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Rückkehr der Profi-Zweikämpfe : Keimfreie Box-Duelle mit Perspektive

  • -Aktualisiert am

Dominant: Jack Culcay (links) bezwingt den Franzosen Howard Cospolite. Bild: Agon

Eine Geisterbox-Gala in Berlin bringt das Boxen auf die Medienbühne zurück. Dabei siegt unter anderem der Deutsche Jack Culcay gegen einen Franzosen. Doch die Veranstaltung hat noch einen weiteren wichtigen Aspekt.

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          Bis vor kurzem warfen sich auch deutsche Boxpromoter schwer in die Brust, um massierte Präsenz an ihren Veranstaltungen zu melden. Je nach Bedarf wurden da schon mal Zuschauerzahlen großzügig nach oben aufgerundet oder komplette Stuhlreihen durch vorab gestreute Freikarten zum Leben erweckt – und wenn man Taxiunternehmen dafür einspannte. Im vierten Monat von Covid-19 wird indes das genaue Gegenteil der letzte Schrei. Ein gewisser Vorreiter-Stolz war zwischen den Zeilen ja kaum zu überhören, als der aufstrebende Agon-Boxstall ein Novum ankündigte: Erstmals würde eine Gala mit Berufsboxern steigen, an der nur handelnde Personen zugelassen sind, aber nicht ein einziger Zuschauer vor Ort.

          In den Havelstudios am Westende von Berlin fanden sich am späten Freitagabend denn auch nur rund achtzig Funktionsträger ein: 14 Faustkämpfer und ihre Betreuer, Ring- und Punktrichter sowie jene Kameraleute und Redakteure, die für den Livestream der TV-Bilder auf die Online-Plattform eines Boulevardblatts benötigt wurden. Nur so konnten sich die Veranstalter vom Senat für Gesundheit grünes Licht für eine deutsche Premiere abholen. Seit dem Ausbruch der Pandemie war der Betrieb im Profiboxen wie in fast allen Sportarten weltweit so gut wie komplett zum Erliegen gekommen. Einzig in Nicaragua und kürzlich in Patzcuaro, einer Kleinstadt in Mexiko, fanden bislang ähnliche Formate im „Geisterboxen“ statt.

          „Die Fans erlöst“

          So durften die ambitionierten Newcomer im Profigeschäft im Nachgang für sich reklamieren, „alle Fans aus der wegen Corona staatlich verordneten Zwangspause erlöst“ zu haben. Alle Aktive hatten die beiden Tests unter der Woche ohne positiven Befund passiert, und wer das entsprechende Abo des Medienhauses besaß, konnte fünf der sieben Ringduelle live mitverfolgen. Darunter an erster Stelle den Kampf von Jack Culcay, der den internationalen Titel im Superweltergewicht (WBO) gegen den Franzosen Howard Cospolite verteidigte. Aber auch den von Lokalmatador Björn Schicke, der seinen EU-Titel im Mittelgewicht an Marten Arsumanjan, einen Cousin des ehemaligen Weltmeisters Arthur Abraham, verlor.

          Der hohe Anspruch des Agon-Boxstalls, bevorzugt „Kämpfe auf Augenhöhe“ zu liefern, ist durch die Abbruchniederlage des Kreuzberger Routiniers eher unterstrichen worden – auch wenn dessen Mitbegründer Ingo Volkmann sich nach insgesamt zwei Pleiten seiner Boxer an diesem Abend erwartungsgemäß „zerrissen“ gab. Dazu hat sich sein Vorzeigeboxer Culcay Aussichten auf einen weiteren WM-Kampf verschafft – oder einen Vergleich mit dem hoch gehandelten Abass Barou vom konkurrierenden Sauerland-Stall. Abwarten ist für Culcay im zwölften Profi- sowie im 35.Lebensjahr jedenfalls keine Option mehr, will er seinem WM-Titel bei den Amateuren etwas Gleichwertiges folgen lassen.

          Schon vor seinem 32. Profikampf (nun 28 Siege, 4 Niederlagen) bedauerte Culcay, nicht vor Publikum boxen zu können – betonte aber auch, ohnehin nur die Stimme des Trainers zu hören, sobald der Kampf beginnt. Etwas bizarr hörte es sich dann auch an, wie Culcay & Co. nahezu ohne Echo im Ring ihrer Arbeit nachgingen. Trotzdem lobte Thomas Pütz als Präsident des aufsichtführenden Bundes deutscher Berufsboxer die keimfreie Gala als „wichtigen Schritt in die richtige Richtung“, von dem hoffentlich „eine Initialzündung für Europa“ ausgehe: „Boxen hat wieder eine Duftmarke gesetzt. Darauf haben viele Promoter gewartet.“

          Die Hoffnung des Funktionärs wurde noch am selben Abend andernorts genährt. Im polnischen Ort Konary stieg unter ähnlichen Vorsichtsmaßnahmen eine Boxgala ohne Publikum, auf der Mariusz Wach, einst WM-Herausforderer von Schwergewichts-Champion Wladimir Klitschko, im Hauptkampf den Amerikaner Kevin Johnson auspunktete. Damit dürfte das sogenannte „Geisterboxen“ bald in Serie gehen. In 14 Tagen soll im Wuppertaler „Fightclub“ dann eine Profibox-Veranstaltung mit dem talentierten Mittelgewichtler Timo Rost stattfinden; unterdessen bastelt man auch in anderen deutschen Boxställen an einem Corona-Format. Etwa bei der SES-Boxpromotion in Magdeburg, deren Kampfabende demnächst von der ARD ausgestrahlt werden. Damit würde das keimfreie Boxen sozusagen zum öffentlich-rechtlichen Ereignis.

           

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