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Boxen : Die Sucht des Arthur Abraham

„Boxen ist eine Sucht”: Arthur Abraham steht vor seinem zweiten Kampf im Super-Six-Turnier Bild:

Andere Menschen nehmen Drogen, der Deutsch-Armenier boxt - um die Gänsehaut im Ring zu erleben, um die Ehre und um das Geld. Das Karriereziel des Weltmeisters sind 50 Millionen und der Titel im Supermittelgewicht. Heute kämpft er in Detroit gegen den Amerikaner Andre Dirrell.

          6 Min.

          In dieser Maschine steckt der Teufel. Davon geht jeder Boxer aus, der sich einmal von ihr quälen ließ. Diese Maschine ist ein Sandsack, von Computern gesteuert. Arthur Abraham schlägt auf ihn ein. Acht Geraden, achtmal linker Kopfhaken, achtmal links-rechts, 20 Sekunden schnelle Schläge, zackzackzack, dann wieder Geraden, Haken, links-rechts, schnell. Der Computer gibt das Tempo vor, misst Schlagfrequenz, Schlaghärte, Präzision. Drei Minuten dauert ein Durchgang, so lang wie eine Runde beim Profiboxen. Am Ende spuckt der Maschinenteufel eine Zahl aus. Abraham hält mit 1634 den Rekord, mehr hat in zwanzig Jahren kein Boxer geschafft. Jetzt hat er mit den Leistungsdiagnostikern am Berliner Olympiastützpunkt gewettet, dass er die 1634 übertreffen werde.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Abraham ist seit sieben Jahren ungeschlagen, einer der härtesten Kämpfer der Welt, seinen Weltmeistertitel im Mittelgewicht hat er im vergangenen Jahr niedergelegt, ist ins Supermittelgewicht aufgerückt und will jetzt auch in dieser Klasse im sogenannten Super-Six-Turnier den Titel holen. Seinen ersten Kampf in der WM-Serie hat er im Oktober in Berlin durch K.o. gegen den früheren amerikanischen Weltmeister Jermain Taylor gewonnen, an diesem Samstag kämpft er in Detroit gegen dessen Landsmann Andre Dirrell (Live in der ARD ab Sonntag morgen, 3.15 Uhr).

          Als Abraham das letzte Mal in den Vereinigten Staaten antrat, 2008 gegen den Kolumbianer Edison Miranda, schlug er seinen Gegner in der vierten Runde k.o., denselben Gegner, der ihm anderthalb Jahre zuvor beim WM-Kampf in Wetzlar mit einem Schlag den Kiefer gebrochen hatte. Dieser erste Miranda-Kampf war einer der brutalsten Ringschlachten, die man je gesehen hat. Abraham boxte sieben Runden mit zerschlagenem Kiefer – und gewann.

          Rollentausch: Inzwischen sparrt der frühere Weltmeister Sven Ottke (r.) mit Abraham

          Mit einer wahnwitzigen Geschwindigkeit und Härte schlägt Abraham auf den armen Sandsackteufel ein, und am Ende bekommt er seine Zahl: 1545. Rekord verpasst. Die anderen schaffen 1200, 1300, die sehr guten 1400, da sind 1545 nicht schlecht, aber halt kein Rekord. „Die haben mich ausgetrickst“, sagt Abraham und lächelt, „ich habe mit dem Mann gewettet, der am Hebel steht, das war nicht sehr schlau von mir.“ Schlau – das ein Lieblingswort von Arthur Abraham.

          Was hat es auf sich mit der Schlauheit? Warum reicht es für einen Boxer nicht, stark zu sein?

          „Man kennt die Stärken und Schwächen seines Gegners, und das Gleiche weiß er. Aber Wissen ist zu wenig. Man muss seine Ziele umsetzen können. Welcher Boxer den anderen zwingt, einen Fehler zu machen, und darauf vorbereitet ist, diesen Fehler auszunutzen, der ist gut, der ist schlau, der gewinnt.“

          Am nächsten Morgen steuert Abraham seinen Luxuswagen auf das Gelände des Berliner Olympiastadions, linker Hand trainieren die Fußballprofis von Hertha BSC, rechter Hand in einem abgewirtschafteten Block hat der Sauerland-Boxstall sein Trainingsquartier. Abraham hat eine Plastiktüte in der Hand, vier Flaschen Sekt darin für die Leistungsdiagnostiker, Wettschulden sind Ehrenschulden. Er stellt die Plastiktüte im Trainerzimmer ab, zieht sich um. Draußen fahren weitere Autos vor, die Kennzeichen beginnen mit B-OX; an der Größe der Modelle kann man erkennen, wie erfolgreich sich ihre Besitzer bislang im Ring geschlagen haben. Abraham ist der Star bei Sauerland, den Ferrari hat er heute zu Hause gelassen. Dann geht es zum Waldlauf. Alle zusammen. Zwölf Kilometer.

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