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Boxen im Fernsehen : Sparzwang und Millionendeals

  • -Aktualisiert am

15 Millionen Euro für vier Kämpfe: Die Klitschko-Brüder als Quoten-Garanten Bild: dapd

Während bei der Leichtathletik an den Übertragungsrechten gespart wird, zeigen die deutschen Fernsehsender ständig Boxkämpfe - nur nicht die wirklich wichtigen. Das K.o.-Argument heißt Quote.

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          Diese Duelle elektrisieren Boxfans weltweit: In Las Vegas kämpft an diesem Samstag der Puertoricaner Miguel Cotto gegen Ricardo Mayorga aus Nicaragua, auf der anderen Seite Amerikas, in Connecticut, boxt der Argentinier Sergio Gabriel Martinez gegen den Ukrainer Sergej Dzinziruk. Fernsehsender aus aller Welt übertragen, Zuschauer in Deutschland bekommen keine Bilder zu sehen. Dabei kämpfte Dzinziruk bis 2008 in Deutschland, er stand beim Hamburger Box-Promoter Klaus-Peter Kohl unter Vertrag - und damit beim ZDF.

          Der Fernsehsender verstand es jedoch geschickt, den herausragenden Faustkämpfer mit dem Aussehen eines Pianisten im Spätprogramm zu verstecken. Während das ZDF Mitte vergangenen Jahres ganz aus dem Ring stieg, entnervt von der anhaltenden Kritik an der Liaison mit dem Boxsport, will die ARD die Fäuste weiter fliegen lassen. Den bis 2012 laufenden Vertrag mit Kohls Gegenspieler Wilfried Sauerland hat die ARD um weitere drei Jahre verlängert - 54 Millionen Euro sollen die zehn bis zwölf Kampfabende im Jahr angeblich kosten, der Sender bestreitet diese Summe. Die Fortsetzung der Zusammenarbeit wurde bereits vor einem Monat verkündet. Noch steht der Kontrakt jedoch unter Vorbehalt - die Zustimmung der Rundfunkräte von WDR, NDR und SWR fehlt noch.

          „Ein Sport im Grenzbereich“

          Im Gegenzug für die erkleckliche Summe gibt es für den öffentlich-rechtlichen Einzelkämpfer im Boxring hohe Einschaltquoten und ein verjüngtes Publikum, das sich sonst eher im Programm der Privaten wiederfindet. Eine Mischung also, „die die Gremien von uns fordern“, sagt Wolf-Dieter Jacobi, Sportchef des für die Box-Übertragungen verantwortlichen MDR. „Wir erreichen mit unseren Übertragungen ein Millionen-Publikum, darunter viele Jüngere und Menschen, die sonst nicht so häufig ,Das Erste' sehen“, verteidigt auch ARD-Programmdirektor Volker Herres den Vertrag, den Clemens Prokop, Präsident der deutschen Leichtathleten, am Montag kritisierte - weil die ARD (wie das ZDF) aus Kostengründen auf die Übertragung der nächsten Leichtathletik-Weltmeisterschaft verzichtet. „Der Preis gehorcht den Marktgesetzen. Im Boxen gibt es im Gegensatz zur Leichtathletik eine Konkurrenz“, sagt Axel Balkausky, Sportkoordinator der ARD.

          Felix Sturm (l): Mehr als fünf Millionen Menschen vor den Bildschirm gelockt

          Die Kämpfe von Arthur Abraham, Marco Huck und Sebastian Sylvester, allesamt bei Sauerland unter Vertrag, locken samstagabends seit Jahren regelmäßig drei bis sechs Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte. „Das ist ein Marktwert, den man mit keinem anderen Produkt auf diesem hart umkämpften Sendeplatz erreichen kann“, sagt Jacobi, „Boxen ist ein absolutes Erfolgsprodukt für die ARD.“ Der frühere Amateurboxer, vom 1. Oktober an Fernsehdirektor des MDR, ist sich aber bewusst, dass „Boxen polarisiert. Das ist ein Sport im Grenzbereich. Die Diskussionen werden uns weiter begleiten, aber das ist auch legitim.“ Das ZDF ließ sich seinen Ausflug in den Ring sogar noch mehr kosten. 2002 hatte sich der Sender zunächst für fünf Jahre an Promoter Kohl gebunden, anfangs sollen jährlich bis zu 40 Millionen Euro nach Hamburg überwiesen worden sein. Der Vertrag mit Kohl, der dem Promoter zuletzt für jährlich zwölf bis 15 Veranstaltungen noch bis zu 20 Millionen Euro garantiert haben soll, lief dann aber aus. Wegen des Sparzwangs setzte das ZDF den Rotstift zunächst beim Boxen an.

          Duelle internationaler Könner gibt es nicht zu sehen

          Im Programm der ARD schlugen zuletzt mit den Briten Carl Froch und David Haye und dem Dänen Mikkel Kessler Weltklassekämpfer zu - dazu in Evander Holyfield und Jermain Taylor Athleten mit klangvollen Namen und, wenn auch lange zurückliegender, glorreicher Vergangenheit. Das Problem dabei: Sie kämpften zumeist als Gegner der heimischen Athleten. Denn die Bindung an einen Boxstall birgt das Risiko, auf Gedeih und Verderb dessen Kämpfe zeigen zu müssen - hat der gerade keine Klasse im Angebot, gibt es eben Masse. Daran scheiterten das ZDF und Kohl, der keinen neuen Fernsehpartner finden konnte und mittlerweile fast seiner gesamten Belegschaft gekündigt hat. Duelle internationaler Könner, die man von Kampf zu Kampf einkaufen könnte, gibt es im deutschen Fernsehen nicht zu sehen.

          „Wir verfolgen mit dem Sauerland-Stall ein klares Anti-Doping-Konzept. Das geht nicht von Kampf zu Kampf“, sagt Sportkoordinator Balkausky. Die Privatsender setzen im Gegensatz zur ARD auf einzelne Athleten. RTL sicherte sich im vergangenen Jahr vier weitere Kämpfe mit den Klitschko-Brüdern, die den Ukrainern 15 Millionen Euro einbringen sollen - und dem Kölner Privatsender Zuschauerzahlen in zweistelliger Millionenhöhe bescheren. Nachdem Felix Sturm vor rund zwei Wochen mehr als fünf Millionen Menschen vor den Bildschirm lockte, verlängerte Sat.1 den Vertrag mit dem gebürtigen Bosnier um sechs weitere Kämpfe. Dazu schlägt der Magdeburger Deutschrusse Robert Stieglitz für den Münchner Privatsender zu, der mit dem Produkt Boxen höchst zufrieden ist. Sat.1 übt sogar sanften Druck auf Sturm aus, er möge mit seiner eigenen Promotion doch weitere Boxer unter Vertrag nehmen, deren Kämpfe man künftig übertragen könne.

          Die ARD übertrug übrigens fast auf den Tag genau vor 40 Jahren den Jahrhundertkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier aus New York. Heute würde man ihn nicht zu sehen bekommen.

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