. In einer Nacht im Dezember 2007 dringen maskierte Polizisten eines Sondereinsatzkommandos in seine Wohnung ein und nehmen ihn fest. Rahimi wird vorgeworfen, Teil eines Kokainrings zu sein. Dieses Mal ist er unschuldig. Die Ermittler hatten Gespräche albanischer Drogenhändler abgehört, ein Übersetzungsfehler führte sie auf die Spur von Rahimi. Fünf Monate sitzt er in Untersuchungshaft, dann wird er freigesprochen. Er kämpft weiter. Und gewinnt. Heute hat Rahimi gleich mehrere Gürtel in seiner Wohnung hängen, zudem ist er Siebter der WBO-Weltrangliste.

Welche Ziele haben Sie noch?

“Titel und Geld sind schön und gut, aber beides macht mich nicht mehr glücklich. Mein Ziel ist es, mit meinen Fäusten die Welt ein bisschen zu verändern. Nach meinem Kampf in Afghanistan habe ich die Kinder auf der Straße gesehen, sie haben gelacht, sie wollten Bilder mit mir machen. Diese Liebe, dieses Gefühl, das ist noch geiler als Koks. Ich bin selbst ein Kriegskind, von uns gibt es Hunderttausende, wahrscheinlich sogar Millionen auf dieser Welt. Der Krieg hört irgendwann auf, aber in unseren Köpfen geht er weiter.“

Mehrmals im Jahr fliegt Rahimi inzwischen nach Afghanistan. Er hat sich am Aufbau einer Mädchenschule beteiligt, er setzt sich für das Frauenboxen ein, vor kurzem hat er eine halbe Million Afghani, rund 8000 Euro, bei der afghanischen Variante von „Wer wird Millionär“ gewonnen und das Geld an Waisen- und Krankenhäuser gespendet. Er ließ einen Energy-Drink entwickeln und produzieren und hat gerade 300.000 Dosen auf einem Containerschiff nach Afghanistan geschickt. Präsident Karzai hat ihm den höchsten Staatsorden verliehen. Im Oktober will Rahimi vor den zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan boxen. Er hat auch an Boxabende in Palästina und im Grenzgebiet zwischen Süd- und Nordkorea gedacht.

Rahimi sagt: „Der Kämpfer, der ich heute bin, bin ich nicht durch das Training geworden. Das ist das Herz. Wenn das Herz nicht mehr Feuer gibt, dann kannst du nicht mehr kämpfen. Das Feuer in deinem Herzen zeichnet den Kämpfer aus. Und das Feuer wird angetrieben durch das Leben.“

Über dieses Leben hat er gemeinsam mit Mariam Noori ein Buch geschrieben. Aber ist es nicht ein bisschen zu viel Stoff für ein einziges Leben? Anruf beim Osburg Verlag. Ist diese Geschichte wahr? „Der Verlag hat die Arbeiten von Hamid Rahimi und Mariam Noori an der Autobiographie über einen langen Zeitraum begleitet. Wo immer es die Möglichkeit gab, wurden die Angaben überprüft. Es mussten allerdings einige Namen zum Schutz der Persönlichkeitsrechte geändert werden.“ Das Buch soll ins Englische übersetzt werden, es soll auch in Amerika und Afghanistan erscheinen. „Und es gibt Interesse an den Filmrechten“, sagt Rahimi. „Ich kann das selbst kaum glauben, es ist doch nur mein Leben.“

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