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Boxen : Ein starker Abgang

  • -Aktualisiert am

Ottke sagt dem Ring Adieu Bild: AP

Auf seine alten Tage als Boxer ist Sven Ottke noch mal ein Überrumpelungssieg gelungen: Erst verteidigte er in Magdeburg seinen WM-Titel im Supermittelgewicht gegen Armand Kranjc, dann trat er überraschend zurück.

          3 Min.

          Wer immer es mit Sven Ottke zu tun bekommt, macht eine Erfahrung: Dieser Mann hat es faustdick hinter den Ohren. In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist ihm auf seine alten Tage als Boxer noch mal ein Überrumpelungssieg gelungen. Nach seiner 22. Titelverteidigung als Weltmeister im Supermittelgewicht schnappte er sich das Mikrofon, sagte wie immer ein paar Takte zum gerade erlebten Kampf und fand dann einen ganz starken Abgang aus dem Ring.

          Er leitete ihn im Plauderton ein. "Darf ich mal, ich will noch was sagen", begann seine Abschiedsrunde mit einem Abschiedsgeschenk für seinen Trainer Ulli Wegner. Der muß etwas von der Endlichkeit und Einmaligkeit dieses Abends geahnt haben. In der zwölften Runde des Duells zwischen Ottke und dem Herausforderer Armand Krajnc glänzten ein paar Tränen in den Augen Wegners. Sein Gesicht verbarg er halbwegs hinter einem von der rechten Hand umklammerten weißen Handtuch. Auch den Zerberus in der Ringecke hatte Ottke nicht eingeweiht über seine Absichten, nicht seinen Manager Wilfried Sauerland und schon gar nicht seine Frau Gabi. Aber die Vorstellung im Ring machte ihn verdächtig. Da hatte einer noch mal geglänzt, gezeigt, was er kann, so als gäbe es eine Bringschuld, sich nochmals zu beweisen. Er ergriff anders als sonst die Initiative, ließ die Fäuste flitzen statt der Beine - ein untypischer Ottke, verglichen mit den letzten glanzlosen Auftritten. Danach hatten sich jene Stimmen gemehrt, die zum geordneten Rückzug rieten.

          Sein 34. und letzter Auftritt als Profi hätte als Werbeveranstaltung fürs Weitermachen getaugt. Aber das Kapitel ist nun endgültig abgeschlossen.

          Für Trainer Wenger gab's als Dank ein Auto - zunächst allerdings nur in Spielzeugformat
          Für Trainer Wenger gab's als Dank ein Auto - zunächst allerdings nur in Spielzeugformat : Bild: AP

          Fast schon legendärer Ruf als Sparbrötchen

          Wie er das Boxbuch zuschlug, zugleich den Aufbruch zu neuen Ufern ankündigte, lieferte er einen Beweis dafür, daß es beim rastlosen, hyperaktiven, großen Jungen mit der praktischen Lebensader bleiben wird. Aber erst einmal verblüffte er alle mit dem Z4 für seinen Trainer, "der sich seit Jahr und Tag ein Cabrio wünscht." Nun muß man wissen, daß Ottke, wenn es um materielle Güter geht, sich einen fast schon legendären Ruf als Sparbrötchen erworben hat. In den Morgenstunden des Sonntags, als Wegner, zurück aus der Bördelandhalle, wieder im Hotel auftauchte, öffnete sich die Tür zu jenem Saal, wo der BMW bis dahin versteckt worden war. Wieder so eine geheime Kommandosache des Spandauers, der in Köln trainierte und in Karlsruhe lebt.

          In der Woche vor dem Kampfabend in Magdeburg waren vom Management des Sauerland-Boxstalls noch große Pläne mit Ottke in der Hauptrolle geschmiedet worden. Am 10. Juli sollte in der Berliner Waldbühne "ein großes Ding" steigen. Der Hauptkämpfer war so frei, den Sportlerausgang der Bördelandhalle zu nehmen statt des Portals in der Hauptstadt. "In acht Wochen werde ich 37 Jahre. Ich habe gesagt, ich will in Magdeburg aufhören und das tue ich jetzt hiermit."

          Die Erklärung im Ring fiel knapp und bündig aus, ohne erkennbare Wehmut. Wohl auch deshalb, weil Sven Ottke schon wieder weiß, was er will. Ein Raunen ging durch die Reihen. Weil der Proletarier Ottke künftig ausgerechnet als Golfer in die Lehre geht. "Golfteacher" will er werden, in St. Leon Rot bei Heidelberg. "Das ist meine Zukunft, Leute", rief er dem Publikum zu, "ich hoffe ich seh' euch mal außerhalb des Rings", und kletterte durch die Ringseile. Zum achten Mal hatte er in Magdeburg geboxt, sich zum achten Mal bei einem Publikum bedankt, bei dem er ankam wie sonst nirgendwo in der Republik. Er war ja nie der große Draufgänger, sondern der Praktiker, der Überlebenskünstler im Ring.

          "Ich hab' 'ne Aufgabe, ich kann arbeiten"

          Was sich Sven Ottke nun vorgenommen hat, kommt einer neuen Herausforderung gleich. Der Golfer mit dem Allerweltshandicap 18 will sein Hobby zum Beruf machen. "Das wird superschwierig", sieht er die Vorgabe an einen Teaching Pro realistisch. "Ich hab' 'ne Aufgabe, ich kann arbeiten", ist für den Familienvater die Garantie dafür, es zu packen. "Jeder Leistungssportler fällt in ein Loch, ich aber bin schon aufgefangen", erläuterte der Leistungsboxer sein hausgemachtes Rezept für die Fortsetzung des Unruhestandes. Im Ring aber wolle er sich nicht mehr quälen. "Ich pack's einfach nicht mehr" spürte er von Mal zu Mal intensiver in den Wochen der Vorbereitung auf seine Kämpfe. Der Körper fühlte sich "angegriffen, platt." Früher habe ihm das nichts ausgemacht, aber jetzt, nach 22 WM-Kämpfen, wußte er vor dem letzten Gongschlag von Magdeburg, "ist Schicht."

          Jetzt ist nicht nur der WM-Titel der Verbände IBF und WBA vakant. Im Hause Sauerland und in der ARD hinterläßt Ottke das Feld einem anderen Platzhirsch, der erst noch gefunden sein will. Promoter Sauerland erklärte WBC-Champion Markus Beyer umgehend zur stallinternen "Nummer eins, zum neuen Chef". Aber dieser von Versagensängsten geplagte Supermittelgewichtler muß erst noch in die Rolle hineinwachsen. Danilo Häußler, dem ein von Borniertheit geschlagenes Kampfgericht einen Punktsieg über Henry Porras aus Costa Rica bescherte, wird nie das Format eines Ottke erreichen.

          Der hat es mit seinen herausragenden Tugenden verstanden, den größten Gefahren im Ring auszuweichen. Jetzt war es der gesunde Reflex, endgültig den geordneten Rückzug anzutreten. Er hat es sogar verstanden, ungeschlagen abzutreten. In einer Nacht, in der die Uhr vorgestellt wurde, hat für den Preisboxer Sven Ottke eine neue Zeitrechnung begonnen. Er muß nicht mehr von Kampf zu Kampf denken. Jetzt kommt die Spielernatur zum Zuge. "Beim Golf mußt du nur dich selber besiegen." Darin ist er geübt. "Aber ich muß niemandem mehr etwas beweisen." Jetzt hat er sogar bewiesen, daß er zum richtigen Moment aufhören kann.

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