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Boxer Hamid Rahimi : Krieg und Frieden

Kurz danach flüchtet sein Vater, er will nach New York, kommt aber nur bis Hamburg. 1993 folgt der Rest der Familie. Sie ziehen nach St. Georg, einen der damals schmutzigsten Stadtteile, leben zu sechst in einem Zimmer und sehen vor dem Haus Drogenabhängige, Zuhälter, Prostituierte und Kriminelle. Rahimi versteht die Sprache nicht, in der Schule wird er gehänselt, und irgendwann beginnt er zu prügeln. Mit dreizehn gründet er seine erste Gang auf dem Schulhof; mit sechzehn bekommt er seine erste Waffe und steigt gemeinsam mit einem Freund aus Afghanistan auf dem Kiez in das Geschäft der Geldeintreiber ein, beide verdienen mitunter 50 000 Mark am Tag. Er kauft er sich ein erstes Auto, einen Audi 80 Cabriolet mit Ledersitzen und verchromten Felgen, und zieht sich beinahe jeden Tag eine Linie Koks rein.

Wie denken Sie über diese Zeit?

„Das waren die Drecksjahre meines Lebens. Anfangs tat es mir noch leid, wenn ich jemanden vermöbelt habe, dann haben die Drogen meine Gefühle getötet. Doch die Drogen haben mir auch jenen Frieden gegeben, den mir der Krieg genommen hat. Irgendwann gehörte Gewalt zu meinem Alltag. Wir haben damals verdammt viel Geld gemacht. Es gab viele Schießereien, zu denen nicht einmal die Bullen gerufen worden sind. Wir haben uns mit Kriminellen angelegt, und wenn einer kriminell ist, dann kann er nicht einfach zur Polizei gehen.“

Wie ging es weiter?

„Es ist etwas Schlimmes passiert: Meine Freundin wurde vergewaltigt, und mein Freund aus Afghanistan gab mir einen Tipp, wer dieser Kerl war. Also habe ich meine Pistole eingepackt und ihm aufgelauert. Als er kam, habe ich auf ihn gezielt, ich wollte ihn erst kastrieren und danach töten. Ich schoss drei Mal auf ihn, er hat geblutet, dann bin ich geflohen. Ein paar Stunden später hat meine Freundin gesagt, dass sie den Täter erkannt hat, dass es mein Freund aus Afghanistan war, dass ich den Falschen erwischt hatte. Erst bin ich geflüchtet, wurde deutschlandweit zur Fahndung ausgeschrieben. Dann habe ich mich mit meinem Onkel getroffen, und er hat mir gesagt, dass ich nicht mein ganzes Leben weglaufen kann.“

Besuch in Afghanistan: Rahimi vor dem ersten Profi-Boxkampf in seiner Heimat

Rahimi stellt sich der Polizei, er muss in die Jugendstrafanstalt Hahnöfersand. Einzelzelle. Neun Quadratmeter. Kalter Entzug. Nach ein paar Wochen sieht er einen Kampf von Dariusz Michalczewski im Fernsehen. Rahimi ist fasziniert, er lässt sich Biographien großer Boxer wie Muhammad Ali und Mike Tyson schicken, und er beginnt zu trainieren. Morgens um sieben joggt er eine Stunde durch den Hof, in seiner Zelle macht er Liegestütze, stellt die Matratze gegen die Wand und übt Jabs und Punches. Nach sieben Monaten Untersuchungshaft kommt er raus, am nächsten Tag meldet sich Rahimi zum Boxtraining an.

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