https://www.faz.net/-gtl-z7ht

Boxen : Abraham vor der Sinnfrage

  • -Aktualisiert am

Volltreffer: Andre Ward lässt Abraham keine Chance Bild: AFP

Preisboxer Arthur Abraham ist beim Super-Six-Turnier der besten Supermittelgewichtler ausgeschieden. Nach der Niederlage gegen Andre Ward ist seine Zukunft besiegelt: Zurück in die Provinz. Nicht nur Trainer Ulli Wegner ist tief enttäuscht.

          3 Min.

          Sie saßen da wie ein Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat. Den Boxer Arthur Abraham schien eine unsichtbare Wand vom Trainer Ulli Wegner zu trennen. Man geht auf Distanz. Das Kapitel Comeback des Weltmeisters von einst hat sich nach dem Auftritt im Home Depot Center von Los Angeles vorerst erledigt. Nach 32 Siegen im Mittelgewicht, darunter zehn Titelverteidigungen, setzte er seinen Abstieg nach dem Aufstieg ins gut vier Kilogramm schwerere Supermittelgewicht fort.

          Diesmal schlug die Mission im Duell mit WBA-Champion Andre Ward aus Kalifornien fehl. War es bei der letzten Niederlage gegen Carl Froch die Passivität, die Wegner ratlos gemacht hatte, war es diesmal Abrahams Eigensinn. Drei Runden lang hatte sich „König Arthur“ an die taktische Marschorder gehalten: Den Mann aus Oakland beschäftigen, ihn einengen, ihm mit Körpertreffern zusetzen. Ward, im Profilager noch ungeschlagen, blickte irritiert drein. War das der gleiche Typ wie jener, der es Froch so leicht gemacht hatte?

          Dann aber änderte der Wahl-Berliner mit armenischen Wurzeln seine Strategie, verschanzte sich wie früher hinter seiner Doppeldeckung. Eine Einladung an den ehemaligen Olympiasieger, sein umfangreiches Repertoire an Störmanövern an den Mann zu bringen. Darunter Schläge im Grenzbereich auf Höhe der Gürtellinie. Das Bewegungstalent zermürbte Abraham mit seinem Masterplan, ihm auf fixen Beinen den Weg abzuschneiden. Warum Abraham nicht fortsetzte, was er in den ersten Runden begonnen hatte? „Ich wollte durch K.o. gewinnen, weil man in Amerika nicht nach Punkten gewinnen kann.“ So besiegelte er den einstimmigen Punktsieg (120:108, 118:110, 118:110) Wards.

          Weltmeister Ward siegt klar nach Punkten

          Im Supermittelgewicht haben die Gegner längere Arme

          Abraham hat halt seinen eigenen Kopf. „Dann bist du als Trainer eine Luftnummer“, sagte Wegner. Vergebens versuchte er, seinen Boxer wieder auf Kurs zu bringen. Das Abraham-Prinzip, den Gegner irgendwann, spätestens in der zwölften Runde, von den Beinen zu holen, hat im Mittelgewicht blendend funktioniert. Doch im Supermittelgewicht haben die Gegner längere Arme, sind robuster und talentierter. Dabei hatte sich Abrahams Management mit dem Super-Six-Turnier der besten Athleten aus unterschiedlichen Verbänden das vermeintliche Nonplusultra ausgedacht, um den angeschlagenen Ruf des Berufsboxens aufzupolieren. Mit gleich zwei von sechs handelnden Personen unter Vertrag liefen die Hochrechnungen von Promoter Wilfried Sauerland, zusammen mit seinem Sohn Kalle „Erfinder“ des Super Six, auf ein Finale zwischen dem Dänen Mikkel Kessler und eben Arthur Abraham hinaus. Kessler musste frühzeitig wegen einer Augenverletzung passen, Abraham brachte es immerhin bis ins Halbfinale, dem Duell in Los Angeles.

          Der Kampf unter grauem Himmel, im Freien bei Temperaturen um die zehn Grad, hatte verheißungsvoll begonnen, die armenische Gemeinde im Publikum war begeistert. Doch von Runde vier an verebbte der frenetische Applaus. Ein sich mitfühlend gebender Virgil Hunter, Trainer Wards, gab Abraham später den Ratschlag mit auf den Weg, sich wieder im Mittelgewicht zu versuchen. Das ist leichter gesagt als getan. Der Dreißigjährige wäre eher ein Mann fürs Halbschwergewicht. In der Woche vor dem Kampf war er noch drei Kilo über dem Limit des Supermittelgewichts. Ein Ernährungsberater ist im Gespräch, auch ein Sportpsychologe. „Wenn er einen Kampf rumreißen will, muss er bereit sein, sich zu opfern“, sagte Wegner. Nicht nur er vermisste den konsequenten Versuch einer kontrollierten Offensive. Dabei hatte sich Abraham gewissenhaft vorbereitet, sich gequält für die Chance, auf einen Schlag trotz zweier vorangegangener Niederlagen im Turnier der Besten ins Finale zu kommen.

          Aus der Distanz wird Abraham im Herbst verfolgen, wer zur Nummer eins gekürt wird. Im Staples Center von Los Angeles, dem New Yorker Madison Square Garden oder dem MGM Grand Garden von Las Vegas trifft Ward auf Froch oder den Routinier Glen Johnson. Mit 41 Jahren hat der das Verfallsdatum für einen Preisboxer eigentlich schon überschritten. In der Rückschau bleibt das Super-Six-Turnier für Abraham und seinen Promoter ein Turnier der verpassten Möglichkeiten. Wie es weitergeht mit ihm, ist aus deutscher Sicht bedeutsamer als der Ausgang des Experiments, Berufsboxern die Bühne einer Champions League zu bieten. Abraham geht den Weg zurück in die Provinz. „Ich mag den Jungen, aber vom Leistungsvermögen her war mehr drin“, sagte Wegner. Kein Widerspruch. Da hockten zwei zutiefst Enttäuschte zusammen und stellten sich die Sinnfrage. Es wird ein schwieriges Miteinander, wenn überhaupt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die Diplomaten George Kent (links) und William Taylor (rechts) im großen Ausschusssaal im Longworth-Building des Repräsentantenhauses in Washington

          Ukraine-Affäre : Taylor belastet Trump

          Mit der öffentlichen Anhörung von Kent und Taylor hat eine neue Phase der Impeachment-Ermittlungen gegen Präsident Trump begonnen. Botschafter Taylor fügt seiner früheren Aussage eine Ergänzung hinzu, die aufhorchen lässt.

          Abwahl Brandners : Hetzen als System

          Der Rechtsausschuss hat seinen Vorsitzenden Stephan Brandner abgewählt. Seit Jahren beschimpft der AfD-Politiker alle politischen Gegner – und zeigt dabei eine Vorliebe für sexuell aufgeladene Pöbeleien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.