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Boxen : Der Lebenskämpfer Jürgen Blin

Boxen durch und durch: Jürgen Blin vor einem Porträt als junger Kämpfer Bild:

Jürgen Blin boxte einst gegen Muhammad Ali, am Tag nach dem Kampf arbeitete er schon wieder in einer Fleischerei. In den Jahren danach verlor er einen Sohn und sein Vermögen. Aber der Hamburger gab nie auf.

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          Hauptbahnhof Hamburg, U-Bahn-Eingang Kirchenallee. Dort unten verdient er sein Geld. An den vergilbten Wänden hängen zwei Spielautomaten, es riecht nach Bier und Nikotin, hinter dem Tresen steht Jürgen Blin. Ein kräftiger und kantiger Mann mit einem zerfurchten Gesicht und der lädierten Nase eines Boxers. Das hier ist so etwas wie seine Heimat, er hat sie „Jürgen Blin's Bier- und & Snackbar“ genannt. Meistens gibt es Alkohol. Schon früh am Morgen sitzen ihm menschliche Schicksale gegenüber, reden über das Leben, er hört ihnen zu. Tag für Tag, Monat für Monat, 1978 hat er die Kneipe eröffnet. Mittlerweile ist Blin 67 Jahre, ans Aufhören denkt er nicht. „Ich bin fit“, sagt er. „Schau mich doch an.“ 85 Kilogramm, das war sein Kampfgewicht, und mehr ist es auch heute nicht. Darauf ist er stolz.

          Michael Wittershagen

          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer sich mit Blin unterhält, der wundert sich zunächst über seine laute Stimme. Damit prescht er nach vorne, so wie er es damals im Ring getan hat. Furchtlos und selbstbewusst. Das war nicht immer so. Sein Vater war Alkoholiker - und Blin dessen Launen ausgesetzt. Er wird geschlagen, muss noch vor dem Sonnenaufgang in den Stall auf dem Hof auf Fehmarn und die Kühe melken, in der Schule machen sie sich über ihn lustig. „Ich bin oft in den Wald gegangen und habe geheult“, sagt Blin. Mit fünfzehn haut er ab, heuert auf einem Schiff an, fährt nach Liberia, Kanada und Norwegen. Zurück in Hamburg, beginnt er eine Lehre als Fleischer und entdeckt das Boxen. „Ich war ja kein Talent“, sagt er. „Aber ich hatte diesen Willen. Ich wollte mit Gewalt raus aus dem Dreck.“

          Hamburger Meister, deutscher Meister, Europameister im Schwergewicht, rund eine Million Mark hat er während seiner Karriere verdient - er tat es mit der Methode Blin. Und würde nun am liebsten sehen, dass es ihm andere nachmachen. „Was wäre ich ohne den Sport geworden?“, fragt er und will gar keine Antwort.

          Stärke: Er holt sich Selbstbewusstsein am Boxsack

          „Ich will, dass die Jungs etwas Gutes tun“

          Hamburg-Jenfeld. Ein sozialer Brennpunkt mit Plattenbauten, Arbeitslosen und Kriminalität. Im März 2005 verhungert dort die siebenjährige Jessica. Zwei Jahre später nimmt Blin Kontakt zur Friedenskirche auf, er will den Jugendlichen helfen, ihnen ein Vorbild sein und eine Perspektive aufzeigen. In der Kapelle demonstriert er ein Mal in der Woche, wie man richtig boxt. „Ich will, dass die Jungs etwas Gutes tun“, sagt Blin. „Ich weiß doch, wie ich groß geworden bin, wie schwer das ist. Ich weiß, wie diese Jungs ticken.“ Das Projekt wird immer beliebter, es wird in die Turnhalle der Denksteinschule verlegt und erhält feste Strukturen. 2009 wird die Jürgen Blin-Stiftung gegründet.

          Viermal in der Woche kommen viele Jungs und einige Mädchen in die Halle, wickeln sich Bandagen um die Handgelenke, ziehen Boxhandschuhe an und legen los. Mit ihrer eigenen Geschichte. Sarina ist 17, ihre Eltern kommen aus Serbien, früher lebten sie in Mecklenburg-Vorpommern und wurden beschimpft von Männern mit kahlrasierten Schädeln. „Rassismus“, sagt Sarina. Sie fing an zu boxen, wollte sich wehren können und sagt nun: „Heute sehe ich die Welt mit anderen Augen.“ Sie ist selbstbewusster geworden, boxt auch nach den Umzug nach Hamburg weiter und will im März zu ihrem ersten Wettkampf antreten.

          Dennis ist 18 und hat diese Erfahrung längst gemacht. Ein Sozialarbeiter brachte ihn vor einem Jahr zum Box-Projekt, einen Straßenkämpfer, der von der Schule geflogen war. Nach zwei Wochen wollte er zum ersten Mal in den Ring steigen, tat es, musste ordentlich einstecken - und fing an zu weinen. Seitdem trainiert er und möchte sich erst dann wieder mit anderen messen, wenn er boxen kann. Er ist dabei, den Realschulabschluss zu machen, danach möchte er eine Lehre beginnen. Sieben Trainer sind an vier Tagen in der Woche für die rund 150 Jungs und Mädchen da, aber Blin ist immer seltener dabei. „Mir ist das alles zu lasch hier, da ist kein richtiger Zug dabei“, sagt er.

          „Der Anspruch von Jürgen ist zu hoch“

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