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Boxkampf des Jahres : Keine Verlierer, nirgends

  • -Aktualisiert am

Heftiger Schlagabtausch bis zum Schlussgong: Abass Baraou (links) und Jack Culcay. Bild: dpa

Die hohen Erwartungen wurden nicht enttäuscht: Jack Culcay gewinnt den vielleicht fulminantesten Kampf des Jahres. Doch Abass Baraou bleibt der Mann der Zukunft.

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          Zum Ende dieses fulminanten Abends, als man ihm das erste Mikrofon vorhielt, streckte Jack Culcay Kinn und Brust heraus. Der 34-jährige Boxprofi gab sich keine Mühe, den Stolz über seine Leistung im 33. Kampf seiner Karriere (29 Siege, 4 Niederlagen) zurückzuhalten. Er hatte sich in der Endabrechnung mit „ein, zwei Runden“ vorn gesehen und mochte die Entrüstung über das Punkturteil in der gegnerischen Ecke nicht nachvollziehen. Er wisse nicht, warum sich einige dort so ereiferten, sagte er sinngemäß – und ließ dabei kurz jenes heißblütige Temperament aufblitzen, das er eventuell vom Vater, einem Zuwanderer aus Ecuador, vererbt bekommen hat. Manchmal wird die Geschichte eines Boxkampfs eben in einem einzigen Moment erzählt; dann fallen Masken, die mit den Hygiene-Protokollen dieser Tage wenig zu tun haben.

          „Golden Jack“, wie Culcay seit seinem WM-Sieg im olympischen Boxen vor 11 Jahren genannt wird, empfand in der Nacht auf Samstag einfach nur Genugtuung. Er hatte in den Berliner Havelstudios nicht nur den neun Jahre jüngeren Abass Baraou besiegt, der ihm in einem Vergleich über 12 Runden erbittert zugesetzt hatte. Sondern zugleich auch den Boxstall, der ihn nach einer Karriere-Delle vor zwei Jahren nicht weiterbeschäftigen wollte. Und stattdessen auf einen neuen, jüngeren Boxer setzte – nämlich Baraou. „Ablöse-Kampf“ nennen sie diese Konstellation gern. Wobei nahezu alle davon ausgehen, dass der aufkommende Star den etablierten am Ende verdrängt wie einen in die Jahre gekommenen Leitwolf. Jack Culcay jedoch ist bei dem vorab so getauften „Kampf des Jahres“ aus deutscher Sicht keinen Millimeter zurückgewichen.

          Heftiger Schlagabtausch

          Nicht während des heftigen Schlagabtauschs, den sich beide bis zum Schlussgong fast ohne Pause und mit ständig wechselnden Vorteilen lieferten. Und nicht im Run um eine lukrative Position beim Weltverband der International Boxing Federation (IBF). Sie hatte dem Sieger des deutsch-deutschen Gipfels vorab den vakanten Rang zwei auf ihrer Rangliste in Aussicht gestellt – und damit ein Duell gegen Rang eins um das Recht, den Champion Jeison Rosario aus der Dominikanischen Republik zu fordern. Noch mal ganz oben anzuklopfen, statt allmählich nach unten durchgereicht zu werden: diese Perspektive hat sich der in Darmstadt aufgewachsene Routinier im zwölften Profijahr mit großer Leidenschaft erkämpft. Vor dem Hintergrund kann man sein etwas trotziges Sentiment nachvollziehen. Ob die nicht einheitliche Entscheidung der drei Punktrichter (115:113 und 114:113 für Culcay, 116:113 für Baraou) wirklich die klügste war, ist allerdings diskutabel. Es hat zuletzt kaum eine größere Chance gegeben, ein mitreißendes Ringduell auf Augenhöhe unentschieden zu werten – was unter diesen Umständen keine halbe Sache, sondern die fairste aller Lösungen gewesen wäre.

          Abass Baraou machte jedenfalls auf der Stelle klar, dass er sich „nicht besiegt“ oder gar entscheidend zurückgeworfen sah. „Dieser Kampf wird mich nicht daran hindern, nach oben zu kommen“, gab er sich noch zwischen den Seilen überzeugt. Ein wirklicher Verlierer war in den zwölf rasanten Durchgängen in der Tat nicht auszumachen, und der größte Gewinn lag am Ende bei den exakt 118 Augenzeugen, die nach dem detaillierten Hygienekonzept der veranstaltenden Agon Sports und Entertainment im Berliner TV-Studio zugelassen waren. Sie hatten eine Messe mit fliegenden Fäusten erlebt, wie man sie nicht jeden Tag erlebt – schon gar nicht in diesem von einer Pandemie gelähmten Boxjahr.

          Ein Kampf auf Augenhöhe

          Die Kämpfe auf Augenhöhe hat sich der ambitionierte Agon-Boxstall auf die Fahnen geschrieben, wie er häufiger erklärt. Dahinter steckt neben Edelmut vielleicht auch die Erkenntnis, dass es anders nicht mehr weitergeht mit dem angezählten Sport. Er konnte es sich in den Jahren massiver TV-Präsenz leisten, seine herausragenden Protagonisten in Einzelvitrinen statt gegeneinander zu stellen. So trat Felix Sturm nie gegen Arthur Abraham und Henry Maske nicht gegen Dariusz Michalczewski an. Nun müssen die Veranstalter und Manager mächtig vorlegen, damit ihnen Entscheider von Sendern oder Streaming-Plattformen überhaupt mal zuhören.

          Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Sieger Culcay sich zu einer Revanche grundsätzlich bereit erklärte. „Ich weiß, wie das ist, zu verlieren“, sagte er noch im Ring, als ihm seine Betreuer um den Hals fielen. Und in Richtung Baraou: „Neun Kämpfe und schon so stark, Respekt!“

          Der offizielle Fahrplan sieht zunächst jedoch anderes vor. Nach dem Willen der IBF soll Culcay sich mit Bakhram Murtazaliev verabreden, dem in Kalifornien trainierten Tschetschenen, der auf der Rangliste vor ihm steht. Gewinnt er diesen Vergleich, winkt ihm der zweite, richtige WM-Kampf einer wechselhaften Laufbahn, die nicht zuletzt durch häufige Wechsel von Trainern und Managern gekennzeichnet ist. Baraou wiederum darf so stolz auf die erste Schramme als Profi sein wie auf die neun Siege zuvor. Er kann aus dem Gipfel zweier begnadeter Techniker jede Menge für sich mitnehmen und besitzt einen inoffiziellen Titel, der für seinen letzten Widersacher bereits außer Reichweite ist: Mann der Zukunft.

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