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Boxen : Gefahr aus dem hohen Norden

  • -Aktualisiert am

Robert Helenius Bild: Photowende

Robert Helenius ist die größte Gefahr für die Klitschko-Brüder. Der zwei Meter große Finne will heute abend in Helsinki Europameister im Schwergewicht werden - und dann die Weltmeister aus der Ukraine fordern.

          2 Min.

          Die Bedrohung kommt aus dem hohen Norden. Aus der Kälte. Obwohl heute abend (ARD live ab 22.35 Uhr) in Helsinki der russische Box-Weltmeister Alexander Powetkin seinen WBA-Titel im Schwergewicht gegen den Amerikaner Cedric Boswell verteidigt - somit den einzigen Gürtel, der sich nicht im Besitz der Familie Klitschko befindet -, steht ein anderer Athlet im Mittelpunkt. Denn der wohl gefährlichste Widersacher der Klitschkos kommt aus einem Land, das bislang eher für schnelle Autofahrer und fliegende Skispringer bekannt ist.

          Der 27 Jahre alte Finne Robert Helenius, der heute abend aller Voraussicht nach Europameister im Schwergewicht wird, ist derzeit der einzige Boxer von Format, dem Experten zutrauen, den Klitschkos gefährlich werden zu können. Die Zeiten, in denen Wladimir und Witali Klitschko furchtvoll über den Atlantik nach Amerika blicken mussten, sind endgültig vorbei.

          Finnland ist verrückt nach Helenius – verrückt nach einem Weltmeister im Schwergewicht, dem großen Zeh Gottes, wie es Schriftsteller Norman Mailer einmal formulierte. Den Nachbarn aus Schweden war das Kunststück vor mehr als 50 Jahren gelungen, als Ingemar Johansson „Thors Hammer“ auspackte und 1959 den Amerikaner Floyd Patterson entthronte. Auch Helenius ist in Stockholm geboren, als Angehöriger der finnischen Minderheit in Schweden. Die Überlegung, ihn der besseren Vermarktung wegen als Schweden zu verkaufen, währte im Berliner Sauerland-Boxstall, für den Helenius kämpft, jedoch nicht allzu lange.

          Zu groß ist die Begeisterung in Finnland. „Es wird laut“, weiß Helenius, was ihn heute abend in Helsinki erwartet. „Die Halle ist ausverkauft mit 12.000 wilden finnischen Fans. Das wird eine große Show. Nichts ist vergleichbar mit dem Gefühl, zu Hause zu boxen.“

          Der Auftritt in Helsinki ist für Helenius eine Rückkehr in die Heimat. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt er mittlerweile in Berlin. Schon als Amateurboxer kämpfte er für Hertha BSC in der Bundesliga, dann siedelte er um in das Proficamp von Ulli Wegner.

          „Ich habe viele Boxer erlebt, die nur auf große Autos, schnelles Geld und Ruhm aus waren und dabei ihre sportliche Karriere vernachlässigt haben. Robert ist da ganz anders. Ein bodenständiger, freundlicher und zuverlässiger Typ, für den Familie und Sport an erster Stelle stehen. Er wird seinen Weg gehen“, sagt Hagen Doering, Sportdirektor des Sauerland-Stalls.

          Für Trainer Wegner, der die Weltmeister Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham und Marco Huck formte, ist Helenius eine besondere Herausforderung. Denn Wegner kämpft mit dem schweren Finnen auch gegen seinen Ruf – dem strengen Lehrmeister wird nachgesagt, keine Schwergewichtler trainieren zu können. Mit Helenius tritt er bislang den Gegenbeweis an.

          Eindrucksvoll besiegte der Finne drei frühere Weltmeister. Lamon Brewster, Samuel Peter und Sergej Liakhowitsch schlug er allesamt k.o. Helenius boxt rundenlang unspektakulär, beinahe passiv, bis er dann mit schnellen, harten Kombinationen kontert.

          Beim Wiegen am Freitag kamen sich Derek Chisora (links) und Robert Helenius bereits näher

          Mit seiner makellosen Kampfbilanz von 16 Siegen in 16 Profikämpfen rangiert Helenius in der unabhängigen Computerweltrangliste auf Rang drei – hinter den beiden Klitschkos. „Witali hat 24 Kämpfe bis zur WM benötigt, Wladimir Klitschko 30, um Europameister zu werden. Robert hat erst 16 Profikämpfe absolviert. Das sagt doch alles. Er hat noch so viel Zeit und noch so viel vor sich“, sagt Promoter Wilfried Sauerland.

          „Ich will sie auf alle Fälle boxen“, sagt Helenius, der den Ukrainern auf Augenhöhe begegnen würde – Helenius misst zwei Meter. „Aber im Moment habe ich nur Derek Chisora im Sinn.“ Den Briten Chisora, heute abend Gegner im Kampf um die vakante Europameisterschaft, hatte Wladimir Klitschko bereits als Herausforderer um die WM auserkoren. Mehrfach wurde der Kampf angesetzt, mehrfach fiel er aus. Nun kann Helenius mit einem Sieg eine Botschaft an Weltmeister Wladimir senden. Eine Botschaft aus dem hohen Norden.

          Sturm bleibt Superchampion

          Felix Sturm bleibt Superweltmeister im Profiboxen. Der Mittelgewichtler aus Köln kam Freitagnacht vor 14.000 Zuschauern in Mannheim gegen den Briten Martin Murray nach 12 Runden aber über ein Unentschieden nicht hinaus. Ein Punktrichter hatte Sturm mit 116:112 vor, einer wertete 115:113 für Murray, einer 114:114 unentschieden. „Ich habe mich vorn gesehen. Ich habe die klareren Treffer gesetzt. Ich war der dominierende Mann“, meinte Sturm nach der Urteilsverkündung.

          Sturm verteidigte damit den Titel, der ihm im März vergangenen Jahres vom der WBA zuerkannt worden ist, zum vierten Mal erfolgreich. Der 32 Jahre alte Schützling von Trainer Fritz Sdunek hatte mit seinem Rivalen weitaus mehr Mühe als erwartet. Sturm konnte seine vermeintlichen boxerischen Vorteile nie nachhaltig ausspielen und zeigte sich in der Deckung erneut anfällig.

          Der nach seiner Trennung vom Hamburger Universum-Stall als selbständiger Veranstalter agierende Sturm ist der einzige verbliebene deutsche Faustkämpfer mit Titel im Mittelgewicht. Einst waren auch der Berliner Arthur Abraham, Sebastian Zbik aus Schwerin und der Greifswalder Sebastian Sylvester Weltmeister in dieser Gewichtsklasse. (dpa)

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