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Boxen in Helsinki : Arthur Abraham wehrlos, hilflos, chancenlos

  • -Aktualisiert am

In der Defensive: Arthur Abraham verliert gegen den Engländer Froch Bild: AFP

Froch hält einen Monolog, Abraham gibt keine Widerworte: Der Engländer holt sich den WBC-Titel und Abrahams Trainer brüllt bei der Niederlage in taube Ohren. Das Fazit hört sich an, als könne man die Ära Abraham ad acta legen.

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          „Boxen ist keine Gewalt, es ist eine Konversation, ein Austausch zwischen zwei Männern, die miteinander mit ihren Händen anstatt mit ihrer Stimme reden, indem sie aufs Ohr, die Nase, den Mund, den Bauch schlagen, anstatt einander die Meinung zu sagen. Wenn ein Mann im Ring kämpft, bringt er nicht Brutalität zum Ausdruck. Er zeigt eine komplexe, scharfsinnige Natur wie die eines echten Intellektuellen, eines wahren Aristokraten. Mit seinen Fäusten verwandelt ein Pugilist Gewalt in etwas Nobles, Diszipliniertes. Es ist in Wahrheit ein Triumph des Geistes.“ Überträgt man Norman Mailers eigenwillige philosophische Auslegung des Boxens auf den Weltmeisterschaftskampf im Supermittelgewicht in der eiskalten Nacht von Helsinki, hieße das: Carl Froch hielt einen Monolog, Arthur Abraham gab keine Widerworte.

          Rund 8000 Besucher in der Hartwall Arena sahen einen selten einseitigen WM-Kampf um den vakanten WBC-Titel, in dem ein hilf- und ratloser Abraham, ohne Mumm und Mut, alle zwölf Runden abgab. Mit zweimal 120:108 und einmal 119:109 bewerteten die drei amerikanischen Punktrichter die deutliche Überlegenheit des 33 Jahre alten Froch und die demütigende Deklassierung des drei Jahre jüngeren Abraham. „Das war die beste Leistung meiner Karriere“, lobte sich der kantige Stratege aus Nottingham, der sich damit den im Verlauf des Super-Six-Turniers an Mikkel Kessler (Dänemark) verlorenen WBC-Titel zurückholte. „Ich war mental stark und habe mich strikt an die Strategie von Bob (Trainer Robert McCracken) gehalten“, sagte Froch.

          Zum großen Kummer Uli Wegners war Abraham nicht so folgsam. Vor der achten Runde schrie der Trainer in der Ringecke seinen Boxer an: „Es ist eine Schande, was du hier ablieferst.“ Wegner brüllte in taube Ohren. Sein einst so willensstarker Boxer, der sich einmal sogar mit doppeltem Kieferbruch zum Sieg durchgeprügelt hatte, ergab sich willen- und wehrlos in die Niederlage. Wegner konnte Abraham nicht einmal bei der Ehre packen: „Du bist richtig feige.“

          Jubelbild mit Gürtel: Der neue WBC-Weltmeister Froch

          Abraham gegen Ward

          Da Abraham ebenso wie Froch schon vor seinem dritten Vorrundenkampf für das Semifinale des Super-Six-Turniers qualifiziert war, muss der gebürtige Armenier mit deutschem Pass nun im nächsten Frühjahr gegen den unbesiegten WBA-Champion André Ward (Vereinigte Staaten) in Amerika boxen. Froch gegen Glen Johnson (Jamaika) heißt das zweite Halbfinale. „Ein Sieg gegen Ward ist nach der heutigen Vorstellung reines Wunschdenken“, sagte ein sichtlich mitgenommener Wilfried Sauerland.

          Der Promoter konnte sich nicht daran erinnern, dass in seiner mehr als dreißigjährigen Manager-Tätigkeit einer seiner Boxer in einem Titelkampf jemals alle zwölf Runden verloren hatte. „Arthur hat nicht mehr den Hunger gezeigt“, sagte Sauerland. Wer es als Emigrant aus ärmlichen Verhältnissen zu beachtlichem Reichtum gebracht und sich unter anderem ein Flugzeug gekauft hat, der hebt wohl leicht auch mal ab.

          Puncher haute nur Luftlöcher

          Froch, mit 1,86 Meter sieben Zentimeter größer und mit einer um 7,5 Zentimeter längeren Reichweite ausgestattet, boxte den viel zu passiven Gegner klassisch aus, mit einem florettartigen linken Jab. Mit Schlagserien zu Körper und Kopf, mit einem Wirbel von Geraden, Haken und Uppercuts durchbrach er Abrahams Doppeldeckung und vermied auf schnellen Beinen und mit reflexartigen Bewegungen dessen Schläge.

          Der Puncher haute nur Luftlöcher. Wie schon zuletzt gegen André Dirrell, gegen den er durch Disqualifikation seine erste Niederlage erlitten hatte, wurden die limitierten boxerischen Stilmittel des sonst schlagstarken Haudraufs auch von Froch schonungslos aufgedeckt. Die 76,2-Kilogramm-Klasse dieses Turniers ist eben eine andere Liga als das Mittelgewicht mit ausgesuchten Herausforderern.

          „Wenigstens mit fliegenden Fahnen untergehen“

          Anderntags sah Abrahams demoliertes Gesicht aus, als sei „Arthur unter eine Dampfwalze geraten“, wie sich der zweite Sekundant Hako Sevecke ausdrückte. Mochten er und Wegner sich auch heiser schreien: „Sei nicht so passiv. Jetzt kommst du. Gegenangriff, Mann. Hau doch mal dazwischen“ - es kam nichts. „Ich bin ein Puncher. Ich wollte ihn treffen, es hat aber nicht geklappt. Mehr kann ich nicht sagen“, gab sich Abraham nach dem Kampf kleinlaut.

          Seine Betreuer waren fassungslos. „So eine Abreibung habe ich in meiner Trainer-Karriere noch nie bekommen“, sagte Wegner. Spätestens nach der siebten Runde, als der Kampf nach Punkten verloren und nur noch durch K.o. zu gewinnen war, hätte Abraham den Engländer „zum Krieg“, so Sauerland, zwingen müssen. Alles oder nichts. „Wenigstens mit fliegenden Fahnen untergehen“, sagte Wegner. „Nüscht. Arthur hat nur versucht, weg und über die Runden zu kommen.“

          Der 68 Jahre alte Trainer kündigte an: „Ich werde mit Arthur unter vier Augen reden, wie es weitergehen soll.“ Das hörte sich an, als könne man die Ära Abraham ad acta legen. Frei nach Norman Mailers Philosophie: Abraham hat keine Argumente mehr.

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