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Boxen : Klitschko ist entthront

  • -Aktualisiert am

Wladimir Klitschko blieb gegen den Briten Tyson Fury zu passiv. Bild: Reuters

Wladimir Klitschko ist entthront worden: Der unorthodoxe Brite Tyson Fury hat ihm alle Box-Titel abgenommen und eine Lektion erteilt. Vom Aufhören will der verwundete König trotzdem nichts wissen.

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          Die Schnelldiagnose dieser Box-Weltmeisterschaft im Schwergewicht: Ein Harlekin wie Tyson Luke Fury entwaffnet den Überflieger Wladimir Klitschko, weil er sich traute und die Strategie durchzog, den Ukrainer zu überlisten. Fury dürfte eine kurze Episode in der Geschichte der Königsklasse bleiben. Ein One-Night-Stand des Mannes aus Manchester, der es in der Nacht von Düsseldorf verstand, mit einer Überdosis an Selbstvertrauen und unorthodoxem Boxstil Klitschko zu düpieren.

          Der Weltmeister, der seine letzte Niederlage im April 2004 bezog, seit April 2006 das Schwergewicht dominierte, wirkte am Samstag von Runde zu Runde ratloser und hilfloser, diesem Flummi mit der hünenhaften Gestalt beizukommen. Acht Zentimeter größer als der Adonis; mit einer Reichweite, die die seinige um zehn Zentimeter übertraf. Der leistete sich sogar ungestraft die Provokation, beide Fäustlinge hinter seinem Rücken zu kreuzen! Der Ausnahmefall war da. Alarm im Hause Klitschko!

          Da funktionierte die Mechanik nicht wie gewohnt: Keine linke Gerade, kein Jab, mit dem sich über ein Jahrzehnt lang die Möchtegern-Peiniger vom Leib halten ließen. Stattdessen ein Quälgeist auf zwei schier unermüdlichen Beinen, der kein Ziel abgab. Mit Krakenarmen, die für ein Störfeuer sorgten, das den Titelverteidiger verunsicherte. Während Furys Schädel nach zwölf Runden nur eine Schramme aufwies, sagte Klitschko nach dem prüfenden Blick in den Spiegel: „Im Gesicht sieht es nicht ganz so vernünftig aus.“

          Bruder Vitali, als Bürgermeister von Kiew routiniert im Krisenmanagement, gab sich „geschockt“. Da erging es ihm wie dem Publikum im Düsseldorfer Rheinstadion, das sein Idol nicht wiedererkannte. „Von Technik, Taktik und Kondition war nicht viel zu sehen“, las Vitali dem mit 38 Jahren Jüngeren die Leviten. Tatsächlich war die erste gescheite Rechte erst in Runde neun zu besichtigen. Und erst kurz vor Ultimo, in der Schlussrunde, zeigte der Titelträger der Verbände WBA, IBF und WBO jene Entschlossenheit, die ihm zuvor abging.

          Kein Mumm zur Offensive

          Die Punkturteile (115:112, 115:112,116:111) pro Fury quittierten einen Kampfverlauf, der oft einem Schattenboxen glich, aber nur deshalb möglich war, weil Klitschko nie den Mumm fand, in die Offensive zu gehen. Aus lauter Angst, sich einen Konter einzufangen. Für den promovierten Sportwissenschaftler ist Boxen ein Sport mit der ständigen Rückversicherung, kein Risiko einzugehen. Den physischen Vorteil hatte er in der Vergangenheit abonniert, die meisten Herausforderer kapitulierten früher oder später innerlich angesichts der Vergeblichkeit ihrer Bemühungen. Das hat den Großteil der Klitschko-Kämpfe über ein Jahrzehnt lang zu vorhersehbaren Langweilern gemacht.

          In Fury muss sich das Klitschko-Lager schon deshalb getäuscht haben, weil er als nicht ernstzunehmender Kandidat rüberkam. Mit der Vergangenheit von nur 24 Profikämpfen gegen Boxer aus der zweiten Garnitur dessen, was sich Weltklasse nennt. Fury ist das Kind einer fahrenden Schaustellerfamilie, in deren Vita Boxen zum Lebenserwerb herhalten musste.

          Hier der von der Vernunft gesteuerte, taxierende Athlet, dort der durchgeknallt wirkende, feixende Entertainer, der vor dem ersten Gong übermütig ein Tänzchen hinlegte. Und so einen soll man ernst nehmen? Doch, in Ansätzen müssen sie Gefahr gewittert haben, als sie den Ringboden mit drei Lagen Schaumstoffmatten belegen ließen. Ein tiefer Boden, der den Bewegungstrieb Furys reduzieren sollte.

          Als durchzuckten ihn Stromstöße

          Die Briten bestanden darauf, eine Lage zu entfernen, die Grundlage für das, was kam, war bereitet. In Klitschkos Ringecke hatten sie keinen erkennbaren Plan, wie diesem unverschämten, albernden Kerl beizukommen war. Er bewegte sich, als durchzuckten ihn Stromstöße, und Klitschko reagierte, als liefe er Gefahr, einem Elektrozaun zu nah zu kommen.

          Der Spuk endete mit dem Eingeständnis einer „verdienten Niederlage“. Alle im Team Klitschko sagten das. Da wurden keine Verschwörungstheorien aufgetischt wie einst nach der Pleite gegen Brewer, gab es die ritterliche Akzeptanz des Verlierers für den Sieger. Der wiederum hatte nichts mehr gemein mit jenem Fury, der sich im Vorfeld für keinen Klamauk zu schade war. „Die Show geht weiter“, betonte Vitali Klitschko, „das Interesse wird wahnsinnig sein.“ Eine erste Prognose für Teil zwei des „Kampfs der Giganten“.

          Dabei musste er viele Schläge einstecken. Bilderstrecke

          Ein gewieftes Management wie das der Klitschkos hat sich eine Rückkampfklausel für den Fall eines Falles festschreiben lassen, also im Klartext eine Revanche, und die so schnell wie möglich. „Sie wird explosiv, versäumt sie nicht“, rührte Peter Fury, Onkel und Trainer des neuen Champions, schon die Werbetrommel. „Wir werden die Chance nutzen“, sprach Vitali und suchte den Blickkontakt mit Bruderherz Wladimir. „War das heute nur Zufall, ein schlechter Tag - er kann die Antwort geben.“ Der so Angesprochene blickte süßsauer drein.

          Über Nacht vom Alter eingeholt?

          Eine Binsenweisheit im Lager der Berufsboxer besagt, dass Boxer plötzlich über Nacht von ihrem Alter eingeholt werden und nie mehr die sein werden, die sie einmal waren. Fury war 17, als Wladimir Klitschko erstmals Weltmeister wurde. Der Wahlhamburger gefiel sich vor Fury in der Festlegung darauf, dass die besten Jahre noch vor ihm lägen. Den ultimativen Test für diese These wird er gegen Fury, Teil II, zu bestehen haben.

          Der Fernsehvertrag mit seinem Haussender RTL sieht noch weitere vier Kämpfe des Quotenkönigs im XXL-Format vor. Furys Triumph dürfte andere ermutigen, die ihre Stunde gegen den verwundeten König für gekommen halten: WBC-Champion Deontay Wilder etwa oder Furys Landsmann Anthony Joshua, der als Mann der Zukunft im Schwergewicht gehandelt wird.

          Bei RTL haben sie in den Morgenstunden des ersten Advents einen in ihren Reihen präsentiert, den sie von sofort an zur RTL-Boxerfamilie zählen: Marco Huck. Die Show soll weitergehen. Man baut vor. Für die Nach-Klitschko-Ära. „Mister Steelhammer“ und den Rest der Welt trennte lange ein Eisernen Vorhang. Er ist gefallen.

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