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Boxen : Witali Klitschko soll den „Henker“ richten

  • -Aktualisiert am

„Witali hat Angst um seinen kleinen Bruder”: David Haye (r.) ist alles andere als zurückhaltend Bild: AP

David Haye ist eine schillernde Figur im Ring, boxt sehr schnell und nahezu deckungslos. Nun empörte er mit einem Bild, auf dem er Wladimir Klitschkos abgetrennten Kopf hält. Bruder Witali will Haye dafür „bestrafen“ - 2009 im Wembley-Stadion.

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          Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Wohl aber über Geschmacklosigkeit. Die Fleet Street, das legendäre Londoner Zeitungszentrum, fand es einst geschmacklos, als Cassius Clay, noch nicht Weltmeister, noch nicht Muhammad Ali, noch nicht der Größte, den Ring im Wembley-Stadion zum Kampf gegen Henry Cooper in roter Robe und mit goldener Krone betrat. Ein klarer Fall von Majestätsbeleidigung. Ein linker Haken des britischen Boxidols bestrafte das Großmaul. Nur der Gong nach der vierten Runde rettete die „Louisville Lip“ am 18. Juni 1963 vor dem K. o. Wegen aufgeplatzter Augenbrauen Coopers musste die plakatierte WM-Ausscheidung in der fünften Runde abgebrochen werden.

          45 Jahre nach Muhammad Alis würdelosestem Sieg montierten Fleet-Street-Enkel ein skandalöses Foto ihres neuesten Ringlieblings David Haye, wie er den abgetrennten Kopf Wladimir Klitschkos an den Haaren in der linken Hand hält – wie auf historischen Gemälden der Scharfrichter das abgeschlagene Haupt von Johannes dem Täufer. Witali Klitschko kündigte auf der Pressekonferenz nach dem Sieg seines Bruders über Hassim Rahman (siehe auch: Klitschko verteidigt WM-Titel ) empört an, David Haye für dieses „die Grenzen des Menschlichen überschreitende Bild“ in einem englischen Fitness-Magazin zu bestrafen: „Im Ring, Cowboy!“

          Haye besticht durch bemerkenswerte Reflexe und Explosivität

          Der Angesprochene lehnte lässig an der Tür des vollen Presseraumes und geriet auf einmal in den Mittelpunkt des Interesses. Der dunkelhäutige Dandy-Typ mit Brillanten an den Ohrläppchen, mit gerade in Las Vegas erstandenem Stetson-Hut und schlangenledernen Stiefeln hatte sich mit seiner Provokation in Szene gesetzt. Nun ist die Bekanntgabe der „Bestrafung“ im Juni 2009 keine zwei Tage später kaum die unmittelbare Reaktion auf die in Mannheim von David Haye vorgezeigte Publikation. Denn seit Witali Klitschko beim Debüt des „Hayemakers“ im Schwergewicht am 15. November in der Londoner O2-Arena zuschaute, war es offensichtlich: Management und Fernsehsender beider Seiten arbeiteten an dem angesichts der Misere im Schwergewicht attraktivsten und lukrativsten Klitschko-Kampf und würden sich auch schnell einigen, nachdem Lennox Lewis „no“ zum erwünschten Comeback gesagt hatte.

          Der 28 Jahre alte Londoner hat seine drei Gürtel der Verbände WBA, WBC und WBO im Cruisergewicht mit dem Limit von 90,72 Kilo zurückgegeben und wagt sich in die Königsklasse. Zur Premiere besiegte Haye den 37 Jahre alten Amerikaner Monte Barrett nach fünf Niederschlägen durch Technischen K. o. in der fünften Runde, war aber selbst am Boden. Diesen Barrett hatte Wladimir Klitschko schon vor acht Jahren – übrigens in London – nach sieben Runden besiegt. Haye ist eine schillernde Figur im Ring, boxt sehr schnell, sehr beweglich und nahezu deckungslos. Bemerkenswerte Reflexe und Explosivität zeichnen ihn aus.

          „Witali hätte Rahman in der ersten Runde k. o. geschlagen“

          Dennoch warnte die „Sunday Times“: „Als Schwergewicht hat Haye noch einen weiten Weg vor sich und lebt in der Gesellschaft von Wladimir und Witali Klitschko gefährlich.“ Er ist mit 1,90 Metern und nicht einmal 100 Kilo gegenüber dem Riesen aus der Ukraine ein Hänfling. Haye kann wie die Klitschkos und sein Mentor Lennox Lewis, Olympiasieger 1988, auf eine ordentliche Grundausbildung als Amateur verweisen. Er war Teilnehmer der Weltmeisterschaften 1999 in Houston und 2001 in Belfast, wo er im Finale dem späteren Olympiasieger Odlanier Solis aus Kuba unterlag. Seit seinem Profidebüt 2002 bestritt Haye 23 Kämpfe, von denen er 21 durch K. o. gewann, aber einen 2004 gegen seinen bereits 40 Jahre alten Landsmann und ehemaligen Weltmeister Carl Thompson durch Technischen K. o. verlor.

          In Mannheim kam David Haye nicht als unsympathischer, aber eben frecher und selbstbewusster Prahlhans daher. Von Wladimir Klitschko gab er sich „enttäuscht“, denn dessen „Jab-Boxen“ mit der Linken sei langweilig. „Im Schwergewicht erwartet das Publikum Aufregung. Die Zuschauer wollen Bomben sehen. Witali hätte Rahman in der ersten Runde k. o. geschlagen.“ Vor die Wahl gestellt, habe er sich sofort für Witali Klitschko entschieden. „Er ist der Gefährlichere von beiden, und ich liebe die Gefahr. Bei unserer Begegnung in London habe ich in seinen Augen gesehen, warum er gegen mich boxen will: Witali hat Angst um seinen kleinen Bruder.“ Geplanter Schauplatz des Spektakels: Haye wie einst Clay als Provokateur im Wembley-Stadion.

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