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Boxen: Walujew gegen Holyfield : Nicht das Alter zählt - von der Klinik in den Ring

  • -Aktualisiert am

Der Veteran will's wissen: Holyfield gibt sich vor dem Kampf gegen Walujew optimistisch Bild:

Die Duelle alter Kämpfer sind ein Geschäft. Nun boxt Evander Holyfield mit 46 Jahren gegen Schwergewichtsweltmeister Nikolai Walujew. Dafür ließ Holyfield sein Reaktionsvermögen klinisch testen. Der sportliche Wert des Kampfes lässt sich jedoch erst im Ring ermessen.

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          „Für mich persönlich ist das eine Zirkus-Show“, sagt Lennox Lewis verächtlich. „Evander sollte nicht mehr boxen.“ Aber auch wenn es dem ehemaligen Meister aller Klassen nicht passt: An diesem Samstag kehrt noch ein Veteran aus den aufregenden neunziger Jahren des Schwergewicht-Boxens ins Rampenlicht zurück: Evander Holyfield will in Zürich gegen Nikolai Walujew (WBA) zum sechsten Mal Champion werden. Der 46 Jahre alte „Warrior“ (Krieger), so sein Kampfname, tritt gegen den 2,13 Meter großen russischen Riesen an.

          Zweimal kämpften Lewis und Holyfield 1999 um den Einheitstitel. Nachdem er mit einem umstrittenen Unentschieden im New Yorker Madison Square Garden im ersten Anlauf gescheitert war, gewann Lewis Teil zwei der Titelkämpfe in Las Vegas. Gleich dreimal prügelten sich Riddick Bowe und Holyfield um die Anerkennung, der einzig wahre Champion im Wirrwarr der drei Verbände zu sein. Zweimal siegte Bowe, einmal Holyfield.

          Reaktionsverhalten im Kliniktest

          Bowe, jetzt 41 Jahre alt, hat am vergangenen Samstag einen gewissen Gene Pukall besiegt. Der 43 Jahre alte Lewis, der bisher allen Verlockungen zum Comeback widersteht, lästert über solche Veranstaltungen wie auch den „Zirkus“ in Zürich: „Es drängt mich nicht, mir das im Fernsehen anzuschauen.“

          Der Blick zurück: der aktuelle Weltmeister Walujew  sieht auf den ehemaligen Champion Holyfield

          Die angeblich letzten Duelle ausgedienter Kämpfer waren schon immer ein Geschäft mit der Nostalgie. „Im Leichtgewicht könnte ich mir nicht vorstellen, dass einer mit 46 Jahren noch um die Weltmeisterschaft boxt“, sagt Professor Walter Wagner, seit 30 Jahren Ringarzt des deutschen Boxsports. „Aber im Schwergewicht zählen Kraft, Kondition und die noch vorhandenen Reflexe.“ Bei Bowe und Holyfield wurde das Reaktionsverhalten im Klinikum Bayreuth in psychometrischen Tests gemessen und für gut befunden. Nicht die Zahl der Lebensjahre, sondern der verbliebene körperliche und geistige Zustand bestimmen die Ringtauglichkeit eines Schwergewichtsboxers.

          „Knock him out, Baby“

          Die Liste bekannter „Oldtimer“ ist lang. Jack Johnson, der vor hundert Jahren, am 26. Dezember 1908, in Sydney gegen Tommy Burns als erster Schwarzer Weltmeister im Schwergewicht wurde, boxte letztmals noch mit fünfzig Jahren - und ging k. o. Jack Dempsey war 45 Jahre alt, als er seine Karriere mit einem K.-o.-Sieg beendete. Max Schmeling kehrte nach acht Jahren Pause an seinem 42. Geburtstag für ein Jahr in den Ring zurück. Jersey Joe Walcott wurde erst mit 37 Jahren Weltmeister.

          Archie Moore, Inbegriff des Boxmethusalems, verlor einen Monat vor seinem 50. Geburtstag seinen 227. Kampf gegen Cassius Clay, später Muhammad Ali, durch K. o. Mit 45 Jahren, zwanzig Jahre nach der K.-o.-Niederlage gegen Ali im „Rumble of the Jungle“, wurde George Foreman zum zweiten Mal Weltmeister, als er gegen Michael Moorer der Aufforderung Angelo Dundees in der Ecke nachkam: „Knock him out, Baby.“ Zweieinhalb Jahre zuvor hatte er gegen den 14 Jahre jüngeren Holyfield nach Punkten verloren.

          Vier Niederlagen in acht Kämpfen

          Das Comeback Muhammad Alis mit 38 Jahren gegen Larry Holmes geriet zum Debakel. Nach 25 Monaten kehrte der „Größte“ zwar mit bester Figur zurück - aber „wie ein Ferrari ohne Motor“, schrieb „Sports Illustrated“. Ali hatte sich mit Medikamenten getrimmt. Auch Holyfield protzt mit stattlichen Muskeln wie ein Adonis. Eine hohle Figur? Der Altmeister verlor vier seiner acht Kämpfe während der letzten sechs Jahre. Zwischendurch geriet der Bodybuilder in Verdacht, Kunde der Internet-Apotheke für Steroide und Wachstumshormone zu sein. Bei seinem letzten Ringauftritt vor 14 Monaten in Moskau war Holyfield gegen den damaligen WBO-Weltmeister Sultan Ibragimow chancenlos.

          Bowe und Holyfield gaben sich in den vergangenen Wochen in Bayreuth die Klinke in die Hand. Ein Team von mindestens zehn Spezialisten verschiedener Fachrichtungen untersuchte fast sieben Stunden lang die beiden Altboxer. „Für beide das gleiche Rundumprogramm“, sagt Wagner. Weil ihm in den Vereinigten Staaten Herzprobleme nachgesagt werden, wurde bei Holyfield zusätzlich eine Computer-tomographie des Herzens angefertigt.

          Holyfield zerstörte den Mythos Tyson

          Schon vor dem ersten Kampf gegen Mike Tyson war Holyfield 1996 wegen eines angeblichen Herzfehlers von zwölf Fachärzten der Mayo-Klinik untersucht worden. Ergebnis: beste Gesundheit. Holyfield zerstörte den Mythos Mike Tysons und schuf seine eigene Legende, erst durch den K.-o.-Sieg, dann im Rückkampf durch die Tatsache, dass ihn Tyson ins Ohr biss.

          Zwölf Jahre später kam nun das Bayreuther Klinikum zu gleichen Erkenntnissen. „Wenn sämtliche Untersuchungen zur vollsten Zufriedenheit ausfallen“, so Wagner, „dann ist es in Ausnahmefällen gerechtfertigt, auch einen 46-Jährigen boxen zu lassen. Ich würde mich doch nicht an den Ring setzen, wenn ein erhöhtes Risiko bestünde.“ Der Nächste über vierzig, also. Vielleicht Mike Tyson?

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