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Boxen : Markus Beyer kann wieder lachen

  • -Aktualisiert am

Markus Beyer (re.) setzt seinen Kopf durch. Bild: AP

Profiboxer Markus Beyer ist zum dritten Mal Weltmeister geworden ist, nachdem er den Supermittelgewichts-Titel der WBA zweimal verloren hatte. Manager Sauerland hofft bei seinem Sorgenkind nun auf Stabilität auf hohem Niveau.

          Am 18. Dezember soll Markus Beyer schon wieder ran. Normalerweise wird Körper und Kopf eines Berufsboxers, mit dem Manager und Trainer noch viel vorhaben, eine längere Pause gewährt. Aber beim Mann aus dem Erzgebirge, der am Samstag in Erfurt zum dritten Mal Weltmeister geworden ist, nachdem er den Supermittelgewichts-Titel der WBA zweimal verloren hatte, ist manches anders. "Wir sind keine Maschinen", sagte der Psychologe Eckard Winderl, dessen Rat Management wie Athlet eingeholt haben. Und gerade deshalb soll das Eisen geschmiedet werden, solange es heiß, die Erinnerung noch frisch ist an den Befreiungsschlag von Erfurt, den technischen K.o. des Titelverteidigers Cristian Sanavia nach 54 Sekunden der sechsten Runde.

          "Das war für Sie!", war der erste geflüsterte Reflex des neuen Weltmeisters im Ring. Es waren Beyers Worte an Arbeitgeber Wilfried Sauerland, der sich vor Glückseligkeit über das Comeback seines Sorgenboxers einen Klammergriff erlaubte. Nachdem er und Trainer Ulli Wegner ein extremes "Rauf und runter" mit diesem mittlerweile 33 Jahre alten Beyer erlebt haben, erhoffen sie sich sehnlichst so etwas wie Stabilität auf hohem Niveau. Vom "Herrn Winderl" wünschen sie sich ebenfalls eine baldige Fortsetzung seiner Gesprächsrunden mit Beyer. "Persönlich viel gebracht" hätten sie ihm, sagt der Boxer, "ich habe mich in meiner Haut viel wohler gefühlt." Ja, bestätigen die Leute in seiner Umgebung, man habe ihn auch mal lachen sehen.

          Sieg mit „Lucky punch“

          Es war ein gequältes Lächeln, das Beyer sich nach seinen letzten Kämpfen abgerungen hatte - selbst dann, wenn er gewonnen hatte. Weil seit Jahren keine überzeugende Vorstellung im Seilgeviert dabei war. Nach dem Verlust des Championgürtels im Juni gegen just den Italiener Sanavia hat sich der Sachse die Sinnfrage gestellt und dann nochmal Anlauf genommen. Alles wäre für die Katz gewesen in der ersten Stunde des Sonntags ohne jene Aktion in der sechsten Runde: Beyer, Rechtsausleger wie Sanavia, täuschte einen Schlag mit der rechten Faust an, traf mit der Linken, also seiner Schlaghand, lieferte eine Zugabe mit rechts und hatte den Titelverteidiger mit einer abermaligen Linken am Boden. Was nach kühler Berechnung aussah, nannte Beyer "Lucky punch", einen glücklichen Schlag, der in seiner Effizienz verheerend ausfiel: "Hände, die man nicht sieht, sind doppelt gefährlich", sagte Beyer. Da kann er mitreden, da ist er Experte. So war er einst im Mai 2000 seinen im Oktober 1999 in England gegen Ritchie Woodhall erkämpften Titel erstmals Knall auf Fall los geworden: gegen den Engländer Glenn Catley. K.o. in der zwölften Runde. Die Erinnerung muß sich festgesetzt haben, denn der Hochveranlagte war fortan nie mehr der, der er einmal war, sobald es hinaufging in das Seilgeviert.

          Ob mit diesem einen Schlag von Erfurt alles anders wird? Die fünf Runden zuvor haben auch Henry Maske, einen ehemaligen Weltmeister, der seine Kameraden von einst mit Kennerblick seziert, ins Grübeln gebracht. "Reden wir nicht von den ersten fünf Runden", sagte er, "reden wir lieber vom Neustart". Beyer verfiel in den alten Fehler, stehen zu bleiben, sich auf den Infight einzulassen, statt wie einst er selbst oder Sven Ottke auf flinken Beinen auszuweichen. "Er hatte mich fast schon da gehabt, wo ich nicht hinwollte", sprach Beyer selbstkritisch an. Aber selbst als es "nicht so gut lief habe ich positiv gedacht. Da ist voll was drin, du schaffst das noch".

          Trägt das neue Fundament?

          Der hohe Zufriedenheitsgrad des angeheuerten Psychologen ("90, 94 Prozent") deckte sich bei weitem nicht mit dem der Fachleute, aber was nicht ist, kann mit dem plötzlichen Sieg ja noch werden. Was beim Psychologen noch akademisch klang ("Aufdeckung unbekannter Prozesse und Leistungslücken, innere Ressourcen, Grundstabilität finden"), kam aus dem Munde des Trainers als gebrauchsfertige Anleitung: "Markus, laß die Hände fliegen!". Jetzt darf spekuliert werden, ob dieser Schlag tatsächlich auch der Möglichkeit zu verdanken war, sich "auszuquatschen", wie es der Manager auf gut deutsch nennt. Er habe "dem Psychologen alles über Markus erzählt, aber wirklich alles", geschlagene viereinhalb Stunden lang. Und Winderl sagte so prompt wie bestimmt: "Darauf kann ich aufbauen". Ob das frisch gegossene Fundament trägt, wird der 18.Dezember zeigen.

          Mit "serr gutt", hätte Dennie Mancini Beyers späte Gala quittiert. Für die Sauerland-Boxer war der englische Cutman mit italienischem Stammbaum über Jahrzehnte ihr Samariter für die kleinen und großen Blessuren am Kopf. Und er taugte trotz egrenzten deutschen Sprachschatzes auch als Hobby-Psychologe in der Stunde der seelischen Not. Im September ist er im Alter von 71 Jahren gestorben. Das selige Lächeln in der Nacht von Samstag auf Sonntag hätte Markus Beyer ihm gerne noch geschenkt.

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