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Boxen : Veit gerät die Revanche zur Mutprobe

  • -Aktualisiert am

Mario Veit am Boden, Joe Calzaghe gewinnt Bild: AP

WBO-Weltmeister Joe Calzaghe verteidigt den Titel durch technischen K.o.. In der sechsten Runde stoppte der Ringrichter den Kampf. "Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne", erinnerte sich Mario Veit später.

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          Diesen geradezu lüsternen Blick wird Mario Veit nie vergessen. Er war der Herausforderer des Weltmeisters, aber dieser Joe Calzaghe taxierte ihn, sah aus seiner Ringecke zu ihm hinüber, wie vor ein paar Monaten ein gewisser Fabrice Tiozzo es mit Dariusz Michalczewski gemacht hatte.

          Der Waliser Calzaghe boxt heute, wie Briten einst Fußball spielten: Kick and rush stand für nimmermüden Einsatz ohne Taktieren, den Kampf mit offenem Visier. Das deutsche Publikum hat am Samstag abend Bekanntschaft gemacht mit dem Gegenentwurf zu hiesigen Boxhelden wie Henry Maske, Sven Ottke oder Markus Beyer. Defensivspezialisten, Meister des Minimalismus im Ring. Dieser Calzaghe ist das Kontrastprogramm zur deutschen Art des Faustfechtens. Mario Veit hat die Konsequenz des WBO-Titelträgers im Supermittelgewicht nicht erst am Samstag in Braunschweig schmerzhaft zu spüren bekommen. Ihre Wege hatten sich schon einmal vor vier Jahren in Cardiff gekreuzt. Damals verlor der gelernte Koch aus Lauchhammer in Brandenburg durch K.o. in der ersten Runde. Seitdem hatte Veit 15mal gewonnen, die Zeit schien reif für eine Revanche.

          Calzaghe forcierte die Treibjagd

          Mehr als eine Mutprobe ist es nicht geworden. In der sechsten Runde stoppte Ringrichter Gino Rodriguez den Kampf. "Ich war nicht mehr Herr meiner Sinne", erinnerte sich Veit später an die kritischen Momente im Ring. Etwa an das Finale des fünften Durchgangs, als er zu Boden mußte und angezählt wurde.

          Calzaghe boxt heute, wie Briten einst Fußball spielten: Kick and rush

          Nach der Pause zur sechsten Runde setzte Calzaghe nach, forcierte die Treibjagd, bis Veit in die Knie ging, sein Trainer Fritz Sdunek die Rechte mit dem Handtuch in der Faust reckte. Zum Zeichen der Aufgabe? "Ich wollte ein Zeichen setzen, dem Ringrichter signalisieren, Verantwortung zu übernehmen." Der hielt kurz inne, sah Veit in die Augen, gab den Kampf nochmals für einen Schlaghagel frei, dem er nur Sekunden später Einhalt gebot. Technischer K.-o.-Sieger war also Joe Calzaghe, und er ist damit weiter ungeschlagen nach nunmehr 39 Profikämpfen. Er ist WBO-Weltmeister seit dem 11. Oktober 1997, als er Chris Eubank entzauberte.

          Veit ist überrollt worden

          Calzaghe ist eine der besten Adressen des Berufsboxens, ohne ein Weltstar zu sein - weil er erst zum zweiten Mal seine Heimatinsel für einen Titelkampf verlassen hat, vor allem aber, weil ihn die Konkurrenz konkurrierender Verbände meidet wie der Teufel das Weihwasser. Sven Ottke darf sich noch im nachhinein gratulieren, während seiner Karriere einen Bogen um diesen walisischen Haudrauf gemacht zu haben. Und Markus Beyer, Titelträger des WBC, wird sich in der Beobachterrolle geschworen haben, auf Distanz zu bleiben. Am besten daheim im Sessel vor dem Bildschirm, aber bloß nicht im Ring. Frank Warren, der Manager Calzaghes, gibt sich beim Thema Vereinigungskampf keinen Illusionen hin. Sein Kollege Wilfried Sauerland, Promoter der Auftritte Beyers, agiere, als stehe er dem Kinderschutzbund vor, wenn es um seine Boxer gehe.

          Sein Zugpferd braucht Warren nicht in Watte zu packen. Der Nimbus des Unbezwingbaren ist Segen und Fluch zugleich. Kaum einer traut sich an diesen Rechtsausleger heran, der keine Verschnaufpausen kennt, zudem unorthodox agiert, es dem Gegenüber nahezu unmöglich macht, die Übersicht zu behalten. Er praktiziert das, was man im Fußball Pressing nennt. Veit hat "alles probiert", so dessen Manager Klaus-Peter Kohl, aber er ist überrollt worden von einem Athleten, der zur Champions League des Preisboxens zählt. Felix Sturm, die momentane Zugnummer im Boxstall Universum, hatte in der ersten Reihe der Volkswagenhalle bei Calzaghe "alles gesehen, was einen Ausnahmeboxer ausmacht: Beweglichkeit, Schlaggeschwindigkeit, Killerinstinkt. Er hat Nachteile in der Deckung, aber wenn er einen Schlag fängt, gibt er fünf zurück." Mario Veit zählt zu den Kronzeugen. "Er war froh, als es zu Ende war", gab Sdunek Veits Gefühlslage wieder, die vermutlich auch die seinige war. Sie hatten gemeinsam versucht, diese große Nummer zu kippen, darauf spekuliert, daß dieser Athlet mit 32 Jahren beginnt, Ringrost anzusetzen. Aber keine Spur davon.

          Für Veit blieben 350.000 Euro

          Doch es gibt Tage im Leben des Joe Calzaghe, da fühlt er sich wie der Herzog einer Grafschaft, dabei wäre er lieber der Herrscher eines Imperiums. Die Geschäftspolitik der Verbände, in denen jeder seinen eigenen Weltmeister protegiert, ist ihm, seinem Manager und seinem Vater Enzo, der zugleich sein Trainer ist, im Wege. Ein verkannter, außerhalb der Britischen Inseln nahezu unbekannter Herr der Ringe. Darum kamen gerade mal 2.500 Zuschauer in die Volkswagenhalle nach Braunschweig. Bei Calzaghe stimmte wenigstens die Kasse. Er bekam 1,4 Millionen Euro, für Veit blieben 350.000 Euro an Gage übrig.

          Joe Calzaghe sieht "schöne Zahltage in Reichweite", während der desillusionierte Mario Veit noch nicht darüber nachdenken wollte, "wie es weitergeht. Ich höre nicht von heute auf morgen auf." Aber mit seinen 31 Jahren hat Veit das Thema in dieser Nacht zumindest angedacht. "Es gibt nicht viele, die ein Comeback gegen mich wagen", spendete der Sieger Lob und Trost. Tatsächlich war Mario Veit der erste, der sich traute. "Mir hat es Spaß gemacht, ich bin noch hungrig aufs Boxen", sprach der große Meister. Darauf hatte Veit keine Antwort mehr.

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