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Boxen : Marco Huck hofft auf den einen Punch

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Marco Huck will in der World Boxing Super Series seinen Ruf restaurieren – das Problem: Der Gegner ist stark.

           Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich Profiboxer vor dem Kampf aufführen. Wie im Kindergarten. Die Marketingleute wollen das so. Und so standen sich Marco Huck, früher in Berlin zu Hause, seit ein paar Jahren wohnhaft im serbischen Novi Pazar, und der Ukrainer Aleksandr Usyk am Mittwoch Auge in Auge gegenüber, Huck schubste seinen Gegner, der ihm am Samstag in der Berliner Max-Schmeling-Halle im Ring gegenüberstehen wird, und schon war der gewünschte „Eklat“ da. Usyk tat so, als wolle er auf Huck losgehen und formte beim Weggehen die Finger zu einer Pistole, was Huck zu der Bemerkung veranlasste, Usyk solle „bloß abhauen, sonst hau ich dir ein paar hinter die Ohren“. Der Ukrainer sagte daraufhin ein paar Pressetermine ab, auf die er sowieso keine Lust hatte, und kündigte an, „Huck und seine Karriere am Samstag zu beerdigen“.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Das übliche Ballyhoo also. Im modernen Preisboxen kommt dann häufig nicht mehr viel Aufregendes hinzu, im Ring ist oft weitaus weniger los. Das dürfte diesmal anders sein. Mit dem Fight Huck gegen Usyk startet in Berlin die „World Boxing Super Series“ um die Muhammad-Ali-Trophy, die nicht nur einen imposanten Titel trägt, sondern neben 50 Millionen Dollar Preisgeld auch hochklassigen Sport in Aussicht stellt. Gekämpft wird im K.-o.-Modus im Supermittel- und im Cruisergewicht, der Klasse von Huck und Usyk. Jeweils acht Boxer nehmen teil, die Viertelfinalkämpfe finden im September und Oktober statt, die Halbfinals im Januar und Februar und das Finale schließlich im Mai kommenden Jahres.

          Huck, der unter der Regie von Trainerlegende Ulli Wegner im Berliner Sauerland-Boxstall von 2009 bis 2013 WBO-Weltmeister im Cruisergewicht war, hat sich in den vergangenen Jahren selbst demontiert. Nach seiner Trennung von Sauerland 2014 ging es mit dem schlagstarken, aber trainingsfaulen ehemaligen Kickbox-Weltmeister bergab. Er unterlag dem Polen Krzysztof Glowacki durch K.o. und verlor gegen den unbekannten Letten Mairis Briedis. Auch der letzte WM-Titel war damit futsch, und das Renommee sowieso. Als Selbstvermarkter war Huck krachend gescheitert – an fehlender Einstellung zum Beruf, an mangelnder Organisation, an eklatanter Selbstüberschätzung. Huck hatte seine Karriere ruiniert, so schien es. Doch nun hat er, dank der Boxing Super Series, unverhofft doch noch eine Chance bekommen, sich auf der Box-Bühne zurückzumelden und noch einmal zum großen Schlag auszuholen. Der Kampf am Samstag ist seine letzte Chance, verliert er ihn, zählt er mit 32 Jahren nicht mehr zum Kreis derer, die um die ganz großen Titel kämpfen. Der Sieger der Super Series bekommt die WM-Gürtel aller vier großen Boxverbände.

          Wer Marco Huck in dieser Woche in Berlin erlebte, sah einen Boxer, der sich nicht verändert hat. Der immer noch eine besonders dicke Lippe riskiert, in der Vorbereitung aber nicht gerade auf höchstem Niveau arbeitet. Stand früher Wegner in seiner Ecke, so betreut ihn jetzt Conny Mittermeier, ein Coach ohne großen Namen, den Huck 2016 ein paar Tage vor seinem Kampf gegen Ola Afolabi schon einmal rausgeworfen hatte.

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          Gefragt, wie er sich auf seinen Gegner Usyk eingestellt habe, antwortete Huck mit gewohnter Attitüde, er stelle sich auf gar niemanden ein. „Usyk muss sich auf mich einstellen.“ Das hört sich gut an, aber das Problem ist: Usyk ist nicht irgendwer. Der Ukrainer ist im Turnier an Nummer 1 gesetzt, er ist WBO-Weltmeister, Olympiasieger von London im Schwergewicht, als Profi hat er alle zwölf Kämpfe gewonnen, zehn durch K.-o. Der Rechtsausleger, der von den Klitschko-Brüdern promotet wird, gilt als schlagstark, aber auch als technisch hervorragend ausgebildeter Konterboxer. Gefragt, ob er mit nur zwölf Profikämpfen gegenüber Huck, der 45 bestritt, nicht im Nachteil sei, was die Erfahrung betreffe, antwortete er, offenbar liege da ein Missverständnis vor, er habe nicht nur zwölf Profikämpfe bestritten, sondern auch 350 Amateurkämpfe – und eine Menge Straßenkämpfe noch dazu. Für Huck, den 32-jährigen Champion von einst, so sehen das auch die Buchmacher, ist der zwei Jahre jüngere Usyk im Prinzip eine Nummer zu groß. Wer hundert Euro auf Huck setzt, bekommt bei einem Sieg 850 Euro zurück, wer hundert Euro auf Usyk setzt, bekommt 104.

          Und dennoch hat Huck eine kleine Chance. Boxerisch kann er mit dem Ukrainer nicht mithalten, so viel ist klar. Aber er hat den Punch, das macht ihn auch für einen Mann von der Klasse Usyks gefährlich. Er hat den Punch, mit einem Schlag alles entscheiden zu können. Darin liegt der Reiz dieses Fights. Ein ukrainischer Meisterboxer gegen einen Schläger aus Novi Pazar, der in Berlin Heimvorteil genießt, wenn er um seine letzte Chance boxt, wieder ganz nach oben zu kommen. Kann eine spannende Geschichte werden.

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