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Deutsche Boxer gefordert : „Die Frauen haben die Messlatte hoch gelegt“

  • -Aktualisiert am

Zeigt denn Männern wie es gehen kann: Die deutsche Boxerin Ornella (blau) Wahner kämpft bei der Amateur-WM in Neu Dehli gegen die Inderin Sonia. Bild: dpa

Die deutschen Boxerinnen haben es vorgemacht, nun sollen es ihnen die DBV-Männern gleichtun. Dabei setzt der Verband auf den Nachwuchs – und seine Offenheit für nicht-deutsche Boxer.

          Die armen Männer! Jetzt müssen sie sich anhören liefern zu müssen, weil die Frauen geliefert haben. Urheber von Argumentation und Wortwahl ist Michael Müller. Als Sportwart im Deutschen Boxsport-Verband (DBV) sagt der maßgebliche Funktionär unverblümt nichts anderes, als dass die Männer gefälligst in die Gänge kommen sollen – mit den boxenden Frauen im Fachverband als Vorbildern. „Die Frauen haben die Messlatte hoch gelegt“, sagt Müller und verweist auf Ornella Wahner und Nadine Apitz, die unlängst medaillendekoriert von den Weltmeisterschaften in Neu-Delhi heimgekehrt sind. Ornella Wahner mit Gold, die Neurowissenschaftlerin Nadine Apitz mit Bronze. „Da tut sich was“, rechnet Müller die Aussichten für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hoch. Und die Abteilung Männer?

          Ihre deutsche Meisterschaft am Wochenende in Mühlhausen geriet zur Leistungsschau. Die Gretchenfrage der Bundestrainer: Wer von denen, die sich in Thüringen präsentierten, hat das Zeug, international bestehen zu können? Wobei es ja schon in den nationalen Titelkämpfen reichlich international zugeht. Seit drei Jahren gilt nämlich von der U 15 bis zur Eliteklasse: Wer seinen Wohnsitz in Deutschland hat, Mitglied in einem deutschen Klub ist und einen vom DBV ausgestellten Kampfpass besitzt, darf starten. Man darf getrost davon ausgehen: Wer im Ring punktet, beschleunigt die Einbürgerung, so sie denn angestrebt wird. Mit der Öffnung für Boxer jenseits der deutschen Grenzen hat der DBV auf die Flüchtlingswelle reagiert und zugleich profitiert. Acht Namen der neun aktuellen deutschen Meister vom Fliegengewicht (Osama Ali Mohamed) bis zum Superschwergewicht (Nelvie Tiafack) sind Belege für die im Amateurboxen gelebte Integration.

          Wenn die Punktrichter mitgespielt hätten, wäre statt des Kölners Ibragim Bazuev dem in Baden-Württemberg lebenden Mehmet Nadir Ünal nach dem Finale im Halbschwergewicht die Siegerurkunde ausgehändigt worden. Nadir ist türkischer Meister, war für seine Heimat bei den Olympischen Spielen in Rio im Ring. „Ich find’s gut“, sagt Michael Timm zum Modus, der es den Kaderboxern erschwert, sich mit Meisterlorbeer zu schmücken. Wer sich schon im eigenen Land nicht gegen hochkarätigere Gegner durchsetze, werde es erst recht nicht bei internationalen Championaten schaffen. Das Potential, in die Weltklasse vorzustoßen, sei vorhanden, behauptet Eddie Bolger. Der Ire ist seit zwei Jahren Cheftrainer und vertraglich noch zwei weitere Jahre mit dem DBV verbandelt. In seiner Heimat hat er für Weltmeister von der Insel gesorgt und in Neu-Delhi mit Timm an seiner Seite letzte Skeptiker im Lager des DBV überzeugt. „Der Input von außen hat uns gutgetan“, ist Müller voll des Lobes. Die Trainerriege war in die Jahre gekommen und damit auch „die methodische Konzeption“.

          Bolger selbst reibt sich am Föderalismus im deutschen Sport mit seinen Strukturen und Zuständigkeiten. Der Mann von der Insel ist nicht die Kämpfernatur, der mit aller Macht den Infight sucht, um alle auf seine Linie einzuschwören, er lebt sie lieber vor. Als „really good boys“ charakterisiert er die Generation der Teens und Twens, die die Etablierten in Mühlhausen herausforderten. Jene, die die Titel gewannen, waren mit einer Ausnahme zwischen 19 und 24 Jahre alt. „Sie bringen viel mit, man muss ihnen Zeit lassen“, sagt Müller und hört sich plötzlich milde und verständnisvoll an. Dabei sollen sie doch zügig liefern – die Männer.

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