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Boxer Hamid Rahimi : Krieg und Frieden

„Ich habe beinahe zwei Jahre gebraucht. Viele haben mich nicht verstanden, sie haben sich gefragt, warum dieser Junge unbedingt im Krieg boxen will. Also habe ich mich mit den Mullahs getroffen und ihnen gesagt, was Frieden bedeutet. Und ich habe ihnen erzählt, wie schlecht das Image unseres Landes im Ausland ist: Terrorismus, Armut, Gewalt gegen Frauen, kein Bildung - das sind die Schlagworte, mit denen Afghanistan in Verbindung gebracht wird. Aber die Welt ist taub geworden für Nachrichten aus diesem Land, in denen es vor allem um Anschläge und Tote geht. Wir müssen die Herzen der Menschen gewinnen. Wir müssen offener sein und der Welt ein anderes Bild unseres Landes präsentieren. Das habe ich ihnen gesagt, und irgendwann haben sie meine Botschaft verstanden. Sport ist nicht einfach nur Sport, er kann ein Teil der Weltpolitik sein.“

Akribisch beim täglichen Training in Hamburg: Hamid Rahimi

Nach seinem Sieg gegen Mbelewa tanzen die Leute in der Halle, Rahimi nimmt das Mikrofon in die Hand und ruft: „Ich habe heute mit dem Herzen für euch gekämpft! Dieser Sieg soll zeigen, dass es Afghanistan auch in schwierigen Zeiten glückliche Momente gibt!“ Einen Tag später reitet er auf einem Pferd durch die Straßen von Kabul, und 250.000 Menschen sollen ihm zugejubelt haben. Seitdem ist Rahimi ein Held in Afghanistan. In seinem Heimatland, das er und seine Familie knapp zwanzig Jahre zuvor mit Hilfe von Schlepperbanden verlassen hatten.

Macroyan 1, eine Plattenbausiedlung im Osten Kabuls, gebaut von den Sowjets. Dort ist Rahimi aufgewachsen: drei Zimmer, Küche, Bad, eine richtige Toilette und warmes Wasser. Die Familie zählt zur Oberschicht in Afghanistan, sein Vater Aminullah arbeitet als Agraringenieur, seine Mutter Fatimah als Schulleiterin. Der Sommer 1992 ist lang und heiß, doch die Eisdiele ist nur ein paar hundert Meter vom Haus entfernt. Dort trifft Hamid Rahimi seinen besten Freund Khalil. Hamid ist acht Jahre alt, schon kurz nach der Geburt haben sich beide zum ersten Mal gesehen und danach gemeinsam ihre Kindheit verbracht. Bis zu diesem Nachmittag. Ein Zeitzünder, eine Bombe explodiert, ein Splitter trifft Khalil im Herzen, er verblutet in den Armen seines Freundes.

Was hat sich an diesem Tag für Sie verändert?

„Da war so viel Blut, es roch nach verbrannter Haut und nach verbrannten Haaren. Auf einmal spürte ich diesen verdammten Krieg, ich war wie gelähmt, ich konnte mich anfangs kaum bewegen und habe zwei Jahre so gut wie überhaupt nicht mehr gesprochen. Die Ärzte haben gesagt, dass dies der Schock sei, aber sie hatten andere Probleme als einen Jungen, der seine Sprache verliert. Khalil hatte ein großes Herz und eine atemraubende Phantasie. Ihm war es gelungen, dass wir diesen Krieg nicht an uns herangelassen haben. Wir haben viel gespielt und uns so gut es ging abgelenkt. Immer wenn ich Angst hatte, erzählte mir Khalil eine Geschichte. In seinen Geschichten ging es nie um Krieg - dank ihm konnte ich den Krieg manchmal vergessen.“

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