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Boxer Felix Sturm : Ein Betrüger mit der Pose eines Gangsters

  • -Aktualisiert am

Felix Sturm am vergangenen Donnerstag vor dem Gericht in Köln Bild: EPA

Felix Sturm wird nach Untersuchungshaft zu Freiheitsentzug verurteilt. Mit etwas Glück wird der frühere Box-Champion den Rest seiner Strafe als Freigänger absolvieren können – und dabei sogar noch einen alten Plan umsetzen.

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          Vor 16 Jahren ist Felix Sturm selbst einmal schwer betrogen worden. In seiner deutschen Heimat aber standen alle, die sich fürs Berufsboxen interessieren, sozusagen in seiner Ecke. Er war in Las Vegas mit 25 Jahren und dem ersten WM-Gürtel im Gepäck gegen Óscar De La Hoya angetreten, eine wahre Ikone seines Sports. Ein Glückssucher par excellence, der den hohen Favoriten phasenweise regelrecht düpierte. Das Votum der drei Punktrichter erging dennoch für den amerikanischen Star, der bereits für einen zig Millionen schweren Megafight gebucht war. Es war der Tag, an dem Adnan Ćatić, so der Geburtsname, auf die ungeschriebenen Gesetze im Boxbusiness prallte.

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          29 Ringduelle und ein Gerichtsurteil später steht der fünffache Mittelgewichts-Champion selbst als Betrüger da: Das Kölner Landgericht hat ihn am vergangenen Donnerstag einmal wegen der Hinterziehung von Steuern in Höhe von rund einer Million Euro, zum anderen wegen Doping und daraus abgeleiteter Körperverletzung rechtskräftig verurteilt. Das Strafmaß von drei Jahren Freiheitsentzug erscheint hart, zumal nicht auf Bewährung entschieden wurde. Wie es auf den Angeklagten gewirkt hat, war selbst für Augenzeugen nicht auszumachen. Sturms Gesicht war bis zur Nase durch eine Atemschutzmaske verdeckt, und der Blick darüber verriet mal wieder gar nichts.

          Sich unbewegt geben, selbst bei den heftigsten Treffern: Im Ring hat Felix Sturm, der begnadete Stilist, das bis zur Perfektion beherrscht. Auf das „richtige“ Leben ausgedehnt, wirkt die fortgesetzte Na-und-Attitüde kaum gewinnend: Wer stets den Coolen gibt, erreicht auf Dauer wenig Menschen. Auch deshalb steht der 41 Jahre alte Leverkusener mit bosnischen Vorfahren recht einsam da. Er hat auf dem steilen Weg zum Erfolg zu viele vor den Kopf gestoßen, als dass er jetzt mit größerem emotionalem Support rechnen könnte.

          Die Richter verurteilten Sturm aufgrund eines Doping-Befunds auch wegen Körperverletzung. Das anabole Steroid, von dem in seinem Blut Spuren entdeckt worden sind, macht keinen Boxer wendiger oder schlagkräftiger. Insofern ging von dem Sturm, der 2016 den Rückkampf mit dem Russen Fedor Tschudinow bestritt (und gewann), kein gesteigertes Gefährdungspotential aus. Der Weltverband WBA hatte seine Sperre gegen ihn vorsorglich bereits revidiert, nachdem Unregelmäßigkeiten beim Testprocedere moniert wurden. Die Nationale Anti-Doping-Agentur sieht im Urteil einen „Meilenstein für das Anti-Doping-Gesetz“.

          Die Tatsache, dass Sturm schon 2011 wegen hinterzogener Steuern verurteilt wurde, war dem Vorsitzenden Richter zufolge „ein deutlich strafverschärfender Aspekt“. Dazu kam, dass der Boxer, der sich im Ring so selbstbewusst zeigte, vor den juristischen Anschuldigungen zunächst die Flucht ergriffen hatte. Als er sein Haus in Bosnien dann für einen stillen Auftritt auf der Kölner Fitness-Messe verließ, wurde er vor einem Jahr verhaftet – und musste wegen Fluchtgefahr acht Monate in Untersuchungshaft verbringen.

          Ob Jasmin Ćatić demnächst eine Vollzugsanstalt besuchen muss, um den Vater ihrer zwei Kinder zu sprechen, weiß man bis dato nicht genau. Mit etwas Glück wird ihr Mann den Rest seiner Strafe als Freigänger absolvieren können. In dem Fall ließe sich sogar der öfters kolportierte Plan, nun doch noch gegen Arthur Abraham zu kämpfen, in absehbarer Zeit in die Tat umsetzen. Doch die hiesigen TV-Sender schaufeln im Zweifel keine Millionen mehr frei, um Boxkämpfe zu übertragen. Und für versierte Beobachter käme der Gipfel der Dinosaurier, die mal Quotenkönige waren, ohnehin sechs, sieben Jahre zu spät – mindestens.

          Den erstaunlichen Kämpfer, der mal eben eine Legende entzaubert, wird man definitiv nicht mehr sehen, das ist vorbei – es sei denn, er beschädigte mit Kämpfen im fünften Lebensjahrzehnt sein eigenes Vermächtnis im Sport. Umso mehr ist zu hoffen, dass sich bald eine andere, nachhaltigere Perspektive ergibt. Dann könnte er wieder Adnan Ćatić sein: ein im Grunde verträglicher Zeitgenosse, der die Pose des stürmischen Gangsters gar nicht nötig hat.

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